ELTERN
27/03/2018 15:49 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 15:50 CEST

Staatssekretärin Marks über Aufklärung: "Menschen sind von Anfang an geschlechtlich"

"Alle Kinder und Jugendlichen haben das Recht auf Zugang zu einer altersgemäßen Sexualaufklärung."

Bundesregierung / Kugler
Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  • In Deutschland werden Kinder – je nach Bundesland – in ganz unterschiedlichem Alter sexuell aufgeklärt
  • Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin im Familienministerium, erklärt, welche Vorteile eine frühe Aufklärung hat

In Deutschland gibt es bis heute keine bundesweit einheitliche Richtlinie, wann und wie Kinder aufgeklärt werden sollten. Caren Marks (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, findet aber, dass eine ganzheitliche Sexualerziehung Mädchen und Jungen stärken würde.

Im Gespräch mit der HuffPost erklärt sie, warum sexuelle Aufklärung bereits im Kindergarten beginnen könnte und wie dadurch das Selbstbewusstsein von Kindern ganzheitlich und langfristig gestärkt wird.

Frau Marks, denken Sie, dass Kinder in Deutschland früh genug aufgeklärt werden?

Sexualaufklärung beginnt überall in Deutschland in den Grundschulen und wird an den weiterführenden Schulen fortgesetzt, also ja. Stellenweise kommen auch erste Fragen in Kindertagesstätten auf und werden in entwicklungsgerechter Weise angesprochen.

Aber eine eine bundesweit einheitliche Richtlinie für sexuelle Aufklärung gibt es noch nicht.

Die einzelnen Bundesländer haben Sexualaufklärung in ihren jeweiligen Lehrplänen festgeschrieben. Da gibt es klare Vorgaben. Kinder werden dabei begleitet, Bindungen zu entwickeln, Beziehungen aufzubauen und ihren eigenen Körper wahrzunehmen.

Mehr zum Thema: Wir müssen unsere Kinder früher aufklären – diese Zahlen zeigen, wieso

Wann wäre Ihrer Meinung nach der richtige Zeitpunkt, Kinder aufzuklären?

Kinder fangen schon früh an, Fragen zu stellen. Klar ist, dass die Fragen entsprechend des Entwicklungsstandes und des Alters der Kinder beantwortet werden sollten.

Wie kann sichergestellt werden, dass Lehrer oder Erzieher richtig für diese Arbeit ausgebildet werden?

Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern nehmen natürlich eine wichtige Rolle ein. Neben den Eltern sind sie es, die die Kinder in ihrer Entwicklung begleiten.

Wie Kinder aufgeklärt werden obliegt den jeweiligen Bundesländern. Sie legen die Inhalte der pädagogischen und der didaktischen Ausbildung fest. Die jeweiligen Kultusministerien haben die Lehrpläne für die Ausbildung, die Fort- und Weiterbildungen in dem Bereich erstellt.

Erziehende und Lehrende haben die Möglichkeit, sich eigenständig fortzubilden. Zusätzlich können sie auch Angebote der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wahrnehmen.

Mehr zum Thema: Ländervergleich: So werden Kinder in Europa aufgeklärt

Was sind die Vorteile einer frühen sexuellen Aufklärung?

Eine ganzheitliche Sexualerziehung stärkt Mädchen und Jungen, unterstützt sie in ihrer psychosexuellen Entwicklung und fördert sie, selbstbewusst, sprachfähig und selbstständig zu werden.

In Kindertagesstätten, in Schulen und auch im Elternhaus ist es wichtig, eine Haltung zu fördern und zu vermitteln, die das Selbstbewusstsein von Kindern stärkt und ihnen Selbstbestimmung über ihren Körper verschafft.

Um diesen Zielen und Entwicklungsaufgaben entsprechen zu können, ist es wesentlich, den Kindern rechtzeitig bei ihren Fragen und Interessen im Kontext Sexualaufklärung zur Seite zu stehen und zu unterstützen.

Welche Gefahren könnten ohne eine umfangreiche Aufklärung drohen?

Ohne Wissen und Handlungskompetenz kann es zu einem riskanten Sexualverhalten kommen. Dies kann die Ansteckung mit sexuell übertragbaren Infektionen oder auch ein gesteigertes Risiko einer ungewollten Schwangerschaft begünstigen, weil die Gefahr einer geringen Verhütungskompetenz bei den Jugendlichen vorliegen kann.

Darüber hinaus trägt Sexualaufklärung auch zur Prävention vor sexuell übergriffigem Verhalten und sexueller Gewalt bei.

Kinder, die einen wertschätzenden und achtsamen Umgang mit ihrem Körper und Beziehungen in ihrem direkten Umfeld – sei es in Familie, Kindertagesstätte oder Schule – erfahren und über eine Sprache über ihren Körper und Sexualität verfügen, können eher Grenzüberschreitungen erkennen, abwehren, darüber berichten und sich jemandem anvertrauen.

Kann es ihrer Meinung nach auch problematisch sein, wenn Kinder zu früh aufgeklärt werden?

Menschen sind geschlechtliche Wesen von Anfang an. Alters- und entwicklungsgerechte Sexualaufklärung erstreckt sich deshalb über die gesamte Lebensspanne.

Sexualaufklärung startet in früher Kindheit und begleitet Menschen durch die Jugendphase bis ins Erwachsenenalter. Alle Kinder und Jugendlichen haben das Recht auf Zugang zu einer altersgemäßen Sexualaufklärung.

Somit kann Sexualaufklärung, wenn sie alters- und entwicklungsgerecht ist, neben dem Elternhaus bereits in der Kindertagesstätte beginnen. Sie muss sich dabei immer am individuellen Entwicklungsstand des Kindes orientieren.

Was leistet die Bundesregierung, um sicherzustellen, dass Kinder früh  genug und qualitativ aufgeklärt werden?

Durch das Schwangerschaftskonfliktgesetz (27. Juli 1992) ist der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Aufgabe übertragen worden, Konzepte und Materialien zur Sexualaufklärung für verschiedene Alters- und Personengruppen zu entwickeln und bundesweit zur Verfügung zu stellen.

Dies geschieht in Abstimmung mit den 16 Bundesländern sowie Vertreterinnen und Vertretern von Familienberatungseinrichtungen aller Träger. So wurde beispielsweise das Rahmenkonzept zur Sexualaufklärung entwickelt.

Weiterführend werden Studien zur Erfassung der Jugendsexualität durchgeführt. Insbesondere besteht auf Bundes- und Länderebene Einigkeit darüber, dass Sexualaufklärung evidenzbasiert und qualitätsgesichert sein muss und, dass deren Maßnahmen regelmäßig evaluiert werden sollten.

Die BZgA ist auch seit 2003 “World Health Organisation–Kollaborationszentrum” für sexuelle und reproduktive Gesundheit mit dem Themenschwerpunkt Sexualaufklärung in Europa.

Dabei entwickelte sie im Rahmen ihrer Arbeit mit der WHO, European Regions, unter anderem die Standards zur Sexualaufklärung in Europa.

(nc)