LIFE
14/01/2019 17:57 CET

Ganz unten: Was ihr über den Teufelskreis aus Armut und Depression wissen müsst

Wir müssen offen über den Zusammenhang von Depressionen und finanzieller Lage sprechen.

Igor Ustynskyy via Getty Images
Depressionen können Angehörige jeder Gesellschaftsschicht treffen – wer über mehr finanzielle Mittel verfügt, wird wahrscheinlich besser mit der Krankheit umgehen können. (Symbolbild)

In Diskussionen über höhere Gesellschaftsschichten oder Reichtum in Verbindung mit psychischer Gesundheit haben viele Menschen schnell das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Das hat mir vor kurzem eine Auseinandersetzung auf Twitter über das “Klassenproblem” wieder bewiesen.

Normalerweise bringe ich mich in solche Diskussionen nicht ein – dieses Mal aber habe ich auf einen Tweet geantwortet, in dem stand: Depressionen fühlen sich nicht weniger schlimm an, nur, weil man zur Mittelschicht gehört. 

Meiner Meinung nach ist die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht durchaus entscheidend, wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, ich schrieb also zurück:

“Wer zur gesellschaftlichen Mitte gehört, erhält oftmals mehr Unterstützung und hat so eine bessere Chance, zu genesen. Mein Sicherheitsnetz hat mir zum Beispiel sehr geholfen. Ich konnte in Therapie gehen, weil ich es mir leisten konnte. Ich wusste: Auch wenn ich nicht in der Lage bin, arbeiten zu gehen, wird alles gut werden.”

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Und dann passierte etwas Spannendes. Ich bekam zahlreiche Antworten, in denen Menschen sich verteidigten.

Ein User zum Beispiel meinte, es mache keinen Unterschied, über welche finanzielle Ressourcen der Betroffene verfügt. Ein anderer schrieb, es wäre sinnlos, über Klassenunterschiede zu sprechen, wenn jemand gerade eine depressive Phase erlebt. 

Therapieplätze sind nicht für jeden zugänglich

Aber ich meine, wir müssen uns mit Klassenunterschieden auseinandersetzen – denn sie haben einen großen Einfluss darauf, ob und wie zugänglich Therapiemöglichkeiten für Betroffene sind. 

Depressionen sind selbstverständlich auch für Angehörige der Mittelschicht furchtbar. Ich kann nachvollziehen, dass sich aus diesem Grund viele Menschen unwohl dabei fühlen, wenn sie über den Zusammenhang von Klasse und psychischer Gesundheit sprechen. Das ergibt Sinn. 

Schließlich müssen sich viele finanziell und gesellschaftlich besser gestellte Menschen regelmäßig anhören: “Warum solltest du schon depressiv sein?”.

Sätze wie dieser kommen oftmals von Menschen, die nicht verstehen, wie Depressionen als Krankheit funktionieren. Dabei handelt es sich nicht um eine Einstellung, die repariert werden kann.

Jemandem zu erzählen, dass er schließlich zur Mittelschicht gehört und somit nichts zu befürchten hat, wird dem Betroffenen auch nicht helfen.

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Das bedeutet allerdings nicht, dass wir bestimmte Privilegien bei der Diskussion über psychische Gesundheit ignorieren sollten oder könnten. Jeder kann an Depressionen erkranken – wer zu einer höheren Gesellschaftsschicht gehört, ist deswegen nicht automatisch mit einer besseren Gesundheit gesegnet. 

Allerdings gibt es entscheidende Zusammenhänge zwischen gesellschaftlicher Schichtzugehörigkeit und psychischer Gesundheit. Diese müssen wir verstehen lernen, um Betroffene besser unterstützen zu können – und um den finanziell schwächer gestellten Mitgliedern unserer Gesellschaft besseren Zugang zu Behandlungsmethoden zu gewähren.

1. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Armut und Depressionen Ganz unten: Was ihr über den Teufelskreis aus Armut und Depression wissen

Menschen, die in Armut leben, erkranken eher an Depressionen als Reiche. Laut einer Studie des Berlin-Instituts werden Gesundheit und Lebenserwartung “wesentlich von zwei Faktoren bestimmt: dem Sozialstatus und dem Bildungsgrad”.

Dazu gehört auch die psychische Gesundheit: Menschen mit niedrigerem sozioökonomischen Status empfinden Stress stärker als solche, die einer besser gestellten Schicht angehören. Chronischer Stress wiederum erhöht das Risiko, an Depressionen und anderen psychischen Störungen zu erkranken, heißt es weiterhin in der Studie.

2. Armut kann eine Konsequenz von psychischer Erkrankung sein Ganz unten: Was ihr über den Teufelskreis aus Armut und Depression wissen

Armut kann auch eine Konsequenz psychischer Leiden darstellen. Obwohl viele Menschen trotz Depressionen oder anderer psychischer Krankheiten weiterhin zur Arbeit gehen, ist das anderen Betroffenen nicht möglich. 

Laut eines Berichts der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) stellen psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit dar: So mussten sich im Jahr 2017 über 71.000 Menschen wegen seelischer Leiden erwerbsunfähig melden und in Rente gehen. 

3. Finanzielle Ressourcen spielen eine Rolle bei der Behandlung Ganz unten: Was ihr über den Teufelskreis aus Armut und Depression wissen

Wer aufgrund einer psychischen Erkrankung auf einen Therapieplatz wartet, muss mit teils sehr langen Wartezeiten rechnen – gerade in ländlichen Gebieten sind ein halbes oder ganzes Jahr keine Seltenheit.

Wer bei einem Kassentherapeuten keinen Platz bekommt, kann sich immer noch privat einen Behandlungsplatz suchen – sofern man sich das leisten kann.

Wenn eine Therapie von der Krankenkasse übernommen wird, können noch versteckte Kosten auf einen zukommen. Letztes Jahr zum Beispiel stand ich auf einer Warteliste für eine Trauma-Therapie. Nach neun Monaten bekam ich den Platz schließlich – allerdings war das nächste Therapiezentrum 40 Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt.

Es gab keine Termine außerhalb meiner Arbeitszeiten, nicht einmal am frühen Morgen oder späten Nachmittag. Das heißt, ich musste jede Woche zwei Stunden und 20 Minuten meiner Arbeitszeit für die Therapie opfern. 

Ich hatte immerhin Glück. Mein Chef hat mir erlaubt, meine Stunden flexibel einzuteilen, sodass ich drei Monate lang jeden Mittwochnachmittag zur Therapie gehen konnte. Wenn ich am selben Tag allerdings noch zur Arbeit fahren und Meetings besuchen musste, musste ich en Taxi nehmen, das mich jedes Mal ungefähr 12 Euro pro Fahrt gekostet hat. 

Wie viele Menschen können sich das schon leisten? Wie viele Arbeitgeber machen sowas schon mit? Wer kann sich schon regelmäßig den Nachmittag freinehmen, um zur Therapie zu gehen? Wie viele Menschen müssen noch weitere Kosten einplanen, zum Beispiel für die Fahrt oder eine Kinderbetreuung?

Ihr seht, worauf ich hinaus will: Eine Behandlung in Anspruch nehmen zu können, hängt auch immer mit unseren finanziellen Möglichkeiten zusammen. 

4. Wer privilegiert ist, hat es einfacher, die Depression zu bekämpfen Ganz unten: Was ihr über den Teufelskreis aus Armut und Depression wissen

Wer eine depressive Episode erleidet, hat das Gefühl, geradezu in Flammen zu stehen. Der Mittelschicht anzugehören, wird das Feuer nicht aufhalten. 

Genauso wie ein loderndes Feuer zerstört die Depression alles, was einem lieb ist – sie ist schrecklich, furchterregend und schwächt alles und jeden, der mit den Flammen in Berührung kommt, ob arm oder reich.

Jede Chance, die Depression zu bekämpfen, fühlt sich an wie kleine Tropfen Wasser, die die Flammen nach und nach löschen.

Armut wirkt allerdings so, als würde man Öl ins Feuer gießen. 

Und deswegen sollten wir uns Gedanken darüber machen, welche Auswirkungen Armut auf Depressionen und ihre Behandlungsmöglichkeiten hat. Wenn jemand finanziell schwächer gestellt ist, verfügt er vielleicht nicht über dieselben Wassermengen, um die Flammen zu löschen. Stattdessen zehrt der Brand von finanzieller Unsicherheit, beruflichen Risiken, Armut. 

Über das alles müssen wir offen sprechen. Denn es ist wichtig, festzuhalten, dass jeder Mensch, der von Depressionen betroffen ist, unterschiedliche Hürden nehmen müssen, um zu heilen. Wenn wir über psychische Gesundheit diskutieren, müssen wir auch über Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Wohlstand reden. 

Meine Genesung wurde von meiner sozioökonomischen Stellung begünstigt. Das hat meine Situation zwar nicht unbedingt leichter gemacht. Auch war die Heilung nicht garantiert, denn psychische Gesundheit hängt von mehr ab, als den äußeren Umständen: Sie hängt auch ab von biochemischen Vorgängen im Körper, von Hormonen – es handelt sich schließlich um eine Krankheit.

Meine finanziellen Vorteile und meine gesellschaftliche Stellung jedoch haben mir zumindest ein paar Eimer voller Wasser mehr zur Verfügung gestellt, um die Flammen der Depression zu löschen. 

Das motiviert mich, auch für die Menschen zu kämpfen, deren Brand ständig mit Öl genährt wird. 

Dieser Text erschien ursprünglich in de HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übertragen sowie redaktionell angepasst von Agatha Kremplewski.

(jkl)