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07/03/2018 17:14 CET | Aktualisiert 08/03/2018 11:18 CET

Wegen meiner Aufklärungsbücher haben Eltern schon Buchhandlungen boykottiert

Vielen Menschen gefällt nicht, was ich mache.

“Solange Ihre Bücher hier in der Ausleihe sind, kommen wir nicht mehr” – solche Sätze musste ich mir schon von Eltern anhören. In einer Bücherei lagen meine Aufklärungsbücher für Kinder aus. Das war nicht jedem Recht. Ein paar besorgte Eltern protestierten. 

Doch die Inhaberin der Bücherei blieb stark und ignorierte sie. Meine Bücher blieben liegen. 

Ich bin Kinderbuchautorin und schreibe Bücher mit Titel wie “War ich auch in Mamas Bauch?“ oder “Mein erstes Aufklärungsbuch“. Die Bücher sind ab fünf Jahren und erklären auf kindgerechte und liebevolle Weise, wie ein Kind gezeugt wird, wie es auf die Welt kommt und wie die einzelnen Körperteile heißen. 

Ich fand es so schön, Kind zu sein

Vielen Menschen gefällt das nicht. Nicht nur Eltern, sondern auch Journalisten. Einmal erschien ein Artikel in der Zeitschrift “Welt“ in der Schweiz, in dem meine Bücher stark kritisiert wurden. Die Darstellungen seien zu explizit. Aber ich habe mich daran gewöhnt, dass ich immer wieder mal Gegenwind bekomme.

Dagmar Geisler
"Mein erstes Aufklärungsbuch"

Ich hatte schon immer ein großes Interesse daran, dass Kinder ihre Lebenslust behalten. Wenn ich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich daran, wie schön es war, Kind zu sein. Leider musste ich als Kind selbst erleben, wie es ist, sexuell belästigt zu werden und wie es ist, wenn die Lebensfreude eines Kindes auf einmal weg ist. 

Davor will ich Kinder mit meinen Büchern schützen. 

Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder so früh wie möglich mit dem Thema Sexualität in Berührung kommen. Auf liebevolle Weise. Und zwar bevor sie aus nicht kindgerechten Medien davon erfahren. 

Auf den Straßen sind zu viele Gefahren

Es gibt Gegner, die sagen, dass das auch Zeit bis zur Pubertät hat. Diese Haltung finde ich gerade in der heutigen Zeit gefährlich.

Ich vergleiche das gerne mit dem Straßenverkehr. Konnte man früher die Kinder vielleicht einfach mal loslaufen lassen, um ihre eigenen Erfahrungen zu machen, geht das heute nicht mehr. Auf den Straßen (auch auf den Datenstraßen) lauern zu viele Gefahren.

Genauso sehe ich das mit dem Thema sexuelle Aufklärung. Früher sind Kinder nicht so schnell damit in Berührung gekommen, da konnte man vielleicht bis zur Pubertät warten. Heute ist das viel zu spät

Neulich saß ich in der Küche und in den Vorabendnachrichten fiel dreimal das Wort Kinderpornografie. Was ist, wenn mein Kind mich fragt, was das ist? Wie kann ich eine gute Antwort geben, wenn ich mit meinem Kind noch nie über Sexualität gesprochen habe?

Wir propagieren einerseits große Offenheit, aber im persönlichen Umgang mit diesen Themen haben viele Erwachsene Scheu. Und sind unsicher. 

Seit Anfang der 90er Jahre illustriere und schreibe ich Kinderbücher. Damals waren die Menschen viel offener als heute. Jetzt beobachte ich einen neuen Trend. Es gibt viele Menschen, die das gar nicht mehr so locker sehen. Das sind vor allem junge Eltern. 

Kinder müssen “Nein” sagen können 

Das hat auf der einen Seite etwas damit zu tun, dass das Thema Missbrauch an Kindern zu einem öffentlichen Thema geworden ist. Einerseits ist das gut, andererseits hat es auch Angst ausgelöst. 

Viele stellen sich die Frage: Was darf ich denn überhaupt noch machen? Auch unter Erzieherinnen und Erziehern herrscht zuweilen große Unsicherheit. Manche fragen sich: Darf ich ein Kind überhaupt noch berühren?

In den 90er waren sich alle einig, dass Kinder lernen müssen, Nein zu sagen. Und jetzt sagen manche Eltern “Ich will nicht, dass mein Kind so unhöflich ist”. 

Ein Kind, das seine Grenzen austestet, wirkt nicht angepasst. Ich beobachte ein Erschrecken mancher Eltern, wenn sie sich vorstellen, dass ihr Kind sich so “aufführen“ könnte.

Ein lautes “Nein“ muss ja ausprobiert werden und kommt dann vielleicht auch mal in einer Situation, in der aus erwachsener Sicht nicht so passt.

Vielen Eltern ist das dann unangenehm

Diese Gegenbewegungen, genauso wie die Initiative “Demo für Alle”, machen mich wütend, wenn sie einfach aus einer prüden Ecke kommen.

Allen anderen würde ich gerne helfen, locker und selbstbewusst mit dem Thema umzugehen. Dann entsteht ein Umfeld, in dem Kinder alle Fragen stellen können.Und das schützt sie, meiner Meinung nach, am besten. 

Das Protokoll wurde von Katharina Hoch aufgezeichnet. 

Hier geht es zur Website von Dagmar Geisler. 

Dagmar Geisler
"War ich auch in Mamas Bauch?"