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22/09/2018 15:39 CEST | Aktualisiert 22/09/2018 15:39 CEST

Aufschrei der Generation Z: Was Schulen gegen Mobbing tun können

Vor den Sommerferien lösten mehrere Mobbing-Fälle unter Berliner Schülern eine bundesweite Debatte aus. So mahnten Polizeigewerkschafter und der Zentralrat der Juden ein strikteres Vorgehen gegen Antisemitismus an Schulen an. Das Bundesfamilienministerium startete mit dem neuen Schuljahr ein Projekt gegen religiöses und antisemitisches Mobbing an deutschen Schulen. Bundesweit sollen 168 Sozialarbeiter als Anti-Mobbing-Profis in den Schulen präsent sein, um sich mit Konflikten auseinanderzusetzen und mit Schülern zu arbeiten, sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Das Projekt ist Teil des Nationalen Präventionsprogramms gegen islamistischen Extremismus. 2018 stellt die Bundesregierung dafür 20 Millionen Euro bereit. Jeder „Respekt-Coach“ erhält 20.000 Euro, um geeignete Projekte umzusetzen. Zudem sprach sich Giffey dafür aus, das Meldesystem für Mobbing-Fälle an den Schulen besser auszugestalten. Hier setzt die App „exclamo“ (lateinisch „Aufschrei“) an. Sie möchten es betroffenen Mobbingopfern erleichtern, die hohe Schwelle der Scham zu überwinden und Probleme in der Schule klar aussprechen zu können.

Mit Kai Lanz, einer der Schüler, der diese App mitentwickelte, führte ich im Juni 2018 ein Interview, das in der Huffington Post erschien. Seitdem hat sich viel getan, aber das Projekt braucht auch weiterhin Unterstützung.

Interview mit Kai Lanz, Geschäftsführer exclamo

Was hat sich seit dem Artikel in der Huffington Post geändert?

Inzwischen haben wir den business@school - Social Entrepreneur Award gewonnen. Das business@school-Finale der Bildungsinitiative der Boston Consulting Group (BCG) fand am 18. Juni 2018 in München statt.

business@school, BCG

Im Bild (v.l.n.r.): Tilo Pohl (Lehrer), Matthias Wind, Margaretha Raffauf, Kai Lanz und Ann-Kristin Balve

Wie ist der aktuelle Stand, und wie geht es weiter?

Das Produkt ist auf unserer Website www.exclamo.org zu sehen, das Back-End ist fertig programmiert, eine spezifische App für die verschiedenen Plattformen gibt es noch nicht. Ende 2018/2019 wird mit einer Testphase an ausgewählten Schulen begonnen, unter anderem dem Canisius Kolleg Berlin. Wir hatten außerdem einige Pitches, zum Beispiel beim eduvation Startup Weekend und wurden von der Grünen-Abgeordneten Beate Walter-Rosenheimer in den Bundestag eingeladen, die App wird auch Berliner CDU-Politikern wie Hildegard Bentele vorgestellt. Ende November sind wir auf dem Digital Education Day in Köln eingeladen, wo wir auch präsentieren werden.

Ansonsten sind wir gerade auf der Suche nach einer Finanzierungsmöglichkeit. Wichtig sind auf jeden Fall Gespräche mit Investoren, denen das Thema genauso am Herzen liegt wie uns. Die Unternehmensgründung soll geschehen, sobald Kapital vorhanden ist.

Was macht Ihr, wenn keine Finanzierung möglich ist?

Wenn wir keine andere Finanzierung erhalten sollten, bereiten wir uns auf ein Crowdfunding vor.

Wie funktioniert Euer Ansatz konkret?

exclamo-Schulen erhalten einen Administrator-Account und einen definiertes Kontingent an Lehrer- und Schüler-Accounts. Die Schüler haben dann die Möglichkeit, über die Website oder Android-/iOS-App direkt bestimmten Lehrern oder externen Mobbing-Experten unter psychotherapeutischer Aufsicht von ihren Mobbingfällen zu berichten. Lehrer und Schüler erhalten Zugang zu exklusiven Anti-Mobbing-Materialien, die sie im Umgang mit Mobbing im Alltag unterstützen. Die Materialien für Lehrer beinhalten Anweisungen, wie sie mit Problemen umgehen können. Die Schüler können zudem per Knopfdruck bei Sorgentelefonen wie der Nummer-gegen-Kummer anrufen, um seelische Unterstützung und Mut zu bekommen. exclamo basiert auf einem jährlichen Lizenzierungsmodell, die Kosten werden nach Schulgröße berechnet.

Warum habt Ihr Euch für eine App entschieden?

Mit dem Format einer App und Web-App sind wir in dem Medium, das Schüler am meisten nutzen (dem Smartphone). Es bietet für den Betroffenen eine native Handhabung. Der Schüler darf entscheiden, ob betreuende Lehrer seinen Namen sehen dürfen. Dadurch wird vollständige Anonymität geleistet, die nicht zurückverfolgt werden kann.

Das aktuelle Team:

Kai Lanz

Kai Lanz, Canisius Kolleg, Abi 2019

Margaretha Raffauf

Margaretha Raffauf, Canisius Kolleg, Abi 2019

Julius de Gruyter

Julius de Gruyter, Canisius Kolleg, Abi 2019

Weiterführende Informationen:

exclamo. Die App für Schulen gegen Mobbing

Berliner Schüler arbeiten an App gegen Mobbing

Wie die Generation Z die Digitalisierung gegen Gewalt an Schulen nutzt

Weitere Beispiele zum Thema App-Entwicklung und gesellschaftliches Engagement: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag. Berlin Heidelberg 2017.