BLOG
03/01/2018 12:15 CET | Aktualisiert 03/01/2018 13:53 CET

Viele Patienten gehören nicht in die Notaufnahme

Das sind keine Notfälle

dpa
  • Viele Notaufnahmen sind am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen oder darüber hinaus
  • Statt auf einen Facharzttermin zu warten, wird die Notaufnahme aufgesucht
  • Patienten müssen jedoch auch hier warten und werden ungeduldig und aggressiv

Ich bin gern Arzt. Immer noch. Notfall- und Akutmedizin in einer großen Klinik machen zu können motiviert mich. Das war zu meiner Zeit als Assistenzarzt in der Notaufnahme so – und es ist so geblieben, als ich als Notarzt draußen unterwegs war. Am Boden und in der Luft.

Heute bin ich Leiter der ADAC-Luftrettung am Standort Klinikum Bayreuth und Oberarzt in der Unfallchirurgie. Ich kenne beide Seiten.

Ich denke, es ist Zeit, mal ein paar Dinge klar anzusprechen.

Mehr zum Thema: Ärzte wollen Mann wiederbeleben - als sie das Tattoo auf seiner Brust sehen, lassen sie ihn sterben

Weil viel zu viele Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern am Rande ihrer Kapazitätsgrenzen unterwegs sind. Oder längst jenseits davon. Mich stört die Servicehaltung: Ein Patient brüllt im Wartebereich unserer Notaufnahme rum, weil er keinen Handyempfang hat. Ist das wirklich sein Problem?

Ein anderer Patient kommt nachts um zwei Uhr mit Rückenschmerzen, die er schon seit Monaten hat. Warum war er nicht eher beim Arzt?

Viele Patienten gehören eigentlich nicht hierher

Die Kolleginnen und Kollegen auf den Notaufnahmen behandeln auch Patienten, die eigentlich gar nicht hierher gehören. Weil sie keine Notfälle sind.

Aber die Notaufnahme hat für Patienten ein paar entscheidende Vorteile: Man wartet nicht lang auf einen Termin beim niedergelassenen Arzt, man geht einfach hin. Und man kann gerade bei einem Krankenhaus der maximalen Versorgungsstufe wie dem unseren medizinisch aus dem Vollen schöpfen, man braucht nicht einen Facharzt zu konsultieren.

Mehr zum Thema: Immer mehr Patienten werden blutig entlassen: So katastrophal sind die Zustände in deutschen Krankenhäusern

Vielleicht gehen Patienten aus Bequemlichkeit in die Notaufnahme. Vielleicht ist ihnen das Versorgungssystem zu komplex und die Notaufnahme eben die einfachste Möglichkeit. Vielleicht verlieren Patienten auch immer ein bisschen mehr den Blick für die eigene gesundheitliche Situation.

Jetzt und hier, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche schnell und gut behandelt zu werden – das wird erwartet. Und gar nicht so wenige Patienten erwarten noch etwas: dass sie im Mittelpunkt stehen.

Wir müssen uns vor den Patienten schützen

Mich stört die Rücksichtslosigkeit. Der Patient steht im Mittelpunkt – welches Krankenhaus sagt das nicht von sich? Stimmt auch, aber dabei übersehen manche eine ganz einfache Tatsache: Wir haben viele Patienten. Und wir müssen Prioritäten setzen.

Draußen im Wartebereich bekommt man nicht unbedingt mit, wenn ein Patient mit lebensbedrohlichen Verletzungen ankommt. Und selbst wenn es offensichtlich ist, dass gerade ein Notfall eintrifft, beschweren sich andere, weil sie warten müssen.

Sorry, das nenne ich Rücksichtslosigkeit.

Mehr zum Thema: Gewalt, Beschimpfung, sexuelle Belästigung: Hausärzte berichten über “schwere” Aggressionen von Patienten

Diese ungeduldigen und leider manchmal auch aggressiven Patienten unterstellen uns, wir wären ein unorganisierter Haufen. Keine Sorge, das sind wir nicht.

Wir setzen Prioritäten, gerade weil der Patient im Mittelpunkt steht.

Als wir unsere Notaufnahme am Klinikum Bayreuth neu gestalteten, entschieden wir uns für einen offenen Aufnahmebereich. Inzwischen ließen wir eine stabile Scheibe einbauen und Kameras installieren.

Weil wir unsere Kolleginnen und Kollegen schützen müssen. Traurig ist das. Was tun?

Die Not in der Notaufnahme bekämpfen

Wenn wir unsere Notaufnahmen aus ihrer Not herausholen wollen, müssen wir meiner Meinung nach die Aufgaben wieder so verteilen, wie sie gedacht waren, und die Patientenströme besser kanalisieren.

Wir brauchen einen Gatekeeper, der Patienten klar sagt, an welcher Stelle sie richtig sind. In der Notaufnahme, in einer hausärztlichen Bereitschaftspraxis oder am nächsten Tag bei ihrem Hausarzt.

Das wird nicht allen gefallen, schon gar nicht der Patientengruppe, die eben nicht in die Kategorie Notfall gehört. Es geht aber nicht anders.

So ist die Situation in deutschen Krankenhäusern

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Xing Klartext.