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02/03/2018 10:16 CET | Aktualisiert 04/03/2018 10:44 CET

Warum es in Deutschland so schwer ist, der Armut zu entkommen

Ich fiel den deutschen Behörden zum Opfer.

Im Video oben: So arm sind die Deutschen wirklich. 

Deutschland ist ein reiches Industrieland. Die Wirtschaft boomt und noch nie gingen so viele Leute einer bezahlten Tätigkeit nach wie heute.

Eigentlich müsste alles bestens sein im Lande. Ist es aber nicht.

► Denn: Immer noch sind 2,5 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos. Und diese haben schlechte Chancen.

► Denn: Deutschland hat EU-weit das höchste Armutsrisiko bei Arbeitslosigkeit. Wie das Statistische Amt der Europäischen Union berichtet, liegt es bei 70,8 Prozent. 

Fast 20 Prozent der deutschen Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze. Arm ist, wer als Single den Betrag von circa 1050 Euro nicht selbstständig erarbeiten kann und deshalb finanzielle Unterstützung vom Staat benötigt.

Sei es wegen Behinderung, chronischer Krankheit, fehlender (Aus-)Bildung, fehlender Kinderbetreuung, Pflege eines Angehörigen oder wegen der deutschen Behörden, die geringverdienende Kleinunternehmer fast systematisch vernichten. 

Auch ich fiel ihnen zum Opfer.

Trotz Arbeit wäre ich verhungert

Ich bin Frührentnerin mit einer deutschen und einer britischen Mini-Rente, die zusammen nicht zum Leben reichen. Der Gang zum Sozialamt blieb mir deshalb nicht erspart.

Das wäre wohl anders, wenn sich die deutschen Behörden mir früher nicht in den Weg gestellt hätten.

Vor einigen Jahren habe ich für längere Zeit in Nordirland gelebt. Dort hatte ich einen Wäsche-Bügelservice, den ich zuhause ausübte.

Mein Vermieter war damit einverstanden und da ich in Nordirland als “Person mit Behinderung” registriert war, stufte das Finanzamt dort meine Tätigkeit als “Profitables Hobby” ein.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Reform: So müsste das System aussehen, um Arbeitslosen zu helfen

Völlig unbehelligt von den Behörden bügelte ich Hemden, Hosen, Bettwäsche und Kinderkleidung und musste dem Sozialamt nicht zur Last fallen. Beiträge für die Krankenversicherung fielen nicht an und die Beiträge zur Pensionskasse betrugen circa fünf britische Pfund die Woche.

Zurück in Deutschland versuchte ich es hier mit einem Wäsche-Bügelservice. Sofort mischten sich die Behörden ein:

► Sie dürfen nicht von Zuhause aus bügeln! Sie leben in einem Wohngebiet. Für Ihre Bügel-Tätigkeit müssen Sie geeignete Räume anmieten.

► Es werden aber horrende Beiträge zur Krankenversicherung fällig. (Und damit lagen die Behörden leider richtig!)

► Denken Sie an die Einkommenssteuer, Gewerbesteuer, Zwangs-Mitgliedsbeiträge der Industrie- und Handelskammer und einen Brandschutz-Lehrgang müssen Sie auch besuchen – natürlich nicht kostenfrei.

► Nein, einen Kredit zur Anschaffung einer Bügelmaschine erhalten Sie nicht. Sie haben keine Sicherheiten und außerdem könnte Ihre Behinderung sich jederzeit verschlimmern.

Nicht zu vergessen, die Kleinanzeigen in den Tages- und Wochenzeitungen, die regelmäßig geschaltet werden mussten, um Kunden zu finden.

Mehr zum Thema: “Sie sind doch nur faul” - wie mich das Arbeitsamt trotz meiner Behinderung einfach auf die Straße gesetzt hat

Im Klartext hieß das: Ich musste zwei Mieten aufbringen, für meine Wohnung und die Geschäftsräume, plus Nebenkosten für beide, sämtliche Steuern und Sozialabgaben für einen Job, den ich mangels Maschinen-Anschaffung nur von Hand ausüben konnte und somit meine Einkommensmöglichkeit von Vorneherein begrenzte.

Hätte ich mein Vorhaben länger durchgezogen, wäre ich trotz Arbeit verhungert.

Dieser Mann wurde von den Behörden systematisch kaputt gemacht

Ich bin nicht die einzige, die solche Erfahrungen gemacht hat.

Ich erinnere mich noch gut an den Fall des mobilen Bratwurst-Verkäufers in Osnabrück. Als ich dort wohnte aß ich zu Mittag gerne seine Bratwurst mit Brötchen.

Dieser Bratwurst-Verkäufer, der seinen Grill um den Bauch geschnallt hatte und in der Fußgängerzone vor dem größten Kaufhaus der Stadt grillte, erfreute sich großer Beliebtheit bei der Bevölkerung. Seine Geschäfte liefen blendend – bis die Stadt Osnabrück auf die Idee kam, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Die Zeitungen waren damals voll davon. Vorgeworfen wurden dem armen Mann Geruchsbelästigung und Schadstoffbelastung durch Rauchentwicklung beim Grillen. 

Anstatt froh zu sein, dass jemand selbstständig Arbeit gefunden hatte, wurde dieser Mann von den Behörden systematisch kaputt gemacht.

Ähnliche Geschichten mit gleichem Ausgang können wohl viele Menschen erzählen.

Meine Situation wäre heute anders, wenn die Behörden mich nicht klein getreten hätten

Ich finde es traurig, wie die Behörden Menschen, die sich mit einer guten Idee selbst einen Lebensunterhalt aufgebaut haben, klein halten. 

Damit wird Armut provoziert. Und es passiert jeden Tag. Die meisten von uns, die mit Unterstützung leben, wollen Arbeit. 

Wir wollen unser Geld verdienen und dem Staat nicht zur Last fallen. Doch es wird uns so schwer gemacht. 

Heute muss das Sozialamt deshalb meine Rente aufstocken. Ich arbeite zwar als Autorin, aber von den Einnahmen bleibt mir letztendlich auch nichts. 

Es gibt von mir einige E-Books auf dem Markt. Und ein paar kann ich auch verkaufen.

Mehr zum Thema: Wer Angehörige pflegt bekommt etwas vom Staat – doch der sagt es keinem

Diese Einnahmen muss ich jedoch dem Sozialamt melden, das sie mit meinem Satz verrechnet. Ich würde das gut verstehen, wenn ich tausende Bücher verkaufen und damit tausende Euros einnehmen würde.

Aber viel nehme ich nicht ein.

Meine Situation wäre heute anders, wenn die deutschen Behörden mich nicht klein getreten hätten. Dass ich heute Unterstützung von ihnen bekomme, das haben sie provoziert. 

Ob das der Sinn der Sache ist, ob das der richtige Weg ist, damit muss sich die Regierung wohl irgendwann auseinandersetzen.

Mehr von Christine Singh lest ihr hier.