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07/03/2018 14:43 CET | Aktualisiert 08/03/2018 11:29 CET

Sexualberaterin: So müsst ihr eure Kinder aufklären

Kinder wollen die Welt begreifen – Sexualität gehört nunmal dazu.

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Kinder beim Umgang mit Sexualität an die Hand zu nehmen, ist unglaublich wichtig.

Ich möchte das Tabu rund um Sexualität aufbrechen. Diese Art von Bildung ist meiner Meinung nach sehr wichtig!

Da ich aber keine Expertin bin, hole ich mir professionelle Hilfe von einer vertrauenswürdigen Sexualberaterin, die mit mir daran arbeiten möchte.

Petra Steiner ist die Richtige dafür: Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität.

Ihr stelle ich konkrete Fragen von Frauen, die sie professionell beantworten kann. 

Wann ist es richtig, mit sexueller Aufklärung bei Kindern anzufangen?

Steiner: Sobald das Kind zu fragen beginnt! Denn sobald die Frage aufkommt, ist das Kind auch bereit für eine Antwort. Entscheidend ist, dass die Antwort altersgerecht vermittelt wird.

Dabei gilt: So viel Information, wie gefordert. Nicht: So viel Information, wie möglich.

Erwachsenen fällt es häufig schwer, sich über die ersten Fragen drüber zu wagen, denn Sexualität ist für sie aufgeladen. Sie denken an Leidenschaft, Erotik, sich Verbinden, an den Austausch von Körperflüssigkeiten.

Mehr zum Thema: Wir müssen unsere Kinder früher aufklären – diese Zahlen zeigen, wieso

Kinder folgen einem angenehmen Körpergefühl

Kinder begreifen ihre neugierigen Fragen rund um das Thema Sexualität jedoch noch nicht “als sexuell“. Sie wollen die Welt begreifen, wie bei allen anderen Themen auch.

Und Kinder, die sich selbst erkunden, angreifen, reiben, folgen einem angenehmen Körpergefühl – was absolut natürlich ist. Ohne einen weiteren Zweck damit zu verfolgen.

Wieso tun wir uns auch als Erwachsene mit diesem Thema so schwer? 

Viele Erwachsene haben das Sprechen über ihre Geschlechtsteile, Körperlichkeit und Sexualität nicht gelernt. Ein plakatives Beispiel aus meinem eigenen Leben, das vielleicht einige ähnlich erlebt haben: Mein schulischer “Aufklärungsunterricht“ war sehr einprägsam – im negativen Sinne.

Wir haben – mit gepresster Stimme der Professorin – über Krankheiten, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können, Zeugung und Schwangerschaft gehört.

Danach sahen wir einen Film über den Geburtsvorgang. Frontal! Da war kein Wort über Liebe, Beziehung, Erotik, Leidenschaft oder dergleichen.

Das war genau genommen ein “Abschreckungsunterricht“. (Zum Glück ist das heute mit ganz ausgezeichneten sexualpädagogischen Projekten an Schulen völlig anders.)

Kommen dann noch Erfahrungen mit den engsten Bezugspersonen dazu, wie beispielsweise, dass:

► Sexualität verschwiegen wird (der Blockbuster spontan weggeschaltet wird, sobald eine Sexszene erscheint),

► Zärtlichkeit vermieden wird (“so etwas macht man in der Öffentlichkeit nicht“), Fragen abgestellt werden (“dafür bist du noch zu jung“) oder

► die Kinder im eigenen Erleben der Lust gebremst werden (“nimm die Finger dort weg, das ist schmutzig“),

dann prägen sich diese Bilder und Worte ein.

Es können Glaubenssätze verinnerlicht werden, die uns auf unserem weiteren sexuellen Lebensweg viele Schwierigkeiten bereiten können.

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Damit unsere Kinder einen gesunden Umgang mit Sexualität erlernen, müssen wir ihnen ihre Fragen beantworten. 

Wer persönlich solche Erfahrungen gemacht hat, tut sich wahrscheinlich schwerer, mit seinem Kind darüber zu sprechen. Im erwachsenen Alter haben wir uns zwar vielleicht Sprache erschaffen.

In unserem Kopf sitzt dabei aber oft der Gedanke, unsere Kinder so lange wie möglich davor “zu schützen”.

Es liegt an uns Erwachsenen

Das ist in Zeiten von Handy und Internet jedoch überhaupt nicht mehr möglich und im Sinne der sexuellen Entwicklung auch nicht sinnvoll. Kinder sind bereits im Volksschulalter mit Pornografie, Fotos von erigierten Penissen und so weiter konfrontiert.

Das ist Realität. Nur: Mit wem sollen sie darüber sprechen, wenn sie von zuhause keine Freigabe dafür habe? Wo erfahren sie hilfreiche Informationen? Wo können sie ihre Verwirrung los werden?

Es liegt an uns Erwachsenen, einen liebevollen, interessierten, offenen Zugang zu leben und damit unseren Kindern das Auffangnetz zu bieten, dass sie brauchen. Und: Es gibt den Weg hinaus!

Wie soll ich mich verhalten?

Mein Appell an alle Eltern ist: Traut euch, über euren Schatten zu springen! Stellt euch den Fragen eurer Kinder ganz bewusst und wachst – mit Hilfe eurer Kinder – über euch hinaus!

Jede Frage, die uns unsere Kinder stellen, und jede Antwort, die wir geben, hilft uns dabei, die Angst vor dem Sprechen zu verkleinern. Wir wachsen also hinein, indem wir es tun.

Was sind Do’s und Dont’s?

Die sexuelle Entwicklung dauert ein Leben lang. Wir haben also ab der ersten Frage bis weit in die Pubertät hinein, die Möglichkeit, unsere Kinder zu begleiten. Ihnen mit offenen Ohren und Tipps zur Seite zu stehen.

Je nach Entwicklungsstand des Kindes, lässt man sich auf die Fragen ein und begleitet in die große Welt von Liebe, Intimität, Körper, Lust, Sprache, Gefahren.

Die Basis der Vertrauens

Damit leisten wir einen wesentlichen Beitrag dazu, dass unser Kind seine Sexualität selbstbestimmt entdecken kann. Und: Wir erschaffen uns eine Basis, auf der unser Kind immer wieder zu uns kommen und etwas nachfragen kann. Die Basis des Vertrauens.

Was ist wichtig?

► Fragen, Bedenken, Wahrnehmungen seines Kindes ernst nehmen.
► Offen sein, für das was kommt, und uns als vertrauenswürdiger Gesprächspartner zeigen.
Die Dinge beim Namen nennen: Vulva und Vagina, Penis und Hoden, sind genauso normale Namen wie Ellenbogen und Augenbrauen.

Die Kinder sollen wissen, wie ihre Geschlechtsteile heißen. Und, dass ihre Geschlechtsteile nur ihnen gehören! Kinder sollen wissen: Sich für Sex zu interessieren, ist gut und wichtig. Sex haben Erwachsene in beiderseitigem Einverständnis. Mit Kindern darf man das nicht!

► Wenn ich als Erwachsener unsicher bin, dann kann und soll ich das auch sagen. Das ist dann meine Grenze, die gewahrt werden muss und das lebe ich meinem Kind auch eindrücklich vor.

Wenn ihr mit einer Frage gerade überfordert seid, dann holt euch Bedenkzeit heraus. Sagt beispielsweise: “Das ist eine spitzen Frage, ich möchte dir eine absolut richtige Antwort darauf geben. Besprechen wir das bitte heute Abend.“

Und dann kommt proaktiv auf die Frage zurück. Lasst es nicht in Vergessenheit geraten. Kinder wittern sofort, wenn es den Erwachsenen unangenehm ist.

Kinder nehmen absolut wahr, ob sie eine “Freigabe“ für ihre Fragen haben. Und wenn sie spüren, dass sie immer wieder auf Ablehnung stoßen, dann werden sie irgendwann darauf reagieren – indem sie nicht mehr fragen.

Zur “Freigabe“ ein aktuelles Beispiel aus meinem Leben gegriffen, das die Thematik ganz gut aufzeigt: Meine Kleine, jetzt drei Jahre und fünf Monate, sagt mir beim Pyjama anziehen: “Meine Vulva tut weh.“ Sie hatte eine leichte Rötung.

Ich war neugierig und fragte ihre Babysitterin, die aus dem familiären Umfeld stammt: “Hat sie dir auch gesagt, dass ihre Vulva weh tut?“. Antwort: “Ja“.

Frage: “Und wie sagt sie dir das? Sagt sie dann auch Vulva?“. Antwort: “Nein”. Sie sagt, es tut ihr weh und zeigt hin.”

Grenzen des Kindes berücksichtigen

Und da sind wir genau am Punkt: Die Kinder spiegeln uns und gehen nur soweit, wie wir sie gehen lassen. Wenn sie also die Wahrnehmung haben, dass etwas dem oder der Anderen unangenehm ist, dann tun oder sagen sie es nicht, obwohl sie es wüssten und könnten.

Gibt es Grenzen, wenn wir mit Kindern und Jugendlichen über Sex reden?

► In erster Linie gibt die Grenze das Kind vor. Denn es stellt eine Frage und sollte eine knappe Antwort bekommen, die genau die Frage bedient. Wenn wir zu wenig Information anbieten, fragt das Kind weiter nach.

► Das Kind nicht ”überfallen“, weil wir jetzt über Sex sprechen möchten. Ich kann einladen, um nach einer Frage beispielsweise ein Buch miteinander anzusehen. Wenn ein “Nein” folgt, dann ist das auch zu akzeptieren. Die Grenze des Kindes, sowohl emotional, wie auch körperlich, muss immer gewahrt bleiben.

► Bis zum Einsatz der Pubertät sind gezeichnete Bilder zu empfehlen und kein Realbild.

► Keine Details über die elterliche Sexualität preisgeben, im Sinne von: “Welche Stellungen gefallen Mami und Papi am besten?” Wir bleiben auf der Metaebene.

Wie muss ich mich als Elternteil verhalten, wenn mein Kind Pornos schaut? 

Tief Durchatmen, ruhig bleiben und sich zu allererst entschuldigen. Denn ich bin gerade in die Privatsphäre meines Kindes eingedrungen. Und habe damit eine Situation hergestellt, die für beide unangenehm ist. Danach das Gespräch suchen:

Das unangenehme Gefühl, sollte ausgeräumt werden. Damit kann es sich nicht als totzuschweigendes Geheimnis einnisten, sondern es wird gemeinsam abgehackt. Und: Man schafft sich erneut die Möglichkeit, einen Raum zu eröffnen, um miteinander über Sexualität zu sprechen.

Im Sinne der sexuellen Entwicklung empfinde ich es als überaus wichtig, dass wir unseren Kindern und Jugendlichen – gerade in Punkto Pornos – eine Stütze sind. Eine Stütze in dem Sinne, dass wir ihnen erklären, dass Menschen Pornografie oft als Erregungsvorlage heranziehen.

Aufklärung stärkt Kinder

Aber, dass dies kein normaler Sex ist, den zwei Menschen miteinander haben können und müssen. Dass Pornos gecastete und mit Drehbuch versehene Filme sind wie in Hollywood. Dass weder die Darsteller und vermittelten Rollenbilder dem entsprechen, was “normal“ ist. Noch die Praktiken dem entsprechen, was “normal“ sein muss.

Was sind informative, aber nicht zu trockene Bücher oder Filme, die Kinder und Jugendliche aufklären? 

Es gibt ganz liebevolle Bücher, die sehr schön an das große Thema Sexualität heranführen. Eltern sollten diese vorweg lesen und sich für das entscheiden, was ihnen gut liegt.

Und dann: gemeinsam ansehen und miteinander besprechen. Empfehlenswert sind beispielsweise: “Mein Körper gehört mir“ oder “Mein erstes Aufklärungsbuch“ (ab 5 Jahren), “Wie ist das mit der Liebe?“ (ab 9 Jahren) und “Ganz schön aufgeklärt“ (ab 11 Jahren).

Wie mache ich Kindern klar, dass sie sich melden müssen, wenn ihnen wer zum Beispiel zwischen die Beine greift? 

Wer oben genanntes in sein Familienleben integriert, hat einen absolut wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass sein Kind in sich gestärkt ist! Und das erarbeitete Vertrauen schafft die Basis, dass unser Kind auch nach einem beängstigenden, negativen Erlebnis mit uns spricht.

Worauf kann ich noch ganz gezielt achten: Kinder stärken ihre Selbstwahrnehmung und können ihre Grenzen integrieren, wenn sie diese spürbar erleben und ausleben können. Wenn sie die Erfahrung machen, dass ihr “Ja” oder ihr “Nein”, angenehme oder negative Empfindungen, angenommen und respektiert werden. Damit können sie in ihre wahre Größe hineinwachsen.

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Es ist wichtig, dass Sexualität im Familienleben nicht tabuisiert wird.

In dem Zusammenhang noch ein Beispiel aus meiner Praxis: Menschen, die zu mir in Beratung kommen, berichten häufig, dass sie in ihrer Kindheit in vielen Situationen entsprechen mussten, obwohl sie das nicht wollten.

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Dabei geht es um “Alltägliches“, wie zum Beispiel: “Gib der Tante ein Bussi, die ist sonst traurig.“ Oder: “Stell dich nicht so an, ich weiß schon, was für dich gut ist.“ Oder: “Du wirst essen, was auf den Tisch kommt.“ Oder: “Du tust das jetzt, weil ich es dir sage.“

Zum Wohle des Kindes

Hört sich nach Banalitäten an? Ist es aber nicht! Denn es sind Grenzübertretungen, die den Menschen prägen und sich in der Sexualität und ganz vielen weiteren Lebensbereichen auswirken.

Wer über Jahre über seine eigenen Grenzen gedrängt wird, bei dem prägt sich etwas ein...

In der Sexualberatung treffe ich dann auf Menschen, die ihre Wünsche gar nicht bis sehr schwer formulieren können. Die oft über ihre Grenze gehen, weil sie glauben, funktionieren zu müssen.

Die sich gänzlich entziehen, weil das ihre einzige Chance ist, sich abzugrenzen. Die nichts für sich einfordern, weil sie denken, dass ihre Erwartungen nicht gerechtfertigt sind.

Was ist da passiert?

Wer über Jahre über seine eigenen Grenzen gedrängt wird, bei dem prägt sich etwas ein: Das Gefühl, dass die eigene Wahrnehmung nicht stimmt.

Die auferlegte Erwartungshaltung, funktionieren zu müssen. Die Erfahrung, dass die eigene Intuition, die eigenen Gefühle nicht richtig sein können. Und langsam aber sicher sinkt die Selbstbestimmtheit und damit genau das, was wir eigentlich bei unseren Kindern stärken möchten.

Ein guter Gradmesser dafür, die Grenzen bewusst zu wahren und unser Kind zu stärken, sind folgende Fragen:

Ist das, was ich gerade von meinem Kind verlange, zum Wohle meines Kindes?

► Oder ist das, was ich gerade von meinem Kind verlange, zu meinem eigenen Wohl oder für mein Ego? (“Du tust es, weil ich es sage“)

Im Alltag trifft das Nein unseres Kindes oft auf ein gespanntes Nervenkostüm der Eltern. Halten wir uns aber bewusst vor Augen, wie wichtig es in der (sexuellen) Entwicklung unseres Kindes ist, deren Willen zu stärken.

Dann werden wir auch diese Herausforderung meistern. Ich wünsche euch ganz viel Freude dabei, eure Kinder auf ihrem Weg zu einem selbstbestimmten Erwachsenen und lustvoll gelebter Sexualität zu begleiten.

Petra Steiner ist Expertin für beflügelte Sexualität. Sie vermittelt in ihren Beratungen den Zugang zu freier, lockerer und luftig gelebter Sexualität. In der von ihr entwickelten Methode: 6+1 “In 7 Schritten zu beflügelter, geglückter, verschwitzter Sexualität“, begleitet sie Frauen und Paaren auf ihrem Weg in ein erfülltes, glückliches Sexualleben. Hier kannst du dich zum Newsletter von Petra anmelden.

Dieser Text erschien zuerst bei Hotelmama.com.

(ks)