POLITIK
22/07/2018 21:49 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 08:52 CEST

Politik und Medien über Özil-Rücktritt: "Armutszeugnis für unser Land"

Politiker und Journalisten fordern nun den Rücktritt des DFB-Präsidenten.

  • An diesem Sonntag hat Mesut Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet. 
  • Politiker und Journalisten machen dafür einen Verantwortlichen aus: den DFB.
  • Im Video oben seht ihr die erste Stellungnahme von Özil zur Erdogan-Affäre im Wortlaut. 

Mesut Özil wird nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft spielen. Das ist die Kernbotschaft von drei Mitteilungen, die der Fußball-Star an diesem Sonntag in den sozialen Medien verbreitete. 

Wer die ersten beiden Statements las, war davon nicht überrascht. Özil zieht mit seinem Rücktritt die Konsequenzen aus der Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan – und die andauernde Kritik, vor allem vom DFB selbst. 

Die letzte Mitteilung von Özil ist eine Abrechnung mit DFB-Präsident Reinhard Grindel, einigen Politikern und Fans. Über sie sagt der Fußballer mit türkischen Wurzeln: “Sie sind nicht besser als der deutsche Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden gesagt hatte: ‘Özil, verpiss Dich Du scheiss Türkensau. Türkenschwein hau ab.’”

Der Rücktritt des Weltmeisters löste heftige Reaktion in der Presse, aber auch von Politikern aus. 

Mehr zum Thema: 

►  Hier lest ihr die erste Erklärung von Özil im Wortlaut

► Hier lest ihr die zweite Erklärung im Wortlaut

► Hier lest ihr die dritte Erklärung in Auszügen

“Armutszeugnis für unser Land”

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) schrieb auf Twitter, es sei ein “Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fussballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.”

► Die Integrationsbeauftrage der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), lobte auf Twitter einerseits, dass Özil sich nun endlich erklärt hatte. Sie kritisierte: “Bei allem Verständnis für die familiäre Wurzeln, müssen sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben.”

Fügte aber auch hinzu: “Zugleich darf diese berechtigte Kritik nicht in pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.”

► Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, sagte der HuffPost: “Man kann nicht einerseits das Foto mit Erdogan einer politischen Kritik unterziehen, aber anderseits bei der Rassismus- und Sündenbock-Kampagne gegen Özil schweigen.”

► Die SPD-Politikerin Sawsan Chebli, zweitjüngstes Kind einer palästinensischen Einwandererfamilie, schrieb auf Twitter: 

Dass Özil geht, ist ein Armutszeugnis für unser Land. Werden wir jemals dazugehören? Meine Zweifel werden täglich größer. Darf ich das als Staatssekretärin sagen? Ist jedenfalls das, was ich fühle. Und das tut weh.

► Grünen-Politikerin Renate Künast twitterte: Der Austritt von Özil sei “ein Dokument des Scheiterns” .

Künast erklärte das Scheitern weiter: “Durch fehlendes Verständnis für familiäre Wurzeln des Einen, aber umgekehrt auch der sehr großen Sorge um die Menschenrechte in der Türkei. Plus ungeeignete Funktionäre.” Sie forderte den Rücktritt von DFB-Präsident Grindel. 

► CDU-Politikerin Serap Güler schrieb auf Twitter:

“Nein, da spricht keine ‘beleidigte Leberwurst’, da spricht jemand, der wochenlang getrieben wurde. Jetzt schlägt er zurück. Vieles von dem, was er schreibt macht nachdenklich und traurig, weil vieles leider einfach wahr ist.”

► Sie legte in einem zweiten Tweet nach: 

“Er hat heute ‘geliefert’. Jetzt müssen sich diejenigen Gedanken, die ihn für sein Schweigen ‘kritisiert’ haben. Sie kommen ziemlich schlecht weg. In ihrem Sinne hätte er lieber geschwiegen. Denn jetzt müssen sie sich erklären.”

► Auch SPD-Politiker Frank Schwabe forderte den Rücktritt des DFB-Präsidenten – und darüber hinaus auch den von DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Auch er hatte Özil in einem Interview nach der WM kritisiert. 

“Der Rücktritt von Özil ist beschämend für das Land und erbärmlich für den DFB”, schrieb Schwabe auf Twitter. 

Wie die Medien den Rücktritt kommentieren

Klar ist: Der Rücktritt von Özil polarisiert. Einige Medien haben kein Verständnis dafür, wie der Fußballer die Entscheidung begründet. 

So heißt es in einem Kommentar der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” zwar: “Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, das ist keine gute Nachricht.”

Die Zeitung tadelt jedoch: Özil schreibe in seinen drei Stellungnahmen “an der eigentlichen Frage vorbei: Wie steht er zu Menschenrechten, zu Pressefreiheit, wie sie in der Türkei unter Erdogan ignoriert werden.”

Die “Bild”-Zeitung nennt Özils Erklärung “seine wirre Abrechnung mit Deutschland” und spricht von einem “Jammer-Rücktritt”. 

Die Zeitung wirft dem Sportler vor: “Seine Botschaft: Nur einer hat keine Fehler gemacht – ICH, Mesut Özil.”

 Die “Welt” lobt in einem Kommentar zunächst Özils fußballerische Leistung: “Ohne ihn wäre der WM-Titel 2014 in Brasilien wohl nicht denkbar gewesen.”

Aber: Zum “Bekenntnis, ein deutsches Trikot zu tragen, gehört mehr als das gute Spiel”.

Auch die “Welt” spricht von einem “etwas weinerlichen Rücktritt” und wirft Özil und anderen Menschen mit Migrationshintergrund eine Opferhaltung vor, “welche die eigenen Möglichkeiten und Verantwortungen bagatellisiert, um sich als hilfloser Spielball einer üblen Mehrheitsgesellschaft misszuverstehen.”

 “Focus Online” titelt: ”Özils große Inszenierung sendet ein verheerendes Signal”. 

Einerseits sei der Fußballer uneinsichtig: ”Özil sieht in der Affäre um seine Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan keinerlei Fehler bei sich selbst. Er sieht sich ausschließlich als Opfer.”

Der Kommentator gibt aber zu bedenken: “Der größte deutsche Fußballstar mit türkischem Migrationshintergrund und muslimischem Glauben, den dieses Land je hatte, tritt zurück, weil er sich nicht mehr ‘gewollt’ fühlt.” Die Wirkung von Özils Aussagen werde sich über die Grenzen des Fußballs hinaus entfalten. 

 Der “Stern” nennt den Rücktritt ein “trauriges Symbol für das Deutschland, in dem wir heute leben”. 

In dem Kommentar heißt es: “Rund um das Jahr 2010 stand er stellvertretend für ein junges, multikulturelles Team und damit für Offenheit, Kreativität und Vielfalt – Attribute, mit denen sich Deutschland damals gerne geschmückt hat.”

Und dann weiter: “2018 tritt ein desillusionierter Özil zurück, nachdem er sich über Wochen jeder Menge Hetze und Rassismus ausgesetzt sah. So wird er auch im Abgang zum Symbol für das Deutschland, in dem wir heute leben.”

“Ein selbstgerechter Abgang” 

In den Medien kritisierten viele ebenfalls den DFB und machten ihn für den Rücktritt Özils verantwortlich. 

 “Spiegel”-Kolumnist Georg Diez twitterte:

“Die Affäre Özil ist geprägt vom Rassismus dieser Gesellschaft und einem DFB, der sich verhält wie eine Außenstelle der AfD – eine Schande und ein Skandal und Zeichen für die Entfremdung in diesem Land, aus der Mitte betrieben: Rücktritt oder Integrationskurs für DFB-Boss Grindel.”

► Andere kritisierten aber auch, wie Özil seinen Rücktritt abgewickelt hatte. “Bild”-Chefredakteur Julian Reichelt twitterte: 

“Mit 70 Millionen Followern auf Social Media versucht Mesut Özil sich ernsthaft zum Opfer der Medien zu stilisieren. Er ist eine der mächtigsten Sport-Medienmarken der Welt. Dass er das weiß, erkennt man daran, dass er auf Englisch schreibt. Was für ein selbstgerechter Abgang.”

“Guardian”-Journalist Philip Oltermann erinnerte dagegen mit einem Video an das, was Özil am besten konnte (und kann): Tore vorbereiten.

Ein Tweet zeigt eine wunderbare Vorlage von Özil auf Sami Khedira bei einem Testspiel gegen Frankreich 2013.

(ben)