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19/06/2018 17:33 CEST | Aktualisiert 19/06/2018 17:33 CEST

Wie die Generation Z die Digitalisierung gegen Gewalt an Schulen nutzt

Mobbing kommt an fast jeder Schule vor. Diese Erfahrung machten auch vier Schüler und Schülerinnen der 11. Klasse des Canisius Kollegs Berlin im Alter von 16 und 17 Jahren in ihrem Umfeld. Im Rahmen des Schulwettbewerbs der Boston Consulting Group business@school entwickelten sie ein digitales Konzept gegen Mobbing an Schulen. Mit der App „exclamo“ (lateinisch „Aufschrei“) möchten sie es Betroffenen Mobbingopfern erleichtern, die hohe Schwelle der Scham zu überwinden und Probleme in der Schule klar aussprechen zu können.

Hans Raffauf

Matthias Wind, Margaretha Raffauf, Kai Lanz und Ann-Kristin Balve (v.l.n.r.)

Interview Kai Lanz, „exclamo“-Geschäftsführer

Kai Lanz, geboren am 19. Juni 2001, ist Schüler der elften Klasse des Canisius Kollegs in Berlin und wird 2019 sein Abitur abschließen. Im Rahmen des Schulwettbewerbs business@school der Boston Consulting Group hat er mit seinen Mitschülern das Konzept für die Anti-Mobbing-App EXCLAMO! entwickelt. Neben der Umsetzung des Projektes hat er vor, nach dem Abitur ein Studium im wirtschaftswissenschaftlichen Bereich zu beginnen.

Wie seid Ihr auf die Projektidee gekommen?

Wie auf fast jeder Schule haben wir, wenn auch nicht direkt, Erfahrung mit Mobbing gemacht. Bei uns an der Schule wird schon viel in Richtung Mobbingprävention und -bewältigung gemacht, z.B. gibt es einen Seelsorger und ausgebildete Schüler - und trotzdem taucht Mobbing im Schulalltag immer wieder auf. Das hat uns gezeigt, dass die Lösungsansätze, die es bisher gibt, nicht wirklich funktionieren. Da das Handy und Apps für Schüler alltäglich sind und sie nativ damit umgehen, haben wir uns für einen Lösungsansatz mittels App entschieden.

Mit welchen Herausforderungen wurdet Ihr konfrontiert, und wie habt ihr sie gemeistert?

Ein Problem bei der Entwicklung des Vortrags war definitiv das Zeitmanagement. Es ist wirklich nicht so einfach, die Termine von vier Schülern zusammenzubringen. Letztendlich haben wir das aber trotzdem gut gemacht und sind mit dem Vortrag und der Geschäftsidee, die wir entwickelt haben, sehr zufrieden. Eine weitere Herausforderung war die Kontaktierung von öffentlichen Institutionen und Schulen im Rahmen eines solchen Projektes. Da bisher alles nur theoretisch war, war es schwierig, die Aufmerksamkeit von den verantwortlichen Personen zu bekommen, was uns aber letztlich gelungen ist.

Wer hat Euch unterstützt?

Zunächst möchten wir uns bei allen, die uns mit ihrer tatkräftigen Hilfe unterstützt haben, bedanken. Der größte Helfer war definitiv Hans Raffauf, Mitgründer der App Clue, der uns über die ganze Zeit unglaublich geholfen hat, indem er mit uns das Präsentieren geübt, bei inhaltlichen und unternehmerischen Fragen geholfen und uns Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat.

Außerdem hat uns noch Marianne Vogt geholfen, die mit ihrem Lernprogramm bettermarks auch Lizenzen an Schulen verkauft, zudem die Psychologin Miriam Junge, die uns Kontakt zu Psychotherapeuten hergestellt hat. Bianca Praetorius ist professionelle Startup-Pitch-Trainerin und hat mit uns ebenfalls das Präsentieren geübt.

Für wen ist die App, und worin unterscheidet sie sich von Konkurrenzprodukten?

Die App ist für alle Schüler gedacht, die von Mobbing betroffen sind und sich Hilfe holen wollen. Über die App sind Telefonseelsorgen - beispielsweise die Nummer gegen Kummer oder das Opfer-Telefon des Weißen Rings - sofort erreichbar. Hier erhalten die Jugendlichen Rat und Hilfe. Eine weitere Funktion ist eine Nachricht an einen ausgewählten Lehrer der Schule – wenn es so läuft, wie wir uns das wünschen, benutzen irgendwann alle Berliner Schulen die App, so dass die Lehrer darüber erreichbar sind. In der App finden sich außerdem Tipps, um den Tätern etwas entgegen zu setzen, zum Beispiel konkrete Sätze, die man auf Angriffe erwidern kann. So soll dem Opfer direkt geholfen werden, bis eine Lösung gegen das Mobbing gefunden ist. Damit sollen Mobbingfälle effizient gelöst und dem Betroffenen geholfen werden.

Das Problem ist, dass es im Thema Mobbing kaum professionelle Hilfe gibt, die wirklich funktioniert. Entweder ist die Hemmschwelle zwar niedrig, aber es wird nicht richtig geholfen, oder die Hemmschwelle für die Betroffenen ist riesig und deshalb die Nutzung gering. Letztlich verbinden wir die niedrige Hemmschwelle, sich zu melden, wie es etwa in Foren oder bei Sorgentelefonen der Fall ist, mit der Effektivität eines Lehrergesprächs und benutzen dabei das für einen Schüler gängigste Medium - das Handy.

Hans Raffauf

Wie geht es weiter?

Wir wollen die Idee auf jeden Fall umsetzen! Es werden zwar nicht alle aus dem aktuellen Team dabei sein können, trotzdem wollen wir die App neben der Schule schon in naher Zukunft an die Öffentlichkeit bringen - Die Programmierung läuft schon.

Wir hoffen, dass von Seiten der Schulen und der zuständigen Ämter Interesse herrscht und wir so den Schülern so schnell wie möglich helfen können.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weiterführende Informationen:

Berliner Schüler arbeiten an App gegen Mobbing

Weitere Beispiele zum Thema App-Entwicklung und gesellschaftliches Engagement: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag. Berlin Heidelberg 2017.