POLITIK
10/01/2018 17:58 CET | Aktualisiert 11/01/2018 12:58 CET

Auf unseren Friedhöfen zeigt sich eines der größten Probleme Deutschlands

Viele Familien können es sich nicht leisten, ihre Angehörigen zu beerdigen.

  • 21.000 Menschen fehlte 2017 das Geld für eine Beisetzung
  • Sie sind auf die Hilfe der Kommunen angewiesen – doch die dürfen nur die günstigste Alternative wählen
  • Im Video oben: Erschütternde Zahlen – Fast sechs Millionen Menschen droht Altersarmut

Viele Menschen versuchen ihr ganzes Leben lang, der Armut zu entkommen – einige schaffen es nicht. Das kann auch nach ihrem Tod zu einem Problem werden, vor allem für ihre Familien.

21.500 Familien konnten es sich 2017 nicht leisten, ihre verstorbenen Verwandten zu beerdigen. Sie waren auf die Hilfe der Kommunen angewiesen, wie die “Passauer Neue Presse” unter Berufung auf das Statistische Bundesamt berichtet.

Vor allem Familien aus NRW nahmen die sogenannte Sozialbestattung in Anspruch. 16,9 Millionen Euro mussten die Kommunen dort für 3757 Beerdigungen ausgeben.

Die Discounter-Beerdigung

Die Kosten für eine solche Bestattung sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Bleiben wir in NRW, kostet in der Gemeinde Holzwickede das billigste Urnengrab 248 Euro, im nicht einmal 15 Minuten entfernten Unna sind es bereits 2375 Euro.

Mit allen Kosten die noch dazukommen, kostet eine Beerdigung jedoch nie unter 1500 Euro.

Wenn es in der Erbmasse des Verstorbenen nicht genug Geld gibt und auch die Hinterbliebenen nicht in der Lage sind, die Koste aufzubringen, können sie einen Antrag auf “Hilfe in einer besonderen Lebenslage” stellen.

Die Ämter dürfen dabei nur die günstigste Alternative wählen. Ob man dieses Begräbnis würdevoll nennen kann, ist teilweise fraglich.

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Denn die kostengünstigste Variante bedeutet auch, dass keine Gäste zur Beerdigung eingeladen werden, es keine Blumen gibt und der Verstorbene im billigsten Sarg bestattet wird.

“Eine Bestattung ist zwar noch trauriger ohne Blumen – funktioniert aber trotzdem”

Sigrid Diether ist Sachgebietsleiterin der Abteilung “Bestattungen von Amts wegen” der Städtischen Friedhöfe München. Sie hat hat schon viele solcher Sozialbestattungen organisiert.

“Eine Bestattung ist zwar noch trauriger ohne Blumen – funktioniert aber trotzdem”, sagte Diether gegenüber dem “Stern”.

Bis die Kosten für die Discount-Bestattung bewilligt sind, vergehen besonders in Ballungsräumen Monate. Monate, die die Angehörigen des Verstorbenen in Ungewissheit verbringen.

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Ein solches Begräbnis sorgt dafür, dass die Armut für viele Familien eine Belastung darstellt – zusätzlich zum Verlust eines Angehörigen.

“Auch nach ihrem Tod werden die Verstorbenen ein weiteres Mal als arm gebrandmarkt, durch das sichtbar ärmliche Begräbnis und die bescheidene Grabausstattung”, sagt die Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Zimmermann, in der “Passauer Neuen Presse”.

Altersarmut und prekäre Beschäftigung sind der Grund 

Sie ist sich sicher, dass die hohe Anzahl der Sozialbestattungen auf die gestiegene Altersarmut und die zunehmende Zahl von Menschen in prekären Beschäftigungen zurückzuführen ist.

Die Zahl der Sozialbestattungen wird also eher zu- statt abnehmen. Zimmermann warnt daher, dass die Kommunen bald noch weniger Geld für die Beerdigungen ausgeben werden.

(pb)