POLITIK
14/09/2018 18:28 CEST | Aktualisiert 15/09/2018 09:57 CEST

Auf YouTube breitet sich ein Sumpf rechter Hetze aus: Forscher warnen vor den Folgen

Youtube trägt eine große Verantwortung – vor allem jungen Menschen gegenüber.

YouTube/Screenshot/Chris Ares/Tim Kellner
Die Youtuber Tim Kellner (links) und Chris Ares (rechts).

Sie sitzen in kleinen dunklen Zimmern mit Deutschlandflaggen oder stehen in professionellen TV-Studios. Sie haben wild gelockte Haare und Ganzkörpertattoos oder sehen völlig unscheinbar aus. Ihre Videos tragen Titel wie: “Merkels Weg – Krisengebiet und Meinungsdiktatur” oder “Die Chemnitz-Lüge endgültig entlarvt”. 

Vor allem seit den Vorfällen in Chemnitz fluten Verschwörungstheoretiker die Videoplattform Youtube mit ihren Videos.

So unterschiedlich die Urheber dieser Videos auch sind, haben sie alle eines gemeinsam: Sie spielen sich als Helden auf, als Kämpfer gegen das Böse.

Das Böse, das ist in diesem Fall “die Lügenpresse”, das sind die deutschen Medien, das sind Migranten. Auf der guten Seite stehen sie, die Youtuber, die die Deutschen aufklären über das, was wirklich in diesem Land passiert – angeblich. In Wahrheit verbreiten sie jedoch hauptsächlich Fehlinformationen und Hetze.

Und was macht Youtube? Die Videoplattform geht nicht gegen die Ausbreitung der Videos vor, fördert diese im Gegenteil sogar noch. Forscher warnen deshalb jetzt: Die Plattform werde dadurch zu einem Multiplikator für rechte Hetze. 

Fremdenhass in Endlosschleife 

In welcher Form das bereits geschehen ist, zeigt eine Untersuchung des Informatikers und Forschers Ray Serrato. Er hat analysiert, welche Videos nach den Vorfällen von Chemnitz die meiste Reichweite erzielt haben.

Die Top-Ten-Liste der meistgeklickten Youtube-Videos zu Chemnitz führt demnach “Russia Today Deutschland” an, ein Netzwerk, das von der russischen Regierung finanziert wird.

Noch viel beunruhigender aber ist, dass schon auf Platz drei der Kanal des rechtsradikalen Rappers Chris Ares steht. In seinem Video zu Chemnitz, das sich zeitweise sogar auf Platz eins der Trending-Liste Deutschlands hielt, verbreitete er zahlreiche Fehlinformationen und stellte die Geschehnisse falsch dar.

Der Rechtsextreme hatte mit seinem trending Video schon an Tag eins mehr als 423.000 Menschen erreicht.

Auch Oliver Flesch und Tim Kellner sind Youtuber, deren Verschwörungstheorien und verdrehte Fakten über Chemnitz hunderttausende Menschen erreicht haben. Der Claim von Oliver Fleschs Youtube-Kanal lautet: “Willkommen im Widerstand!”

“Die Systemmedien können nicht hetzerisch und reißerisch genug berichten”, behauptet der ehemalige Polizist Kellner. Deshalb müsse er das Aufklären übernehmen. Kellners Appell: Seine Zuschauer sollten “mit eigenen Augen und Ohren” die Geschehnisse im Land verfolgen, das würde schon genügen, um mitzubekommen, was hier los sei.

Die eigenen Augen und Ohren seiner Zuschauer nutzt der Youtuber dann, um ihnen auf hetzerische Weise Angst einzujagen und die vermeintliche Wahrheit zu erzählen. Deutschland sei zu einem “Krisengebiet” verkommen, in dem “tagtäglich Morde, Vergewaltigungen und Messerangriffe” passieren würden. “Je suis Deutschland” hängt eingerahmt hinter ihm an der Wand, neben ihm steht eine Deutschlandflagge,

Das Gefährliche: Die Weiterverbreitung dieser und ähnlicher Hetz-Videos hört niemals auf. Denn Youtube hat eine Endlosschleife rechter Hetze in Gang gesetzt. Nutzern, die auf ein Hetz- oder Verschwörungsvideo klicken, empfiehlt Youtube kurz darauf ein zweites, dann ein drittes, dann ein viertes, irgendwann das 64. Hetzvideo. 

Der Rechtsextremismusforscher Flemming Ipsen warnt 

“Rechtsextreme nutzen Youtube gezielt und orientieren sich dabei am Nutzungsverhalten nicht zuletzt junger Menschen”, sagt der Rechtsextremismusforscher Flemming Ipsen der HuffPost und warnt vor den Algorithmen des Dienstes.

Ipsen arbeitet für jugendschutz.net und recherchiert rechtsextreme Angebote im Netz und entwickelt Gegenaktivitäten. Auch für Youtube-Videos hat die Seite das schon übernommen. Youtube reagiere “meist schnell und zuverlässig”.

Nichtsdestotrotz habe Ipsen eine verstärkte Nutzung der Plattform durch rechtsextreme Akteure beobachtet, “was eine Herausforderung insbesondere mit Blick auf die Beliebtheit des Dienstes bei jungen Userinnen und Usern darstellt”, sagt er und warnt:

“Die Algorithmen der Plattform erhöhen das Risiko, dass auch junge Userinnen und User mit rechtsextremen Inhalten konfrontiert werden und sich beim ‘Durchklicken’ dieser Effekt noch verstärkt. Es liegt auch in der Verantwortung der Plattformbetreiber, hier geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um insbesondere Kinder und Jugendliche vor einem solchen Risiko zu schützen.”

Die Verantwortung, die Youtube gerade bei jungen Menschen, hat, ist enorm. Einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center zufolge ist Youtube in den USA bereits das beliebteste soziale Netzwerk von 13 bis 17-Jährigen. Auch in Deutschland nutzen laut der ARD/ZDF-Umfrage 201791 Prozent der 14- bis 29-jährigen regelmäßig Youtube.

Und: Gerade junge Menschen suchen sich einer Bitkom-Studie zufolge ihre Idole auf der Videoplattform.

Das Empfehlungssystem von Youtube, das in die Endlosschleife führt, könnte deshalb besonders fatal sein. Doch es ist das, was die Videoplattform ausmacht. Je mehr Videos die Nutzer anklicken, desto mehr Werbung kann Youtube schalten und desto mehr verdient das Unternehmen

Auf Anfrage der HuffPost äußerte sich Youtube nicht zu der rechten Hetze auf seiner Plattform, erklärte lediglich den Algorithmus. Demnach bestimmen die Anzahl der Views, das Ansteigen der Views und das Alter der Videos den Platz in der Trending-Liste.

Ehemaliger Youtube-Entwickler: “Es geht nicht um das, was wahr ist”

Der ehemalige Youtube-Entwickler Guillaume Chaslot sagte dem “Guardian”, es gehe Youtube hauptsächlich darum, die Zeit zu maximieren, die die Nutzer Videos anschauen. Der Algorithmus optimiere das Angebot für maximale Sehdauer, “nicht für das, was wahr, ausgewogen oder gut für die Demokratie ist”.

Das Problem: Lügen und hetzen ist nicht verboten. 

“Ein großer Teil rechtsextremer Webinhalte ist zwar unsäglich, aus demokratischer Perspektive deutlich abzulehnen und bisweilen gar rassistisch, jedoch in Abwägung mit der grundgesetzlich verbrieften Meinungsfreiheit zulässig”, sagt Ipsen. “Darunter können auch Lügen, Manipulationen und Falschmeldungen fallen.”

Würde Youtube hier einschreiten, müsste sich die Videoplattform die Kritik der Zensur gefallen lassen.

Doch die Frage ist, ob das, was sie mit dem Ausbreiten des rechtsextremen Contents anrichten, besser ist. Denn wenn Youtube nicht beschließt, auch gegen Hetze und Verschwörungstheorien vorzugehen, wird der rechte Sumpf auf der Plattform größer und größer. Es geschieht schon längst, mit jedem weiteren Klick. 

Der “New York Times”-Journalist Max Fisher warnte: “Die Neonazis mögen in Chemnitz in der Minderheit gewesen sein, aber dank Youtube gewinnen sie online.”

(ben)