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24/06/2018 23:19 CEST | Aktualisiert 24/06/2018 23:19 CEST

Auf Himmel komm raus leben ... Endlich!

“Ich mag einfach mal nur ich selbst sein. … Wenn ich doch so sein könnte, wie ich bin …“

Diese und ähnliche Sätze höre ich immer wieder in meinen Einzelberatungen, in meinen Workshops und nach meinen Lesungen und Lesungskonzerten. Es ist sehr ähnlich im Grundtenor – der Wunsch, unverstellt sein zu können, keine Masken mehr tragen zu müssen, nicht mehr gefallen müssen, nicht mehr überall und nirgendwo mitmachen zu müssen, um dabei sein können. Einfach mal „nur zu sein“. Wenn ich nachfrage „Ja – was meinen Sie genau damit – sich selbst sein?“ – dann ernte ich oft staunend-ratlose Gesichter. So einfach ist das also doch nicht, das mit dem sich selbst Sein – offenbar. …

Habe ich mich selbst je damit auseinandergesetzt? Ja – natürlich immer wieder. Zuerst über meine beruflichen Aktivitäten. Dann über mein persönliche Umfeld. Und zu guter Letzt, erstaunlich, bei mir als Mensch und als Frau. Ich nahm mich als letztes Element in der Kette wahr. Was lässt sich daraus schließen? Wie lange war ich mir selbst am unwichtigsten? Sie lesen – wie weit sind wir denn heute von uns selbst entfernt? Ich konnte mich jahrelang auch nicht von dieser Großgruppe ausnehmen. Das gebe ich unumwunden zu. Ja - auch ich war eine Getriebene –wenngleich mein Herz auf Dauerrebellion getunt war.

Solange das Äußere dominiert, ist frau/man meilenweit von sich selbst entfernt, abgetrennt, inkomplett, immer suchend und nur sehr wenig findend.

Die Suche im Außen nach sich selbst ist immer von einer Sucht begleitet, die auch nie richtig stillbar ist. Gegessen und getrunken wurde, oft opulent – doch der Hunger und der Durst im Inneren, die verbleiben stumme Dauergäste. Das Herz bleibt leer – wie ein tiefes Loch – unerfüllt, suchend, hoffend … ohne genau zu wissen, worum es in der tiefsten Tiefe geht.

Daher schreibe ich ein Plädoyer für das Leben selbst und für den Mut, die ureigenste Einzigartigkeit zu erkennen und zu leben, frei von Egoismen, frei von Narzissmus.

Es geht dabei ausschließlich um das Erkennen und Leben der eigenen Wahrheit. Die steht in keinem Lehrbuch und es gibt dafür auch keine Betriebsanleitung. Auch bei Google und anderen Suchmaschinen kann ich Ihnen keine große Hoffnung machen, dass Sie einen Impuls finden. Doch sich auf den Weg zu machen, ist für mich die große Chance, das Selbst zu finden und unglaublich viel über sich selbst herauszufinden. Wenn frau/man es schafft, die Erkenntnisse schrittweise umzusetzen – dann, ja dann wird wahrhaftiges Leben in seiner gesamten Tiefe und Breite möglich. Hilfe von Außen dabei gelegentlich anzunehmen, offenbart eine große Stärke. Denn – das Außen liefert oft unerwartete Impulse, die das Innere anschieben und insgesamt am Weg weiterbringen. Doch – Achtung – sehen Sie sehr genau hin, von wem Sie sich aus dem Außen die Impulse holen. Diese/r muss Sie auf Ihrem Weg weiterbringen und nicht auf dem Weg des Beratenden.

Dazu also ein paar vertiefende Gedanken, die als Anregung verstanden werden wollen.

Anderssein und Einzigartigkeit … ein Wunschkonzert?

Anderssein und das Leben der eigenen Einzigartigkeit sind Themen, die mich mein gesamtes Leben begleiten - vielleicht auch, weil ich mich instinktiv immer anders als die Masse wahrgenommen und empfunden habe. Nicht besonders, nein, keineswegs. Vielmehr war es latent und manifest dieses Gefühl der Nichtzugehörigkeit, des Ausgegrenztseins und der Fremdheit, das ich immer wieder empfand. Oft konnte ich es nicht in Worten ausdrücken. Es war ein Gefühlskonvolut, das einfach da war. Dafür gibt es viele Gründe, die nicht im mit dem Verstand Erklärbaren zu finden sind und sich in meinen Empfindungen und Wahrnehmungen widerspiegelten. Es ist daher nur mit dem Herzen Ausdeutbares, Empfundenes, Gefühltes, das mir das Anderssein so vertraut macht - und damit die sogenannte Normalität für mich ist.

Es ist für mich beispielsweise selbstverständlich, zwischen Daseinsebenen zu wechseln, alleine zu sein, vollkommen auf mich gestellt zu sein (intellektuell und physisch), mich für Dinge und Themen zu interessieren und zu bearbeiten, die kaum jemand auffallen - und wenn, dann mit einigen Jahren Zeitverzögerung. Daher - Themen suche ich nie - weder als Wissenschafterin noch als Schriftstellerin. Sie sind einfach da, wenn die Zeit dafür reif ist. Warum dies so ist, kann ich rational nicht beantworten. Ich habe auch das Gefühl, ich würde in etwas Magisches hineingreifen und es damit zerstören – wenn ich es mit dem Verstand versuchte, zu beantworten, wie mich was findet.

Mit dieser verstandesmäßigen Unerklärbarkeit wirke ich auf viele Menschen interessant, ja - da ist so etwas wie ein Zauber, jedoch bin ich - bei näherem Hinsehen - für viele wenig fassbar, da ich nicht ihrer Norm entspreche und dieser auch gar nicht entsprechen will. Vielleicht erschrecke ich sie sogar mit meiner Klarheit im Anderssein und dem teilweise als durchaus provokant empfundenen Leben meiner Einzigartigkeit.

Wenn ich dann immer wieder schreibe: Einzigartigkeit ist nichts Besonders. Jede/r ist in ihrer bzw. seiner Weise einzigartig. … Ja – dann stoße ich auf Unverständnis, auf Wünsche, auf Antwortforderungen.

Wer die Grundprinzipien des Lebens nicht kennt, tut sich naturgemäß schwer.

Stellen Sie sich vor, Sie spielen Fußball und haben keine Ahnung von den Spielregeln, wissen nicht über die Rollenverteilung Bescheid. Ich bin sicher, Sie tappen zielgerichtet ins Abseits und fragen den Trainer am Rand, warum er denn verdammt noch mal nicht endlich mitspielt und den Sauladen auf Vordermann bringt. Ich sehe Sie schon lächeln beim Lesen dieser Zeilen. Manch eine/r hebt die Augenbraue beim Lesen. Alles darf sein. Also weiter im Gedankentext.

Was ich ein wenig pointiert formuliere, geschieht im Leben dauernd. Nur wenige erkennen und verstehen die Spielregeln. Noch weniger wenden sie konsequent an. Kaum eine/r lebt daher ihre/seine Einzigartigkeit und kommt der eigenen Wahrhaftigkeit nahe.

Sind die meisten Menschen Lebensverweigerer?

Der Großteil jener, die ich seit Jahrzehnten beobachte, passt sich an, um dazu zu gehören. Wozu? Wozu frage ich? Innehalten. Stille. Durchatmen. Um Zugehörigkeit zu buhlen, ist das Wesen des kleinen Kindes, das die Zugehörigkeit für das eigene Überleben braucht. Der Erwachsene braucht dies nicht - nur wissen auch das die wenigsten.

Wer dies erkennt, hat den Schlüssel zur eigenen Einzigartigkeit in Händen. Sie/er lebt sie noch nicht, doch hat einen wesentlichen Teil zur Verfügung.

Wie ging es mir mit Schlüssel, Schloss und Türe? Beispielhaft, nicht unbedingt zur unkritischen Nachahmung empfohlen – doch als Impuls. Die Einzigartigkeit bezieht sich auf meine Gedanken, meine Sichtweisen, meine innere Haltung, mein Zugehen aufs Leben, meine Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und auszudeuten, die vielen verhüllt bleiben. Für mich sind diese Zusammenhänge sehr früh in einem Prozess erkennbar und die Ergebnisse zeigen sich unverhüllt. Warum das so ist, kann ich rational nicht sagen. Das war schon als Heranwachsende so und hat mich anfänglich belastet. Doch dann habe ich diese Gabe akzeptiert. Ich nehme einfach sehr differenziert auf mehreren Bewusstseinsebenen wahr. Das ist nichts Gespenstisches, nichts Esologisches. Es ist. Daraus ziehe ich meine Schlüsse und forme meine Gedanken und meine Meinung.

Ich habe mich auch nie an der herrschenden Meinung gerieben. Dies erschien mir als unsinniger Wettbewerb, der mich von mir wegführte. Mich haben Fragen immer mehr interessiert als Antworten, denn diese kann man sich der Norm und der Theorie entsprechend zurechtbiegen. Und ich konnte und kann durchaus unbequeme Fragen stellen ... Dort wo keiner hinblickt, dort blicke ich leidenschaftlich gerne hin und genau dort gehe ich hinein - natürlich oft, ja meistens alleine. Es geht mir dabei nie um das Kontra-Programm und nie um die Provokation. Vielmehr war und ist es eine unbändige Neugierde, die mich vorantreibt. Es ist das Prinzip der Ausweitung und der Entfaltung, dem ich anhänge, nicht egoistisch, sondern immer im Gesamtkontext. Leicht? Davon war nie die Rede. Ob ich mir auch selbst auf den berühmten Leim gehe? Natürlich – ich bin ja auch Mensch.

Und – wie halte ich es mit Normen, Regeln, Strukturen?

Also – damit wir einander nicht missverstehen – ich bin keine Fürsprecherin von Anarchie und Chaos, auch nicht von ‚Alles-ist-möglich-Nix-ist-fix‘ um dieses Gedanken willen. Normen, Regeln und Strukturen ermöglichen ein gedeihliches Zusammenleben. Dabei wird oft vergessen, dass alle drei grundsätzlich neutral sind. So – und jetzt wird es spannend, denn dieser Schritt wird gemeinhin übersehen. Es ist immer eine Frage, was man aus Normen, Regeln und Strukturen macht, inwieweit und mit welcher Qualität man sie mit Leben erfüllt und sie anderen oktroyiert. Dann entsteht ein Zwang, der meistens fern jeglicher Harmonie ist und der/dem Einzelnen die Luft zum Atmen nimmt.

Ich hinterfrage daher Normen kritisch und wenn ich empfinde, sie sind für mich stimmig – warum nicht anwenden?! Doch was ich nicht tue, ist, einer Norm um der Norm willen zu entsprechen. Denn - was ist die Norm? Gibt es sie überhaupt? Äußere Fakten spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, denn was ist schon ‚die‘ Norm, die scheinbar allein selig Machende? Wer legt sie fest? Wer achtet ihre Einhaltung?

Oft sind es tradierte Verhaltensweisen, die einen Anpassungszwang auslösen. Oft ist es dieser dem Menschen so innewohnende Zwang, dazugehören zu wollen, anerkannt und geliebt werden zu wollen - dafür nimmt man einiges in Kauf. Es sind sog. Generationenfixierungen und kollektive Muster, Regeln und Strukturen, die der Masse ungefragt übergestülpt werden und so Haltungen formieren - ungefragt, unkritisch ... weil es immer so war. Normen ermöglichen auch eine gewisse Bequemlichkeit. Hinterfragen ist nicht mehr.

Ich gebe zu, es verlangt viel, nicht mit dem Strom der Masse zu schwimmen ... und ich gebe zu, dass Menschen, die anders als die Norm sind (gleich in welcher Ausprägung), für das Kollektiv schwierig in der Handhabung sind, weil sie oft nicht integrierbar sind. Sie brauchen eine andere Behandlung als die Norm dies vorsieht. Und dann wird es für alle Beteiligten ungemütlich, weil anstrengend. Dann beginnen eine manches Mal subtile, öfters jedoch eine manifeste Ausgrenzung, eine Zurücklassung hinter dem Zug der Lemminge.

Dabei - in jungen Jahren lebt der Mensch das Ursprünglichste, ist dem Kern seines Daseins am Nächsten - und gleichzeitig ist er unglaublich dazugehörigkeitsbedürftig, denn ohne diese Zugehörigkeit wäre sein Überleben nicht möglich.

In diesem Paradoxon aufgespannt entwickelt sich Leben - mit allen Ecken und Kanten, mit allen Aufbrüchen, Umbrüchen und auch mit allen Abbrüchen. Und darüber wird die Generalnorm der Entsprechung gelegt, unbewusst, ungefragt ... und zum Unglücklich Sein vieler beitragend.

Dabei geht es nur um einige wenige Jahre im Leben eines Menschen, wo diese Zugehörigkeit wichtig ist. Wenn diese sehr kurze Phase vorbei ist und die Eigenständigkeit mehr und mehr ruft und das Anderssein, die Differenzierung angezeigt wären, geht die Anpassungsphase unbewusst und unkommentiert für viele weiter, weil sie nie ihre Eigenart kennen lernen konnten und von der Masse mitgeschwemmt werden.

Ausbruchsversuche werden niedergehalten. Was man alles nicht macht ... Es lebe der kollektive Anpassungszwang. ... Uniformität allover. ... Kaum einer hat ja auch eine Betriebsanleitung für den Moment der Eigenständigkeit erhalten, denn es ist ja nicht so, dass es sich dabei um einen klar eingrenzbaren Zeitpunkt handelt. Vielmehr ist es ein Prozess mit allen Höhen und Tiefen.

Was geschieht ... ?

Nun stelle ich mir seit vielen Jahren eine Reihe an Fragen zum Anderssein und wie man die Einzigartigkeit leben kann. Diese Fragen sind nicht erschöpfend, sondern exemplarisch und geben einen ersten Hinweis zur Richtung, wo die Reise hingeht. Denn: diese Reise hört ja nie auf ...

· Was geschieht, wenn man von Beginn an anders als die Norm ist, wenn man unangepasst ist, wenn man außerhalb der kollektiven Toleranzbereiche deutlich lieber lebt und das Anderssein das eigentliche Lebenselixier ist?

· Was geschieht, wenn man vom ersten Atemzug unangepasst ist, anders ist, sich das Leben immer wieder erkämpft, zurückerobert - um dann den nächsten Schritt zu tun?

· Was geschieht, wenn man in diese Welt mit anderen Veranlagungen landet, als dies die Norm vorsieht und man nirgends einordenbar ist, wenn eine Rasterung unmöglich ist?

· Was geschieht, wenn man nicht komplett und gesund in diese Welt hereinkommt und dafür so viele andere Vorzüge mitbringt, die jenseits der körperlichen und geistigen Vollkommenheit liegen?

· Was geschieht, wenn man die Zugehörigkeit verweigert, weil man fühlt, dass man eben nicht dazugehört und jeglicher Schritt in die Gruppe mit dem Verlust des Eigenen, des Ursprünglichen verbunden ist - mehr gefühlt, denn intellektuell erfasst?

· Wie ist das, wenn man in angestammte Domänen eindringt, mit Neuem daher kommt und keine Anerkennung benötigt, weil sie sich - unerklärlich - aus sich selbst sich ergibt? Kein Anerkennungsjunkie?

· Wie lebt man seine Einzigartigkeit als Menschenwesen, das nach einiger Zeit feststellt, dass es ein Alleins-Sein gibt, jedoch keine Einsamkeit, weil ein tiefes Gefühl von Eingebunden Sein unausgesprochen und unerklärlich vorhanden ist?

· Was tun wir mit den Ausbrechern aus Jahrhunderte alten Ordnungen, denen dieses System gleich-gültig ist, weil sie längst ihre eigene neue Ordnung geschaffen haben?

· Was tun wir mit jenen Menschen, die anders zur Welt kamen, bewegungseingeschränkt sind, intellektuell andere Dimensionen als die Norm betretend, die ein Verhalten aufweisen, das untrüglich und unbetrügbar in seiner Einfachheit ist?

· Was tun wir mit jenen Menschen, die nicht in unser traditionelles Weltbild passen, anders aussehen, anders leben, anders zusammenleben, sich anders kleiden, usw.?

· Was tun wir mit all dem -scheinbar - Fremden, das uns immer wieder begegnet?

Ich schreibe nicht notwendigerweise über die Flüchtlinge, die uns begegnen.

Meine Betrachtung geht weit darüber hinaus. Flüchtlinge sind nur eine Facette. Alles, was gegen den Mainstream, die kollektive Norm verstößt, fällt darunter.

Das sind die gegen-den-Strom-Schwimmer, die scheinbar Behinderten, die Ausgegrenzten, die Verschwiegenen, die Kranken, die Unbequemen, die abseits der Norm lebenden, die Mundaufmacher, die Augenaufmacher, die Herz- und Geistaufmacher, die nie Stillen, die Aufdecker, die Erkennenden, die Bewussten, die Genialen, die Alleinseienden, die Verdrängten, die Anti-Norm Seienden, die aus der Norm Herausgefallenen, die Zugereisten, die Abgereisten, die Unwillkommenen, die in ihrem Wesen so ganz anders als die Masse sind, die einem ein Lächeln schenken, eine Umarmung aus sich heraus geben - ohne irgendetwas zu erwarten und die meisten von uns am berühmten linken Fuß erwischen und uns zutiefst berühren.

Ich finde noch mehr Bezeichnungen für diese Anderen, diese Einzigartigen, die oft jene sind, die viel mehr Liebe in sich tragen und sie auch zeigen können, als die Angepassten, die der Norm Entsprechenden. Sie sind oft die Helden im Kleinen und im Großen. Sie widerstehen der Versuchung, sich um der Vereinnahmung willen vereinnahmen zu lassen. Sie stehen auf, sind ungemütlich, aufmüpfig und gegen den Strich gebürstet. Sie machen den Mund auf, überzeichnen, um gehört zu werden. Sie zerstören Altbekanntes, weil das genau ihre Aufgabe aus übergeordneter Sicht (!) ist. Sie legen den Finger immer und immer wieder in die Wunde des Kollektivs. Sie zwingen Autoritäten in die Knie und stellen unangenehme Fragen - gleich wie alt sie sein mögen. Sie sind oft einzigartig Wissende ...

Was für eine Anmaßung im Urteil, was Norm und was nicht Norm ist! Was für eine Anmaßung zu bestimmen, was lebenswert ist und was nicht dem Leben entspricht! Was für eine Anmaßung, über passend und nicht passend zu entscheiden.

Ja - ich bin aus der Norm gefallen - ich war nie Teil der Norm, auch wenn ich es manches Mal sehr gerne gewesen wäre, um nur irgendwie dazuzugehören - ohne letztlich zu wissen, wo ich dazugehören will. ... So lange - bis ich erkannte, dass bei den Normierten auch die Liebe in ihrer umfassenden Form zur Norm wird. Damit ist sie, der Schlüssel allen Seins, bereits tot, bevor sie überhaupt angefangen hat, zu leben. Diese Erkenntnis ließ mir meinen Platz finden und auch einnehmen.

Der Phantasie ist in der Welt der Anderen, der Einzigartigen keine Grenze gesetzt. Die Grenze setzt die Norm für sich - ansonsten wäre sie vermutlich nicht überlebensfähig. Überleben heißt jedoch nicht leben - das sind zwei grundlegend unterschiedliche Zugänge zum menschlichen Dasein.

Den Anderen ist es gleich-gültig, was schön, was hässlich, was schick, was hipp, was in und was aus der Mode geraten ist. Sie sind in ihrer reinsten Form - ohne Verklärung, denn diese brauchen sie gar nicht. Sie sind aus sich heraus, verstehen sich oft nicht, weil es in ihrem Leben gar nicht darum geht. Sie werden auch nicht verstanden - auch darum geht es nicht. Sie sind die Einzigartigkeit. Daher entziehen sie sich jeglicher normierter Wertung.

Und wie packen wir es gegebenenfalls an … mit dem auf Himmel komm raus … und so … ?

So lange die Einzigartigkeit und das Anderssein abgelehnt werden, lehnt man sich selbst ab. In dem Moment - und es war ein langer Moment - in dem man begreift, dass es ein Anderssein nicht gibt, sondern nur die Einzigartigkeit, jenseits jeglicher Norm, die menschengeschaffen ist, oft unbewusst ist und eine kollektive Hypnose –‚nur-so-und-nicht-anders-kann-es-gehen‘ auslöst, finden Schlüssel, Schloss und Tür erstmals zusammen.

Einzigartigkeit ist immer mit dem eigenen Wesenskern verbunden. Diesen zu ent-decken, ist ein langer Prozess, oft schmerzhaft, oft voll von Dunkel und tiefster Nacht ohne Begleitung, oft von Rückschritten und Seitenschritten gekennzeichnet, oft von Ausgrenzung und Verleugnung begleitet.

Hinzu kommen Umwege, Intrigen und Neid aller Art, denn das Andere ist oft unbequem und stellt das Kollektiv in Frage. Es erschüttert das Selbstverständnis und das Bisherige in seinen Grundfesten. Es zwingt aus der Komfortzone hinaus und geht auf den Bruch mit dem bisher so Kommod-Bequemen zu und gibt dabei nicht auf.

Und was geschieht dann? - ... Es tritt Widerstand gegen das Andere und das Einzigartige ein. Es ist erstaunlich, wie rasch und kreativ Widerstand dann möglich ist, wenn sich das Kollektiv bedroht fühlt, in seiner angestammten Bequemlichkeit, seiner überheblichen Deutungshoheit, seiner scheinbaren Reinheit. Ich schreibe - fühlt, denn faktisch ist es oft das Gegenteil von Bedrohung.

Das Kollektiv hat kein Interesse am eigenen Erkennen, an der eigenen Standortbestimmung, im Gegenteil. Es fühlt sich aus seiner Bequemlichkeit gerissen, an den Rand der vielzitierten Komfortzone gedrängt, aus dem gemütlichen Federbett des Seins geworfen. Jedes Mittel ist dann recht, um sich des Anderen zu entledigen. Das Vorgehen zur Legitimation dieser Entledigung ist oft sehr fantasievoll. Viel lieber stirbt das Kollektiv als das es sicher verändert…

Ich mag die Anderen, diese Einzigartigen. Sie sind mir nahe - ob scheinbar gesund oder scheinbar krank, ob normal oder behindert. Denn Krankheit ist auch eine Kategorie der Norm, des Kollektivs. Was ist denn Verrücktheit außer eine Ver-Rückung der Wahrnehmung, des Standpunktes? Nur aus dieser Ver-Rückung entsteht echte, wahre Veränderung. Alles andere birgt den Stillstand in sich, und damit den Tod.

Ich meine - nur das Unvollkommene, das Andere wird letztlich geliebt. Man sehe sich die geheime, oft versteckte Bewunderung für das Andere und das Einzigartige an. Das Vollkommene braucht die Liebe nicht. Gleichzeitig ist Vollkommenheit immer eine Form von Tod. Es ist auserzählt, ganz und rund. Was will man da noch dranhängen?

Wenn Leben Ausdruck von Energie ist und Energie immer schwingt und damit in Bewegung ist, dann ist das Andere die eigentliche Regel und die Norm die Ausnahme. Wenn wir Ausdruck der Schöpferkraft sind, dann ist das Andere der Fußabdruck des Seins, weil er die Einzigartigkeit darstellt.