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08/03/2018 16:03 CET | Aktualisiert 08/03/2018 16:03 CET

Ich kläre meine Tochter mit drei Jahren auf – so ist ihre Reaktion

Warum sollte ich ihr sagen, dass der Storch die Babys bringt?

Chev Wilkinson via Getty Images
Katharina Pichler beantwortet die Fragen ihrer Tochter ohne großes Tamtam.

“Babys kommen durch den Bauchnabel auf die Welt, oder Mama?”, fragt mich meine 3-jährige Tochter auf dem Weg zum Einkaufen. Ich stocke kurz.

“Nein Mila, das stimmt nicht. Babys kommen aus der Scheide auf die Welt. Und manchmal muss der Bauch auch aufgeschnitten werden.”

Kurze Stille. “Ach so. Das ist ja lustig”, antwortet sie. Dann wechselt sie das Thema.

Meine Tochter liebt Puppen und spielt jeden Tag Baby. Baby füttern, Baby anziehen, Baby kommt auf die Welt. Sie interessiert sich einfach dafür – ohne dass ich das Thema forciere.

► Natürlich kommen dann Fragen.

Die beantworte ich ohne großes Tamtam. Und ich finde, dass das der einzig richtige Weg ist, wie Eltern ihre Kinder aufklären sollten.

Warum sollte ich meiner Tochter sagen, dass der Storch die Babys bringt? Oder dass Babys einfach so aus dem Bauch plumpsen?

Mehr zum Thema: Wir müssen unsere Kinder früher aufklären – diese Zahlen zeigen, wieso

Ich sage ihr ja auch nicht, dass die Erde eine Scheibe ist. Aber es gibt immer noch viele Eltern, die ihren Kindern völligen Unsinn erzählen oder gar nicht mit ihnen über Themen wie Geburt, Zeugung, Doktorspiele oder Pornos sprechen.

Wir tun so, als seien wir eines der fortschrittlichsten Länder der Welt

Das schockiert mich. Denn ich hätte nicht erwartet, dass viele Deutsche immer noch so verklemmt und prüde sind.

Wir tun so, als seien wir eines der fortschrittlichsten Länder der Welt. Doch wenn wir uns ansehen, wie verkrampft wir an das Thema sexuelle Aufklärung von Kinder herangehen, könnte man schnell glauben, wir befinden uns im Mittelalter.

Erzieher trauen sich nicht, den Kindergartenkindern zu erklären, welche Regeln es bei Doktorspielen gibt. Lehrer wissen nicht, wie sie mit ihren Schülern locker und offen über Sex und Liebe sprechen.

Und Eltern erröten, wenn sie mitbekommen, dass sich ihr 14-jähriger Sohn schon Pornos anschaut.

Was ist los mit uns? Wir leben doch in einer Welt, in der Sex allgegenwärtig ist. Damit haben wir auch kein Problem. Aber sobald es um unsere Kinder geht, flippen alle aus.

Wenn ich mit meiner Tochter über ihren Körper spreche oder ihre erkläre, dass Babys nicht aus dem Bauchnabel kommen, dann drehen sich Leute auf der Straße nach uns um.

Ja, sie ist drei Jahre alt. Und nein, ich fühle mich nicht als schlechte Mutter, nur weil ich ihr sage, was Sache ist. Ich wundere mich eher, was mit euch los ist.

Auklärungsbucher und Zeichntrickfilme überfordern unsere Kinder nicht!

Zuhause liegt bei uns sogar schon das erste Aufklärungsbuch für Kinder, das ab vier Jahren ist. Ich freue mich, es bald mit ihr anzuschauen.

Darin steht auch, dass Papa einen steifen Penis kriegen kann und den in die Vagina von Mama steckt. So können dann Babys entstehen.

Einen kurzen Zeichentrickfilm über eine Geburt habe ich ihr auch schon gezeigt. Der faszinierte sie so, dass sie ihn seitdem regelmäßig sehen will.

Manche Eltern denken, dass wir unsere Kinder so überfordern oder sie zu früh auf dumme Gedanken bringen. Das Gegenteil ist der Fall.

► Denn Pädagogen sind sich längst einig: Eine frühe Aufklärung schützt Kinder vor sexuellem Missbrauch.

Wenn Kinder früh ihren Körper kennen und lieben lernen, ihre sexuelle Neugierde ausleben und ihre Gefühle ausdrücken und selbstbewusst Nein sagen dürfen, dann sind sie eher davor geschützt, einmal Opfer sexueller Gewalt zu werden. 

Und wenn mir bei der Erziehung meiner Tochter etwas wirklich wichtig ist, dann ist es genau das. Dass sie lieber einmal zu viel Nein sagt, als einmal zu wenig.

Dass sie sich von keinem irgendwelche Geschichten über Sex erzählen lassen muss, weil sie es selbst nicht weiß. Dass sie nie Angst hat, mir mit über das Thema zu sprechen und weiß, dass sie alle Fragen stellen darf.

Mehr zum Thema: “Liebe Eltern, klärt eure Kinder früher auf! Damit schützt ihr sie”

Die gleiche Offenheit wünsche ich mir in Kindergärten und Schulen. Kinder sind von klein auf sexuelle Wesen.

Das kann keiner ignorieren. Erzieher und Lehrer haben die Aufgabe, mit den Kindern und Jugendlichen über all die Themen, die sie bewegen zu sprechen.

Und ihnen auch zu erklären, wo die Gefahren liegen. Wie Menschen Sex missbrauchen. Nur so können wir unsere Kinder schützen.

Ein Kindergarten, in dem die Erzieher keine Angst vor Aufklärung haben

Ich bin froh, dass meine Tochter einen Kindergarten besucht, in dem die Erzieher keine Angst vor Aufklärung haben. Sie sprechen mit den Kindern über ihren Körper und über die Regeln von Doktorspielen. Und sie üben mit ihnen, Nein zu sagen.

Meine Tochter sagt jetzt jeden Tag mindestens einmal: “Stopp, ich mag das nicht”. Das hat sie im Kindergarten gelernt.

Und nicht nur das. Letztens lag sie in der Badewanne. Ich habe ihr gesagt, dass wir jetzt ihre Mumu waschen müssen.

Darauf sagte sie: “Das ist die Scheide, Mama”. Ich musste schmunzeln. Gelernt hat sie das im Kindergarten. Daraufhin erklärte ich ihr, dass der Punkt über ihrer Scheide die Klitoris oder der Kitzler ist. Sie musste herzhaft lachen. Was für ein komisches Wort.

(ks)