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26/08/2018 20:22 CEST | Aktualisiert 26/08/2018 20:45 CEST

Artenvielfalt: Biologe Reichholf sieht letzte Rettung in der Stadt

"Die Misere der Bienen ist ein allerletzter Warnschuss."

HuffPost / Uschi Jonas
Biologe Josef Reichholf auf dem Gelände der Zoologischen Staatssammlung in München

Eine Biene summt am Ohr von Josef Reichholf. Eine Schnacke sucht eine Stelle an seinem Körper, an der die Haut nicht von beigefarbenem Leinenstoff bedeckt ist. Ein paar Meter entfernt flattert ein Kohlweißling durch die Luft.

Dann plötzlich, ohrenbetäubendes Rauschen, eine S-Bahn rast vorbei. An den Park der Zoologischen Staatssammlung in München grenzen gleich mehrere Bahnlinien.

“Die Zukunft der Natur liegt in unseren Städten”, sagt Reichholf. Es gebe eine Stadtflucht, ist der Zoologe und Evolutionsbiologe sicher. Nicht nur die von uns Menschen – sondern auch die von Tieren.

Die Biomasse an Fluginsekten ist in 63 deutschen Schutzgebieten seit 1989 um gigantische 76 Prozent geschrumpft.

Doch ausgerechnet Metropolen sieht Reichholf als Rettungsinseln der Artenvielfalt – auch wenn sie laut und schmutzig sind.

Wir haben uns mit dem 73-Jährigen im Park der Zoologischen Staatssammlung getroffen. Ein Gespräch über die Zukunft der Honigbiene, Leoparden, Kompost – und Tschernobyl.

Das ganze Interview lest ihr hier:

Herr Reichholf, gibt es bald keine Honigbienen mehr?

Die Honigbienen werden nicht aussterben, da sorgen die Imker dafür. Zudem haben wir die Stadtbienen. Und denen geht es vergleichsweise gut, die liefern qualitativ hochwertigen Honig.

München summt, Berlin summt, in vielen deutschen Großstädten summt es. 

Also ist alles gut mit der Honigbiene?

Nein. Es ist zu befürchten, dass wir Verhältnisse bekommen, wie in Amerika. Nämlich, dass am Land draußen, wo die Bienen als Bestäuber von Obstbäumen, Raps- und anderen Nutzpflanzen benötigt werden, mit großen Containern zur Bedarfszeit hingefahren werden müssen. Das strapaziert die Völker natürlich ungemein. Auf Dauer kann vielfach auf dem Land draußen keine Imkerei mehr bestehen.

Parkanlagen in Städten ersetzen das, was auf dem Land verloren gegangen ist an, wenn man so will, natürlichen Blüten.

Warum?

Weil auf dem Land kurzzeitig ein Überangebot von Blüten da ist, zum Beispiel, wenn der Raps blüht oder die Obstbäume. Und dann ist Flaute. Dann gibt es praktisch nichts mehr für die Bienen.

Und die Städte sind die Rettung?

In gewisser Hinsicht ja. In der Stadt haben wir den großen Vorteil, dass vom Spätwinter bis in den Frühwinter hinein immer irgendwo Blüten vorhanden sind. Parkanlagen in Städten ersetzen das, was auf dem Land verloren gegangen ist: die natürlichen Blüten.  

Viele davon sind zwar keine heimische Flora, aber diese fremden Pflanzen ersetzen das, was in den landwirtschaftlichen Intensivgebieten mehr oder weniger ganz vernichtet wurde.

Was sorgt für die größere Artenvielfalt in den Städten?

Wo wir gerade sitzen, auf dem Gelände der Zoologischen Staatssammlung in München, in einem kleinen Baumbestand, gibt es offene Wiesenflächen, Büsche, Bäume, Gärten in der Nachbarschaft.

Wenn man eine Stadt von oben betrachtet, zeigt sich, wie vielfältig strukturiert sie ist. Und ein ökologisches Grundprinzip besagt, je vielfältiger die Lebensraumstrukturen, umso größer die Artenvielfalt. 

Außerdem ist die Artenvielfalt größer, je weniger Nährstoffe im Boden oder im Wasser verfügbar sind. Denn viele Nährstoffe bedeuten, dass einige wenige Arten, die damit gut umgehen können, begünstigt werden und sich in Massen vermehren. Schwächere werden verdrängt. Wo die Verhältnisse mager sind, können viele miteinander auskommen. Genau das ist in der Stadt der Fall.

HuffPost / Uschi Jonas
Das Gelände der Zoologischen Staatssammlung in München.

Und drittens sind Städte wärmer als das Umland. Wärme begünstigt Insekten generell obgleich es Arten gibt, die kühlere Verhältnisse bevorzugen. Die Städte als Wärmeinseln begünstigen das Überleben von Arten, die sonst im Winter mit nasser Kälte oder tiefem Frost zu kämpfen hätten.

Das sind die reinen Naturfaktoren.

Der Mensch kommt als vierter Faktor kommt hinzu: Die Stadtbevölkerung lässt die meisten Pflanzen und Tiere leben und wachsen, weil sie nicht auf Produktion aus ist, auch nicht im Stadtpark. Es gibt viel mehr Toleranz.

In Skandinavien, Nordamerika oder Asien marschieren richtige Großtiere durch die Städte. In Mumbai leben sogar Leoparden in der Stadt.

Wir sitzen auf dem Gelände der Zoologischen Staatssammlung. Wo sehe ich denn jetzt hier, was Stadtartenvielfalt ausmacht? Was gibt es hier, was es im Münchner Umland nicht gibt?

Hier fliegt zum Beispiel im Frühjahr eine Wildbiene, die in Schneckenhäuschen nistet. Sie baut sogar eine Art Zelt als Schutz darüber. Sie ist generell sehr selten geworden; auf dem Land findet man sie fast gar nicht mehr. 

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Käfer, Bienen, Schmetterlinge – Insekten fühlen sich in Städten wohl, sagt Biologe Reichholf.

Auch Schmetterlinge gibt es hier sehr viele. Im Laufe der Jahre stellten wir über 600 verschiedene Arten fest. Hier auf dem Gelände, fast mitten in der Stadt!

Hier wird kein Gift versprüht. Die Pflegemaßnahmen sind auf das Nötigste beschränkt und ansonsten bleibt alles, was sich hier entwickelt, sich selbst überlassen.

Im botanischen Garten leben 150, 180 verschiedene Wildbienenarten, im ganzen Stadtgebiet München sind es über 200 Arten. Das versuche man mal draußen zu finden, wo die Maisanbauflächen die Landschaft prägen!

Das heißt die Stadt rettet Insekten vor dem Aussterben. Aber sehen Sie auch eine Möglichkeit, das Sterben auch auf dem Land noch irgendwie zu stoppen?

Es gibt zwei grundlegende Maßnahmen, die gemacht werden müssten, aber höchstwahrscheinlich politisch nicht machbar sind, weil keine Partei Selbstmord begehen möchte.

Zum einen müsste das europäische Agrarsubventionssystem gestrichen werden. Das ist Planwirtschaft. Und an Planwirtschaft ist der Ostblock zugrunde gegangen.

Das zweite ist, Qualität zu bezahlen – auf dem Markt – und nicht die Menge. Wenn wir es schaffen würden, dass für die landwirtschaftlichen Produkte das bezahlt wird, was sie wirklich wert sind, dann würde auch in Qualität investiert.

HuffPost / Uschi Jonas
"Parkanlagen ersetzen das, was auf dem Land verloren gegangen ist an, wenn man so will, natürlichen Blüten", sagt Reichholf.

Österreich zum Beispiel zeigt, dass das geht. Im Bundesland Salzburg ist die Hälfte aller Agrarflächen bioproduzierend, es ist ein Vielfaches im Vergleich zum Nachbarn Bayern. Österreich gehört auch zur EU. Also machbar ist es ganz offensichtlich.

Aber die Macht der Agrarkonzerne und vor allen Dingen auch der internationalen Chemie-Konzerne, die Düngemittel und Pflanzenschutzmittel herstellen, ist so groß, dass der einzelne Landwirt sich sehr schwer tut, eine Chance zu finden, aus dem System auszubrechen.

Solange ich “die Brunnen vergiften darf“, werde ich es tun, weil es mir nützt als konventioneller Landwirt.

Das heißt, die Politik ist Schuld – und nicht die Landwirte?

Ja. Biobetriebe, die es gewagt haben umzustellen, kennen die Probleme aus dem eigenen Leiden und Erleben raus. Denn sie sind in doppelter Weise die Benachteiligten. Sie müssen mehr leisten, um dasselbe erwirtschaften zu können.

Und sie müssen hinnehmen, was eigentlich unerhört ist, dass Düngemittel und -gifte auf ihre Flächen getragen werden, weil wir nicht politisch dazu in der Lage waren, festzulegen, dass der Bauer dafür verantwortlich ist, wenn er mit seinem Pestizid-Einsatz auf anderen Flächen Schaden anrichtet.

Solange ich “die Brunnen vergiften darf“, werde ich es tun, weil es mir nützt als konventioneller Landwirt.

Also müsste politisch wirklich eine grundlegende Wende herbeigeführt werden. Aber das ist alles recht unwahrscheinlich. Deshalb bin ich Realist und sage: Die Zukunft der Natur liegt in unseren Städten.

Die ganzen Tiere fliehen vor landwirtschaftlichen Pestiziden in die Städte – hier ist es doch aber auch dreckig, vermüllt und laut?

Das ist alles relativ. Schauen Sie, der Müll, der uns stört, stört uns zurecht. Aber das muss nicht automatisch schlimmer sein für Tiere, als das Gift, das in der Landwirtschaft angewandt wird.

Fakt ist: Die Landflucht findet auch bei den Tieren und Pflanzen statt – in die Städte hinein. Die bieten bessere Lebensbedingungen und zwar bis hin – wenn man sie denn lässt – zu den Großtieren.

Zum Beispiel Wildschweine, wer die erforschen möchte, sollte das in Berlin tun. Da nehmen sie erfolgreich am Leben der Berliner teil. Während sie überall auf dem Land Schäden anrichten für die Landwirtschaft. Es ist nicht lustig, wenn der Kartoffelacker kurzfristig abgeerntet wurde oder das Maisfeld ruiniert ist, das ist klar.

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Ein Wildschwein in einem Park in Berlin-Tegel.

Aber Wildschweine sind eine der wenigen Großtierarten, die überhaupt von der Kulturlandschaft der heutigen Prägung profitiert haben. Weil die Schweine klug und anpassungsfähig sind. 

Alle Tierarten, die das in diesem Maße nicht sind, verschwinden, sind rar geworden und haben inzwischen neue sichere Bestände in Städten aufgebaut. Wanderfalken zum Beispiel, denen geht es in der Großstadt wunderbar. Oder auch Habichte, Sperber und Biber leben in München.

Und früher lebten in den offenen Müllkippen nicht nur Ratten – auch Eulen, Marder, Iltisse, Störche, Milane. Sowie durchaus seltene, gefährdete Vogelarten.

Also brauchen wir wieder mehr Müllkippen?

Naja, wenn es gelänge – und das wird ja in großem Umfang in unseren Städten praktiziert – Bioabfälle von den übrigen abzusondern und in Biokomposthaufen zu Erde werden zu lassen, dann freuen sich Rosenkäfer, Regenwürmer etc. So entsteht qualitativ hochwertige Erde. Und das ohne Gift.

Die Vorstellung, das Land sei gut und die Stadt schlecht, ist eine komplette Verdrehung der Tatsachen.

Draußen auf den Feldern wird praktisch permanent Gift eingetragen und übermäßig gedüngt. Die Stadtbevölkerung ist der Umweltverschmutzung durch Abgase ausgesetzt. Aber die Landbevölkerung – was immer ausgeklammert wird – ist das auch: Feinstaub, Gülle oder Pestizide. 

In der Stadt werden seit Jahren Maßnahmen ergriffen, um die Umweltverhältnisse zu verbessern, am Land draußen ist nichts dergleichen geschehen.

Aber insgesamt, wird die Artenvielfalt schon bestehen bleiben – dank unserer Städte?

So sehr wir diese Qualität der Stadt schätzen sollten, so mahnt der Kontrast andererseits, wie schlimm es auf dem Land geworden ist. Und dass die Vorstellung, das Land sei gut und die Stadt schlecht, eine komplette Verdrehung der Tatsachen darstellt.

Die Tiere und Pflanzen würden inzwischen fast alle viel lieber in der Stadt leben, wenn sie es denn können, weil die Stadt natürlich nicht alles bietet an Lebensmöglichkeiten, sondern nur für einen Ausschnitt aus dem Artenspektrum taugt.

Wir werden nie Birk- und Auerhühner in der Stadt bekommen. Das geht nicht. Oder Feldlerchen, dafür sind die Freiflächen zu klein. Aber grundsätzlich sind wir mit diesem krassen Unterschied konfrontiert, dass die große Verarmung draußen stattfindet und der Zuzug in die Städte gemessen am Artenreichtum nach wie vor gegeben ist.

Das Non-plus-ultra, wo alles lebt an Großtieren und Pflanzen, das es in Europa überhaupt gibt, ist Tschernobyl.

Da kommen dann aber so abstruse Verhältnisse zustande, wie dass, wer einen Lerchengesang hören möchte, zum Münchner Flughafen fahren sollte. Allerdings ist es dort schwierig, den Gesang zu hören, wenn ständig Flugzeuge starten und landen.

Aber wenn wir die Nahverdichtung und die Verbauung der Freiflächen in den Städten nicht verhindern, dann ist alles zu spät. Die Misere der Bienen ist ein allerletzter Warnschuss.  

Was ist der artenreichste Ort, den Sie kennen?

Das Non-plus-ultra, wo alles lebt an Großtieren und Pflanzen, das es in Europa überhaupt gibt, ist Tschernobyl. Da könnte man wahnsinnig werden, dass ein Supergau eines Atomkraftwerks geschehen muss, um wirklich Natur zu bekommen, die sich selbst überlassen bleibt. Da möchte man am Menschen verzweifeln. 

Getty / HuffPost

Um besser zu verstehen, welche Konsequenzen das Insekten- und Bienensterben mit sich bringt, was das für die Zukunft bedeutet und vor allem, wie wir etwas dagegen unternehmen können, hat die HuffPost mit Bundesagrarministerin Julia Klöckner, Wissenschaftlern, Imkern, Umweltschützern und Landwirten gesprochen.

Was sie prognostizieren und welche Lösungsvorschläge sie haben, lest ihr die ganze Woche im Rahmen eines Themenschwerpunkts zum Kampf gegen das Bienensterben auf www.huffpost.de.

(mf)