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06/07/2018 15:14 CEST | Aktualisiert 06/07/2018 17:19 CEST

Attacke auf Özil: Bierhoff steht für alles, was in Deutschland falsch läuft

Die HuffPost-These.

Alexander Hassenstein via Getty Images
Trostloses Auftreten: Oliver Bierhoff trat in einem Interview gegen Mesuz Özil nach. 
  • Oliver Bierhoff ist mitverantwortlich für das historische Vorrunden-Aus Deutschlands bei der Fußball-WM in Russland. 
  • Doch statt Selbstkritik zu üben, hat sich der DFB-Teammanager mit Mesut Özil einen Sündenbock gesucht – und zeigt so beispielhaft, was diesem Land fehlt: Anstand.  

Mesut Özil traf wirklich keine Schuld. 

Im letzten Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft war der Spielmacher der DFB-Elf der beste Spieler auf dem Platz. Er bereitete sieben Torchancen direkt aus dem Spiel vor – so viele, wie bis zu diesem Zeitpunkt kein anderer Fußballer bei der WM. 

Özil hatte alles versucht. Die Nationalmannschaft verlor gegen Südkorea, das Team flog aus dem Turnier. Trotz – und nicht wegen – Özil.

► Für viele Fans und Experten war Özil dennoch der Hauptschuldige am WM-Aus.

Sie sprachen ihm sportlich und menschlich die Klasse ab – in einer Diskussion, die immer wieder auch Platz für Fremdenfeinde bot, die Özil das Deutschsein (er hat einen deutschen Pass und nur diesen) absprachen. 

Es ist eine Diskussion, in die sich nun erneut DFB-Manager Oliver Bierhoff eingeschaltet hat. In einem Interview mit der “Welt” warf er Özil den Kritikern – fremdenfeindlich oder nicht – zum Fraß vor

“Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet.”

Ein übler Nachtritt. Einer, der für die aktuelle Debatten-Kultur in Deutschland (Stichwort: Asylstreit) leider typisch ist – dabei steht Bierhoff beispielhaft für vier Unarten:

1. Immer Ego, niemals Solidarität

In Deutschland wird zunächst einmal an sich selbst gedacht. 

Ein CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer denkt nur an sich, wenn er sagt: “Ich lasse mich nicht von einer Kanzlerin feuern, die nur wegen mir Kanzlerin ist.” 

Es ist eine klassische Selbstüberschätzung, ja, geradezu eine Megalomanie. Seehofer ist das Volk, was Seehofer faktisch sagt. Und er dürfe deshalb machen und sagen, was er wolle. 

Immer. 

Kaum ist der Konflikt in der Union beigelegt, droht Seehofer erneut, den Asylstreit wieder zu eskalieren, sollte Merkel in Europa keine gewünschten Ergebnisse in Form von Abkommen liefern. Unterdessen wurde bekannt, dass Seehofer ohne Merkels Wissen einen Brief an die EU schrieb, um Brüssel für dessen Haltung bei den Brexit-Verhandlungen zu kritisieren.

► Ich, ich, ich – das ist nicht nur Seehofers, sondern ein sich in der gesamten Politik verbreitendes Mantra. 

Bierhoff dachte bei seinem Interview mit der “Welt” auch erst einmal an sich. Schließlich ist er einer der Hauptverantwortlichen für das WM-Aus. Da bietet es sich an, von sich abzulenken. 

► Wer wäre ein besserer Sündenbock als der im Dauerfeuer der Kritik stehende Özil? 

Als Manager wäre es Bierhoffs Aufgabe gewesen, seinen Spieler zu schützen. Er entschied sich anders: Er schützte lieber sich selbst. 

Mehr zum Thema: Abrechnung mit Bierhoff? Hummels sorgt mit kryptischem Tweet für Diskussionen

2. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? 

Der große und nahezu einzige Aufhänger der Kritik an Özil: Das Treffen von ihm und seinem Nationalmannschaftskollegen Ilkay Gündogan mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan. 

Beide Spieler bekamen dafür verdiente und harte Kritik – Kritik, die Bierhoff vor dem Turnier noch beiseite wischte. Die Medien würden das Thema nur aufbauschen, “weil ihr kein anderes habt”, sagte er zu Journalisten

Jetzt, nach dem peinlichen Ausscheiden bei der WM, hat es sich der DFB-Manager wohl noch einmal anders überlegt. Die Empörung über Özil war im Begriff, abzuklingen, das Erdogan-Treffen kein großes Thema mehr. 

► Dann kam Bierhoff und zerrte die Kontroverse wieder ans Licht, indem er Özil öffentlich anprangerte. Der “Welt” sagte der DFB-Teammanager zum Umgang mit dem Erdogan-Eklat: 

“Auch darüber mache ich mir sehr viele Gedanken. Ich glaube, die Tatsache, dass Mesut und Ilkay die Fotos gemacht haben, hat die Mannschaft nicht so sehr beschäftigt. Aber die Debatte war nachhaltig. Im Rückblick würde ich versuchen, dieses Thema noch klarer zu regeln.”

Auch das erlebt man in Politik und Gesellschaft immer wieder: Plötzliche Kurswechsel, wenn es gerade so passt. Die CDU behauptet in Person von Parteivize Armin Laschet am Donnerstag bei “Illner”, Merkel habe sich nicht erpressen lassen – obwohl sie sich von Seehofer erpressen ließ. 

► Die CSU behauptete an diesem Morgen in Person des Unions-Vorstandsmitglied Stephan Mayer im Deutschlandfunk: “Einseitige Zurückweisungen waren nie unser Thema.” 

Eine glatte Lüge. Seehofer drohte Merkel mit national angeordneten Zurückweisungen, sollte diese keine europäische Lösung im Asylstreit liefern. Gleichzeitig warf Seehofer den Medien unlängst Fake News vor.  

Haltung und Wahrheit haben in unseren Debatten eine sehr kurze Halbwertszeit. 

3. Fremdenfeinde sind immer die anderen 

Und noch ein Wert fehlt in der öffentlichen Diskussion immer häufiger: Anstand. 

Die Erdogan-Diskussion ist mehr als berechtigt – kein deutscher Staatsbürger sollte sich in den Wahlkampf des türkischen Autokraten Erdogan einspannen lassen. 

► Doch bei Özil geht es nicht bloß um Erdogan-Kritik.

► Bei Özil geht es immer auch um seine Wurzeln. Nie ist er Deutscher. Immer ist er Deutschtürke. 

Auf sportliche Kritik wird sich bei Özil häufig nicht beschränkt. Von rechts, von Fremdenfeinden und Rassisten ist es immer auch eine Kritik an der Herkunft des Gelsenkircheners. 

Özil hätte gerade gegen diese unberechtigte Kritik (etwa vonseiten der AfD, die Özil am liebsten Ausbürgern würde) den Schutz durch Bierhoff gebraucht. Ein klares Signal: Dieser Junge, dieser Weltmeister gehört zu uns! 

Stattdessen meldete Bierhoff durch sein Interview selbst Zweifel an Özils Loyalität zur Nationalmannschaft und damit auch zu seinem Geburtsland an. Der Ex-Nationalstürmer ist beileibe kein Fremdenfeind. Aber er lieferte genau diesen bewusst neuen Sprengstoff. 

So, wie es in der Bundespolitik immer wieder die CSU ist, die Fremdenfeinden und Rassisten im Land nach dem Mund redet. “Asyltourismus”, “Anti-Abschiebe-Industrie”, “Belehrungsdemokratie” – das sind Vokabeln von Rechtsnationalisten. 

► Die CSU schickt sich an, die AfD am rechten Rand zu verdrängen – und sorgt mit ihrem Rechtsruck dafür, dass anstandslose Hasskritik hoffähig wird und sich die beiden Parteien rhetorisch immer mehr angleichen. 

Fremdenfeindlich oder antieuropäisch würden sich die Christsozialen nie nennen – doch ihre Politik hat sehr wohl mit Fremdenfeindlichkeit zu tun.  

4. Verantwortung ist uncool

Was vor allem eines deutlich macht: Wenn es ins Grobe geht, scheint kaum jemand bereit, zu seinen Fehlern zu stehen oder Verantwortung für die gesellschaftliche Entwicklung zu übernehmen. 

Die CSU etwa behauptet im Asylstreit, genau dies zu tun – doch statt konstruktiv an einer Lösung für die strukturellen Probleme in der Asylpolitik zu arbeiten, wird Angst vor Migranten geschürt, die Rhetorik ins hetzerisch Rechte überdreht und die gesamte Regierung riskiert. Nur um Machtkämpfe auszufechten.  

Seehofer bot auf dem Höhepunkt des Streits seinen Rücktritt an, allerdings nur als Manöver, um zusätzlichen Druck aufzubauen. 

► Viel Theater, viel Chaos – wenig verantwortliches Handeln. 

Genau so bei Bierhoff. Der zeigte schon nach dem Spiel der Nationalmannschaft gegen Schweden, dass er sich der gesellschaftlich relevanten Dimension seines Handelns nicht bewusst ist. 

Zwei Medienmitarbeiter des DFB hatten nach dem späten Siegtreffer von Kroos die niedergeschlagenen Schweden mit rüden Gesten provoziert, es kam zu Rangeleien

Bierhoff reagierte darauf auf arrogante und süffisante Weise in der ARD: 

“Ich hatte noch eine Diskussion mit den Schweden, weil ich fand, dass sie es nicht verdient haben, für ihre Spielweise belohnt zu werden.”

► Keine Einsicht, keine Entschuldigung, keine Verantwortungsnahme. 

Mehr zum Thema: Bierhoff-Satz zeigt ganze Arroganz des deutschen Teams

So, wie nun auch in der Causa Özil. Bierhoff hätte Größe zeigen können, zeigen müssen. Stattdessen warf er einen seiner besten Mitarbeiter dem wütenden Hetzmob zum Frass vor. 

Das ist unwürdig. Und eben verantwortungslos. 

Update, 6.7., 17. 15 Uhr: Oliver Bierhoff hat sich am Freitag für seine Aussagen im “Welt”Interview entschuldigt. “Es tut mir leid, dass ich mich da offenbar falsch ausgedrückt habe und diese Aussagen missinterpretiert werden. Sie bedeuten in keinem Fall, dass es im Nachhinein falsch gewesen sei, Mesut mitzunehmen”, sagte der DFB-Teammanager der “Bild”

(mf)