POLITIK
30/01/2018 18:17 CET | Aktualisiert 30/01/2018 22:12 CET

Autobiographien von NSDAP-Mitgliedern zeigen, wie sich alte und neue Rechte ähneln

"Rotes Gesindel”, “Volksvergifter" und "Bonzen".

Getty / HuffPost
Nürnberg im Jahr 1933: Adolf Hitler wird von seinen Anhängern empfangen
  • Mit einem Trick kam ein US-Soziologe 1934 an fast 700 Lebensgeschichten von glühenden Anhängern der Nazis
  • Viele Formulierungen erinnern an Äußerungen heutiger Rechter – und die Dokumente offenbaren einen Fehler, den Deutschland nicht wiederholen sollte 

Der 30. Januar 1933 markiert die wohl dramatischste politische Kehrtwende in der deutschen Geschichte.

An jenem Tag vor genau 85 Jahren ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg den NSDAP-Vorsitzenden Adolf Hitler zum neuen Reichskanzler.

Binnen weniger Monate wälzte Hitler das Land politisch und gesellschaftlich komplett um – sein Machtwahn endete im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg. 

► Jetzt veröffentlichte autobiographische Essays aus der Anfangszeit des Dritten Reiches zeigen, wie Anhänger der Nazis den Aufstieg Hitlers entgegenfieberten – und zugleich überbordenden Nationalismus, Judenhass und Gewalt gegen Andersdenkende verklärten.

Doch noch mehr: Die Dokumente aus dem Jahr 1934 zeigen, wie sehr sich alte und neue Rechte ähneln – und welcher Fehler im Umgang mit ihnen unbedingt vermieden werden sollte.

400 Reichsmark für die beste Geschichte

Die Sammlung ist so gigantisch wie aufschlussreich. Sie umfasst 683 mal kurze und mal längere Autobiographien von NSDAP-Mitgliedern.

Die Schreiber, die zwar wie die Partei größtenteils männlich waren, aber aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten stammten, hatten an einem fingierten Preisausschreiben teilgenommen.

Um die NS-Begeisterung der Deutschen zu erforschen, hatte der US-Soziologe Theodore Abel Anhänger der Nazis aufgefordert, ihm ihre persönliche Lebensgeschichte zu schicken. Diese bildeten später die Grundlage von Abels Untersuchung “Why Hitler came into power” (“Warum Hitler an die Macht kam”).

Dem Gewinner der besten Geschichte wurden 400 Reichsmark versprochen, das damals für viele Deutsche einem Monatslohn entsprach. Die NSDAP selbst hatte die Ausschreibung unterstützt.

“Die Partei wollte ihr Image im Ausland verbessern und ihre eigene Vergangenheit glorifizieren”, sagt die freiberufliche Historikerin Katja Kosubek der HuffPost. Sie hat auf Basis der Dokumente ein Buch über “Die Alten Kämpferinnen der NSDAP” geschrieben.

Mehr zum Thema: Vor unser aller Augen: So tief ist Deutschland schon gesunken

NS-Begeisterung ohne Tabus

Hoover Institution Library Archives
"Betreff: Lebenslauf eines Hitler-Deutschen"

Ein Großteil des Materials, 584 Aufsätze oder über 3.700 Seiten, hat die kalifornische Stanford University mittlerweile im Internet veröffentlicht

Wie begeistert die Menschen, “ohne Tabus” und “völlig unbefangen”, über den Nationalsozialismus schrieben, hat auch Forscherin Kosubek erstaunt. 

“Die Frauen haben quasi ihre Haustür geöffnet und den Leser in ihren Alltag mitgenommen. Sie fühlten sich nach der Machtergreifung der Nazis auf einer Welle des Sieges getragen”, erklärt Kosubek.

Kritiker sind “Volksvergifter”

Schaut man sich die Wettbewerbsbeiträge an, fallen schnell Gemeinsamkeiten zwischen damaligen NS-Anhängern und heutigen Rechten auf – sowohl in der Sprache, als auch in den Feindbildern:

► So schreibt etwa der Hitlerjunge Fritz Hafkesbrink aus Oberhausen: Am Tag, an dem Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, “wussten wir, dass es mit der Macht der schwarzen und roten Bonzen vorbei war”.

► Bis dahin hatte sich ein Lehrer aus Obernhain im Taunus nur noch, wie er schreibt, als “Stimmvieh” gefühlt. 

► Viele Verfasser schwelgen geradezu im Hass auf Linke und Kommunisten, die sie als “rotes Gesindel” titulieren. Kritiker werden als “Volksvergifter” bezeichnet. 

► Friedrich Jörns aus Eschwege kritisiert wie viele andere die Presse. Diese würde nicht die Wahrheit schreiben: “Adolf Hitler und seine Bewegung (wurden) in der Presse fürchterlich heruntergerissen und bekämpft”, erklärte der damals 50-Jährige. 

Die Verfasser haben Antisemitismus und Gewalt billigend in Kauf genommen und mitgetragen. Das zeigt das Beispiel eines Pastors, der sich gegen die Nazis aussprach und deswegen von der SA krankenhausreif geschlagen wurde.

► Die Alte Kämpferin Klara Petersson, also ein NSDAP-Mitglied, die bereits vor der Machtergreifung in die Partei eintrat, berichtet darüber verharmlosend, der Gottesmann habe “eins auf die Nase bekommen”.

Die Aufsätze zeigen: Die Frauen fiebern bei den Gewaltaten ihrer SA-Kameraden mit und quittieren diese “Kloppereien” mit Beifall. “Genau wie die Männer haben sie das Bedürfnis, Frust, Wut und Hass auszuleben – nur eben indirekt”, stellt die Historikerin Kosubek klar.

Nationalgefühl und “kleine Leute”

Doch inwiefern gibt es Parallelen in der Denkweisen und in der Sprache zwischen den NSDAP-Mitgliedern und heutigen Anhängern rechter Parteien? 

“Ich möchte mich mit Gegenwartsbezügen zurückhalten”, betont Kosubek. Offensichtlich sei aber in jedem Fall, dass viele die NS-Bewegung als Alternative für das Deutsche Reich gesehen haben – “als dritten Weg, sowohl rechts als auch links”.

Kosubek sagt: “Auch heute wird wieder versucht, ein Nationalgefühl mit dem Gedanken zu verknüpfen, auch etwas ‘für die kleinen Leute’ zu tun.”

Das ist auch das, was Millionen Deutsche dazu bewegt hat, der AfD ihre Stimme zu geben.

Einer Partei, ...

► ... die will, dass man wieder auf die “Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen” stolz ist.

► ... die Kritiker als “Wucherung am deutschen Volkskörper” bezeichnet und diese “endgültig loswerden” will.

► ... die Medien pauschal als “Lügen-”, “Lücken-” oder “Pinocchio-Presse” abkanzelt – und sich dabei regelmäßig selbst Manipulationen und Verfälschungen bedient.   

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Anliegen der Menschen ernstnehmen

Die Dokumente sollten allerdings auch AfD-Kritikern zu denken geben: Mit pauschaler Ausgrenzung, sei es im Alltag oder im Bundestag, und plumpem AfD-Bashing können Anhänger der Rechtspopulisten nicht überzeugt werden.  

“Die Lebensgeschichten der NSDAP-Mitglieder zeigen, dass man die Anliegen der Menschen ernst nehmen sollte – das gilt auch heute noch”, sagt Joachim Szodrzynski von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg der HuffPost. 

Schwingt doch bei vielen Aufsätzen der Stolz der Schreiber mit, dass sie nach Jahren von Entbehrungen mit der Machtergreifung der Nazis endlich auf der vermeintlich richtigen Seite standen.

Das ist gerade bei denen so, die schildern, wie sie in den 1920er Jahren in ihren Familien, auf der Straße oder auf der Arbeit verspottet, ausgeschlossen oder gar attackiert wurden.

Werden die Anhänger rechter Parteien erst einmal in eine Opferrolle gedrängt, könnte das fatale Folgen haben – Hitlers Vorgehen hat das nur allzu deutlich gezeigt.

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(ll)