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08/03/2018 10:51 CET

Ländervergleich: So werden Kinder in Europa aufgeklärt

Bereits ab vier Jahren werden die Kinder unterrichtet.

  • In Deutschland gibt es keine einheitlichen Regeln zur sexuellen Aufklärung von Kindern 
  • In vielen europäischen Ländern ist eine frühe Aufklärung bereits verpflichtend

Kasperl und Gretel haben sich für einen Spaziergang im Wald verabredet. Um zum Treffpunkt zu gelangen, marschiert Gretel durch eine verlassene Gasse. Plötzlich stoppt eine dunkle Gestalt das Mädchen: “Komm mit mir”, sagt der Mann. Dabei packt er Gretel am Arm. “Nein! Ich möchte das nicht”, erwidert sie willensstark.

“Könnt ihr mir sagen, was hier gerade los war?” 

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Spielerisch sensibilisieren

Das Publikum schweigt. Denn bis auf einige Lehrer und Eltern sitzen nur Grundschüler in den Reihen der Münchner Schule. Mit diesem Puppentheater soll ihnen das Thema sexuelle Belästigung näher gebracht werden. Auch sollen die Kinder verstehen, dass es niemandem erlaubt ist, einfach ihren Körper anzufassen.

Eine Szene, die so an vielen Schulen in Deutschland stattfindet.

Das Problem: Oft wissen Kinder gar nicht, wie sie mit den Informationen umgehen sollen. Denn sie hören in vielen Fällen bei solchen Veranstaltungen zum ersten Mal vom Thema Sexualität. Auf der anderen Seite kommt es vor, dass Kinder zu diesem Zeitpunkt schon sexuelle Belästigung erlebt haben.

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Sexuelle Aufklärung: Deutschland liegt zurück

Denn eine frühe einheitliche Aufklärung gibt es in Deutschland nicht. Das birgt zahlreiche Gefahren – unter anderem eine Traumatisierung durch solche Theateraufführungen. Andere Länder sind uns da weit voraus. 

In Deutschland ist Aufklärung zwar Sache der Schule – aber weiterhin Ländersache. Der Unterricht findet nicht separat, sondern oft fächerübergreifend statt und wird in Biologie, Religion, Deutsch, Heimat- und Sachkunde und anderen Fächern unterrichtet.

Dabei gibt es von Bundesland zu Bundesland große Unterschiede. In Bayern steht beispielsweise in der ersten und zweiten Klasse die Anatomie des Körpers auf dem Programm. In der dritten und vierten Klasse lernen die Kinder dann, die Geschlechtsmerkmale zu benennen und wie ein Kind gezeugt wird.

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Es sind wohlgemerkt nur Grundkenntnisse, die in vielen Bundesländern in der Grundschule bis zum Abschluss vermittelt werden. Die Schüler lernen, wie ihre Körperteile heißen, sie wissen, wie ein Kind gezeugt wird, und wie es auf die Welt kommt, wissen über Periode und Samenerguss Bescheid. Natürlich alles in einem rein biologischen Rahmen.

► Ob eine zusätzliche Informationsvermittlung – wie ein spielerisches Theaterstück – oder Hilfestellung geboten wird, hängt somit vom jeweiligen Bundesland und zusätzlich von den einzelnen Schulen ab.  

WHO spricht sich für frühe Aufklärung aus

Die Weltgesundheitsorganisation WHO legte bereits 2011 Standards für die Sexualaufklärung in Europa fest. Diese Leitlinien sollen dazu beitragen, dass sexuell übertragbaren Krankheiten, ungewollten Schwangerschaften oder auch sexueller Gewalt vorgebeugt wird.

Nach diesem Konzept sollte einerseits sexuelle Aufklärung bewusst in einem pädagogischen Rahmen (Kindergarten, Schule) stattfinden, da dadurch eine neutrale und professionelle Informationsvermittlung garantiert wird.

Andererseits sollte Aufklärung bereits vor dem vierten Lebensjahr erfolgen, da “in jeder Altersgruppe und Entwicklungsphase bestimmte Fragen und Verhaltensweisen auf[treten], die pädagogisch aufgegriffen werden sollten.”

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In den Leitlinien wird überdies betont, dass eine Sexualerziehung wesentlich tiefergreifend sei, als die rein biologische Informationsvermittlung. Es gehe vor allem um das eigene Körperverständnis und die Wahrnehmung der eigenen Sexualität. Dabei solle das Selbstvertrauen der Kinder gestärkt und ein selbstbestimmtes Handeln gefördert werden.

Positive Beispiele aus Europa

In Deutschland hinkt ein länderübergreifendes Bewusstsein für eine frühe und kindgerechte Sexualaufklärung noch hinterher. In Europa gibt es gegensätzlich viele positive Beispiele der sexuellen Aufklärung von Kindern, wie ein gemeinsamer Bericht der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der WHO von 2006 zeigt. 

► In Österreich ist beispielsweise der Sexualkundeunterricht für Kinder ab sechs Jahren verpflichtend. Die Informationen sollen dabei über rein biologische Fakten hinausgehen und auch soziale Komponenten einschließen. 2015 wurde der neue “Grundsatzerlass zur Sexualaufklärung in Kindergärten und Schulen” veröffentlicht. Dieser sieht eine zeitgemäße Sexualpädagogik vor, welche auf den vorgeschlagenen Standards der WHO basieren soll.

► Auch in Frankreich wird Sexualerziehung vom Gesetzgeber vorgeschrieben. Bereits in der Grundschule ist ein ausführlicher Unterricht vorgesehen – dabei sollen neben den körperbezogenen Informationen auch psychische, emotionale und kulturelle Aspekte vermittelt werden.

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► Als drittes Positiv-Beispiel ist Schweden zu erwähnen. Seit 68 Jahren muss der Sexualunterricht im schwedischen Stundenplan integriert werden. Ziel dieser Initiative war und ist es, das Thema zu enttabuisieren und die Schüler altersgerecht an die verschiedenen Facetten von Sexualität heranzuführen.

Die Fortschrittlichsten: Die Niederlande und Belgien

Besonders erwähnenswert sind die Niederlande und Belgien, wenn es um fortschrittliche sexuelle Aufklärung von Kindern geht.

► In den Niederlanden werden Kinder bereits im Kindergarten- und Grundschulalter aufgeklärt. Dabei geht es weniger um Sex als vielmehr um Sexualaufklärung. “Comprehensive Sexual Education” heißt das Programm, also “verständliche Sexualaufklärung”.

Beginnend ab einem Alter von vier Jahren sollen Erzieher, Kindergärtner und Lehrer mit den Kindern offen über Liebe und Beziehungen sprechen. Später werden weitere Bausteine wie Geschlechter-Vorurteile, sexuelle Vielfalt und Verhütung integriert.

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► In Belgien schreibt die Regierung seit den neunziger Jahren vor, durch eine facettenreiche Aufklärung die sexuelle Entwicklung von Kindern zu unterstützen und zu begleiten. Grundschüler ab einem Alter von fünf Jahren sollen dadurch in ihren Werten gestärkt und auch für mögliche Risiken sensibilisiert werden.

Auch verschiedene Berufsorganisationen unterstützen belgische Schulen, indem sie mit ihnen gemeinsam Lehrpläne entwickeln, diese auf einen aktuellen Stand bringen und ihnen Materialien zur Verfügung stellen.

Ebenfalls werden regelmäßig Vorträge über Liebes- und Beziehungsthemen gehalten. Dadurch erhalten Schüler auch die Möglichkeit, wichtige Fragen zu klären.   

Erziehungsverantwortung liegt nicht nur bei den Eltern

Warum sollte sich Deutschland an Ländern wie Belgien oder den Niederlanden orientieren und eine einheitliche und frühe sexuelle Aufklärung verpflichtend einführen?

Vielleicht deshalb, weil die Erziehungsverantwortung für Kinder schon lange nicht mehr nur bei den Eltern liegt, wie die aktuellen Zahlen des statistischen Bundesamts belegen.

► Vergangenes Jahr wurden mehr als 2,6 Millionen Kinder unter sechs Jahren in einer Tageseinrichtung betreut. Diese Zahl unterstreicht, wie viel Zeit Kinder tatsächlich mit Erziehern verbringen. Eine Studie der BZgA hat außerdem gezeigt, dass Kinder ihr Wissen über Sexualität zu 80 Prozent aus der Schule haben. 

Und eine Aufklärung in der vierten Klasse oder in der weiterführenden Schule ist oft zu spät. 

Schon im Mutterleib könne man beobachten, wie männliche Embryos eine Erektion haben, schreibt Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning in ihrem Buch “Make Love”. Untersuchungen der Gehirne von Neugeborenen würden zeigen, dass diese auf jede Berührung reagieren. Und bereits Kleinkinder fangen an, ihre Geschlechtsteile zu erforschen, im Kindergarten gehören Doktorspiele dann zum Alltag.

Es ist eine Illusion zu glauben, Eltern könnten ihre Kinder vor der Auseinandersetzung mit dem Thema bewahren. Deshalb ist es nötig, dass Kinder auch rechtzeitig die für sie notwendigen Informationen erhalten – und das geht nun einmal am besten mit einheitlichen Regeln für Schule und Kindergarten. 

(ks)