ELTERN
13/02/2019 16:03 CET | Aktualisiert 14/02/2019 15:51 CET

Aufschrei eines Kindheitsforschers: "Jedes zweite Kind ist in Gefahr"

"Bei größtmöglichem medizinischen Fortschritt waren unsere Kinder noch nie so auffallend krank wie heute."

Caiaimage/Monashee Alonso via Getty Images

Die Kindheit ist eine der wichtigsten Phasen im Leben eines Menschen. Sie bildet das Fundament, auf dem wir alles andere aufbauen können.

In den ersten kostbaren Jahren unseres Lebens werden die Weichen gestellt, die darüber entscheiden, wie wir mit Stress und Herausforderungen umgehen, wie selbstständig wir durchs Leben gehen, welche sozialen Fähigkeiten wir erwerben – aber auch, in welchem Maß wir Glück und Zufriedenheit empfinden können, wie empathisch wir mit uns selbst und mit anderen umgehen und wie viel Nähe wir in Beziehungen und Freundschaften zulassen können.

Die Kindheit ist also von zentraler Bedeutung für unser ganzes Leben und sie war noch nie so sehr in Gefahr wie heute. Immer mehr Wissenschaftler, Forscher und Experten schlagen seit Jahren Alarm, weil es den Kindern in westlichen Ländern immer schlechter geht.

Kindern geht es so schlecht wie nie zuvor in der Geschichte 

Zu ihnen gehört auch der Kindheitsforscher Michael Hüter. Der Österreicher hat dem Thema ein ganzes Werk gewidmet. In “Kindheit 6.7 Ein Manifest” (Edition Liberi & Mundo, 2018) erzählt der Historiker die Geschichte der Kindheit und zeigt anhand von zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen, dass diese so wichtige Lebensphase mehr denn je bedroht ist. Aus Sicht des Forschers muss sich dringend und umgehend die Art und Weise ändern, wie Kinder heute aufwachsen.

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“Wenn wir so weitermachen, wie in den letzten 15 Jahren, wird es den Menschen auch ohne Klimakatastrophe und Atomkrieg in 200 Jahren nicht mehr geben”, sagte Hüter im Gespräch mit der HuffPost. “Wir müssen dringend etwas ändern an der Art, wie wir zusammen leben und wie wir mit unseren Kindern umgehen.”

Bei größtmöglichem medizinischen Fortschritt waren unsere Kinder noch nie so auffallend krank wie heute.

Die Liste der Dinge, die sich laut Hüter ändern müssten, ist lang. Angefangen bei dem Bild von Kindern, das in der Gesellschaft verbreitet ist und dem Wert, der heute der Familie als Gemeinschaft zugesprochen wird, müsste die Art der Betreuung von Kindern vom Kleinkindalter bis zum Abitur grundlegend überarbeitet werden.

Denn, wenn man dem Forscher glaubt, geht es Kindern heute so schlecht wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit:

In Europa hat inzwischen jedes zweite Kind eine chronische Krankheit. Das gab es in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nicht. Bei größtmöglichem medizinischen Fortschritt waren unsere Kinder noch nie so auffallend krank wie heute”, sagte Hüter.

Die Gründe sind vielfältig, lassen sich jedoch auf eine zentrale Erkenntnis herunterbrechen: Kinder können sich heute nicht mehr altersgemäß entwickeln, weil ihnen ein kindgerechtes Aufwachsen verwehrt wird.  

Mit dieser Meinung steht Hüter nicht alleine da. Eine wachsende Zahl von Psychologen, Soziologen, Ärzten und Neurobiologen zeigt sich besorgt über den gesundheitlichen und psychischen Zustand von Kindern und Jugendlichen.

Doch was brauchen Kinder, um kindgerecht aufzuwachsen?

“Was ein Kind evolutionär, psychologisch, neurobiologisch braucht, sind zuerst einmal seine Eltern, oder wenigstens die Mutter”, sagte Hüter. Viel zu früh werden Kinder seiner Meinung nach aus den Familien gerissen und in Kitas “fremdbetreut”.

Anstatt mehr Kitas zu bauen und immer mehr Geld in das frühkindliche Betreuungssystem zu investieren, sollte man nach Ansicht des Forschers lieber die Familien finanziell stützen.

Wir verheizen die wenigen Kinder, die wir noch haben, in ein defizitäres Bildungs- und Betreuungssystem, damit die Eltern für wenig Geld viel arbeiten können, nur um ein Wirtschaftssystem aufrechtzuerhalten, das zum Scheitern verurteilt ist.”

Hüter ist nicht der erste Experte, der die Qualität der Kitas kritisiert. Der Mangel an Fachkräften in den Einrichtungen hat auch nach Ansicht des Bindungsforschers Karl Heinz Brisch negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern. Gerade in den ersten Lebensjahren formen die Erfahrungen der Kinder die Struktur ihres sich entwickelnden Gehirns. Daher sei es von großer Bedeutung, was die Kleinsten in dieser Zeit erleben.

In einem Interview mit der “Zeit” sagte Brisch:

“Dauerstress schadet dem Gehirn, und dieser Stress stellt sich schnell ein, weil es an ausreichend beständigem emotionalem Kontakt fehlt. Natürlich kann keine Erzieherin mit sechs oder acht unter Dreijährigen emotional ausreichend in Kontakt sein. Das geht einfach nicht bei diesem Personalschlüssel und dauerndem Personalwechsel. Damit wird der Mangel an Zuneigung für die Kleinen zur Alltagserfahrung. Das müsste man dringend, dringend, dringend ändern.”

Das Schulsystem macht die Kinder kaputt

Nach Kita und Kindergarten kommt dann die Schule – das nächste defizitäre System, das den Kindern nach Ansicht des Kindheitsforschers Schaden zufügt. Der Umgang mit den Kindern, insbesondere aber auch ihre Benotung könne als Gewalt am Kind verstanden werden.

“Wenn ein Kind eine schlechte Note bekommt, wird sein Selbstwertgefühl beschädigt”, sagte Hüter.

Es fühlt sich gedemütigt und es verliert die weitere Freude am Lernen. Wenn ich bestraft werde für den Versuch, mich zu bilden, dann höre ich irgendwann auf, mit Freude zu lernen.”

Auch der bekannte Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo ist der Meinung, dass das System Schule einfach nicht kindgerecht ist:

“Immer mehr Kinder verlassen die Schule nicht mit einem guten Selbstwertgefühl. Sie fühlen sich als Versager und ­glauben nicht mehr daran, dass sie in dieser Gesellschaft bestehen können”, sagte er dem “Tagesanzeiger”.

Auswendig lernen, Hausaufgaben und Noten sind uns sehr wichtig, nützen aber nichts. Trotzdem macht die Schule unbeirrt weiter. Ich wünschte mir von einer kindgerechten Schule, dass sie die enorme Vielfalt unter den Schülern endlich akzeptiert und die Kinder dort abholt, wo sie entwicklungsmäßig stehen.”

Kinder vor dem Burnout

Die Folgen für die Kinder sind dramatisch. Eine Studie der Universität Bielefeld zeigte vor einigen Jahren, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter deutlichem Stress leiden. Befragt wurden rund 1100 Kinder und Jugendliche sowie 1039 Eltern.

Der wohl bedeutsamste Faktor für kindlichen Stress dürfte eine instrumentelle, auf Leistung und mehr noch auf Erfolg orientierte Erziehungspraxis sein.

Zwei Drittel der Kinder mit hohem Stress litten der Studie zufolge unter körperlichen Symptomen wie Schmerzen oder Schlafstörungen. “Das sind klassische Burnout-Symptome, die für Eltern wichtige Warnsignale sind”, sagte Studienleiter Holger Ziegler.

Doch die nächste erschreckende Erkenntnis der Wissenschaftler: Den Eltern ist gar nicht bewusst, dass es ihren Kindern schlecht geht. Neun von zehn Eltern glauben nicht, dass sie ihr Kind überfordern, 40 Prozent sind sogar in Sorge, dass sie den Nachwuchs nicht genug fördern.

“Der wohl bedeutsamste Faktor für kindlichen Stress dürfte eine instrumentelle, auf Leistung und mehr noch auf Erfolg orientierte Erziehungspraxis sein”, sagte Ziegler. Dabei spielt vor allem die Leistung in der Schule eine große Rolle.

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder gerne auf dem Gymnasium sehen. Erbringen die Kinder die erwarteten Leistungen nicht, werden sie mit Förderunterricht zusätzlich belastet. Ein Teufelskreis – denn was leider oft vergessen wird: Kinder brauchen Freizeit. Freie Zeit, die sie zum Spielen nutzen können.

Diese Zeit fehlt den meisten Kindern heute jedoch. Die Schule geht häufig bis 16 Uhr und danach haben viele noch außerschulische Verpflichtungen, denen sie nachgehen.

Es ist eine bedrückende und traurige Entwicklung.

Der Mangel an Spiel bedroht die Grundfeste der kindlichen Entwicklung

Mehr als 83 Prozent der Kinder mit hohem Stress haben nach eigenen Angaben keine Zeit für Dinge, die ihnen wirklich Spaß machen. Sie sind unglücklich darüber, dass sie über den eigenen Alltag so wenig mitbestimmen dürfen.

Und das bleibt nicht ohne Folgen, wie die Studie der Uni Bielefeld zeigte: Zwei Drittel der betroffenen Kinder sind vergleichsweise oft wütend, aggressiv oder gelangweilt. Sie haben ein schwächeres Selbstbewusstsein und Schwierigkeiten, Probleme selbstständig zu lösen.

Zudem verspürt jedes zweite Kind mit erhöhtem Stresslevel große Angst, seine Eltern in ihren Erwartungshaltungen zu enttäuschen.

Der Mangel an Freizeit und Spiel ist jedoch etwas, das die Grundfeste der kindlichen Entwicklung bedroht.

Kinder müssen spielen – nicht lernen

“Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können”, sagte etwa der Neurobiologe Gerald Hüther.

Und auch der US-Verband der Kinderärzte, die American Academy of Pediatrics, hat im vergangenen Jahr Alarm geschlagen.

Kinder in den USA haben heute zwölf Stunden pro Woche weniger Freizeit als Kinder in den 80er-Jahren – und die Kinderärzte warnen vor den Folgen. Denn das kindliche Spiel, das oft als so unwichtig eingestuft wird, dass es in der Prioritätenliste ganz hinten landet, muss dem Bericht zufolge als wichtiger Baustein für die gesamte Entwicklung eines Menschen angesehen werden.

Unser evolutionäres Programm ist nicht darauf ausgelegt, dass Kinder vom ersten bis zum 18. Lebensjahr 70 Stunden pro Woche in Gebäuden verbringen.

“Gebäudekindheit” macht Kinder krank 

Ein weiterer Faktor, der die Entwicklung von Kindern heute beeinträchtigt ist das, was Michael Hüter als “Gebäudekindheit” bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Kinder immer weniger Zeit im Freien verbringen.

Die Kurzsichtigkeit nimmt weltweit rasend schnell zu – und das liegt daran, dass die Kinder kaum noch im Tageslicht sind”, sagte der Kindheitsforscher.  

“Unser evolutionäres Programm ist nicht darauf ausgelegt, dass Kinder vom ersten bis zum 18. Lebensjahr 70 Stunden pro Woche in Gebäuden verbringen. Da muss man doch nur einmal den gesunden Menschenverstand walten lassen, um zu erkennen, dass dabei keine gesunden Menschen herauskommen können”, sagte er.

Seinen Nachforschungen zufolge waren 1990 noch drei Viertel der Kinder nach der Schule draußen in der Natur. Vor ein paar Jahren waren es nur noch ein Viertel der Kinder, heute seien es vermutlich noch weniger.

“Wir verschleudern die Ressourcen unserer Kinder. Und das, obwohl wir nur noch so wenige haben! Ich halte das für nichts Geringeres als ein Menschheitsverbrechen”, sagte Hüter.

Nach Ansicht des Forschers gibt es nur eine Möglichkeit, ein Fortbestehen für den Menschen zu gewährleisten: Alles neu überdenken und und zu einem menschengerechten Leben zurückkehren:

“Wir müssen unsere Gesellschaft neu aufbauen, mit einem fokussierten Blick auf die Kinder und die Familie. Anders können wir uns nicht mehr weiterentwickeln. Dann schafft der Mensch sich schon sehr bald selbst ab.”

(ak)