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12/07/2018 17:49 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:35 CEST

RTL II hat mich für “Armes Deutschland” angefragt – das ist meine Antwort

Ich bin nicht bereit, mein Leben zu einer Unterhaltungssendung degradieren zu lassen.

Im Video oben seht ihr, wie Hartz-IV-Empfänger in Deutschland wohnen.

Eines Abends erreichte mich eine Nachricht auf Facebook:

“Hallo Frau Kremplewski,

ich habe heute Morgen Ihren Beitrag bezüglich Sozialbetrügern gelesen und kann Ihre Ansichten voll und ganz teilen. Ich melde mich von einer Fernsehproduktionsfirma und wir machen eine Reportage zum Thema ‘Arbeit in Deutschland’. Hier behandeln wir genau das von Ihnen angesprochene Thema: Sozialschmarotzer und ehrliche Aufstocker. Ich würde mich freuen, wenn wir uns hierzu mal telefonisch unterhalten können.”

Als ich am nächsten Tag mit der Dame telefonierte, erfuhr ich: Die Sendung, bei der ich mitmachen sollte, war “Armes Deutschland” eines dieser Formate von RTL II, bei denen Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener auf negativste Art und Weise zur Schau gestellt werden.

Ich sagte sofort: “Nein, danke.”

Ich werde dieses Jahr 63 und erhalte nun seit etwa fünf Jahren Hartz IV – eine Tatsache, auf die ich nicht besonders stolz bin, aber die ich nach einigen Bemühungen nicht mehr ändern kann.

Mehr zum Thema: Ich kam nach Deutschland, um mein Glück zu finden – und bekam Hartz IV

Privat
Elzbieta Kremplewski wurde von RTL II kontaktiert.

Ich freue mich zwar über das mediale Interesse und darüber, dass der Artikel, in dem ich über Sozialbetrüger spreche, offensichtlich gelesen wird – aber ich bin nicht bereit, mein Leben zu einer Unterhaltungssendung degradieren zu lassen.

Millionen Zuschauer verfolgen die neuen deutschen Armuts-Pornos

Momentan gibt es einen Trend in der Fernsehwelt, Hartz IV und Armut für Entertainment-Shows auszuschlachten.

Wenn Deutschland nicht gerade dabei zusieht, wie herunter gehungerte Mädels sich über den Laufsteg quälen oder B-Promis im Dschungel eklige Käfer essen, lässt es sich von Menschen unterhalten, die vom Existenzminimum leben müssen.

Die Einschaltquoten beweisen zumindest, dass Sendungen wie “Armes Deutschland” (zuletzt 1,72 Millionen Zuschauer), “Promis auf Hartz IV” (bis zu 1,33 Millionen Zuschauer) oder “Plötzlich arm, plötzlich reich” (bis zu 0,84 Millionen Zuschauer) einen Nerv treffen.

Ich finde diese Sendungen furchtbar, denn in der Regel reduzieren sie Armut in Deutschland auf einige Extremfälle, die dann ein falsches Bild von Arbeitslosen und Geringverdienern kreieren.

Sozialbetrüger und Arbeitsverweigerer machen nur einen geringen Teil der in Deutschland lebenden armen Menschen aus.

Natürlich gibt es sie, die Sozialbetrüger, Arbeitsverweigerer oder meinetwegen auch Drogensüchtige und Alkoholkranke – aber diese Gruppe macht nur einen geringen Teil der in Deutschland lebenden armen Menschen aus.

So wird zum Beispiel der 29-jährige Sascha in einer Folge porträtiert, der seiner Freundin teuren Schmuck und einen Verlobungsring für 400 Euro kauft und dann vor laufender Kamera dealt. Seine Freundin Angie ist schwanger von ihrem Ex-Dealer, was sie natürlich nicht vom Rauchen abhält.

Und das sollen die normalen Hartz-IV-Empfänger Deutschlands sein? Wohl kaum.

Arme Menschen sind nicht immer selbst Schuld

Wer in Deutschland nicht zur Mittel- oder Oberschicht gehört, tut das nicht, weil er unbedingt selbst schuld ist an seiner Situation. Viele Arbeitslose haben ihren Job nach vielen Jahren im Berufsleben verloren und finden aufgrund ihres verhältnismäßig hohen Alters keine neue Stelle mehr.

So war es zum Beispiel bei mir: Drei der Unternehmen, bei denen ich gearbeitet habe, gingen insolvent – und irgendwann wollte mich niemand mehr in Vollzeit anstellen.

Andere scheiden wegen Krankheit aus dem Berufsleben aus oder weil sie einen Familienangehörigen pflegen müssen. Und wieder andere haben einfach Pech und werden in ihren Arbeitsstellen viel zu gering bezahlt.

Das sind nicht zwangsweise ungebildete, faule Menschen – und ich will die Medien nicht dabei unterstützen, dieses Bild zu verstärken.

Ich finde, Serien wie “Armes Deutschland” verzerren die Realität, indem sie Vorurteile über Arbeitslose und Geringverdiener verstärken.

Dabei haben diese sozialen Gruppen schon mit genügend Vorurteilen zu kämpfen. Die psychischen und physischen Faktoren, unter denen gerade Langzeitarbeitslose oft leiden, werden dabei nicht mitgedacht:

► die mangelnde berufliche Perspektive, gerade bei älteren Arbeitslosen

► die soziale Isolation

► das erhöhte Krankheitsrisiko für physische und psychische Krankheiten

Hartz-IV-Empfänger und Geringverdiener sind ganz normale Menschen

Die meisten Menschen in Deutschland, die in Armut leben, sind ganz normale Mitbürger, die sich in einer schwierigen Situation zurechtfinden müssen – und keine asozialen, faulen Sozialbetrüger, die mit ihrem eigenen Leben nicht zurechtkommen.

Mit solchen Fällen, wie sie zum Beispiel bei “Armes Deutschland” gezeigt werden, kann ich mich nicht identifizieren – das haben die Dame von der Agentur und ich am Telefon beide schnell gemerkt.

Ich bin nicht faul, sondern hatte einfach Pech auf dem Arbeitsmarkt.

Ich arbeite nebenbei auf Minijob-Basis in einem Supermarkt und habe diese Tätigkeit beim Jobcenter angemeldet. Ich habe keine nennenswerten Leiden, trinke so gut wie nie Alkohol und rauche nicht.

Ich gehe gerne und viel mit meinem Hund spazieren. Und ich kenne einige Arbeitslose, die einen ähnlichen Lebensstil pflegen.

Ein Hartz-IV-Empfänger, der sich daneben benimmt, ist natürlich unterhaltsamer als ein unauffälliger Mensch, der vom Existenzminimum lebt.

Ob nun bei Sendungen wie “Armes Deutschland” an der Wahrheit vielleicht sogar ein wenig gedreht wird, sei jetzt mal dahingestellt (immerhin ist es ein Scripted-Reality-Format).

Mir ist vor allem wichtig, nicht noch Öl ins Feuer zu gießen, indem ich an einer Show teilnehme, die ich von Herzen kritisiere.

Liebe Sender wie RTL II: Zeigt doch mal die echte Armut!

Das Gespräch mit der Dame von der Produktionsfirma verlief sehr freundlich, obwohl ich ihr deutlich mitteilte, was ich von “Armes Deutschland” halte. Ich sagte der Frau allerdings noch, wenn sie ein anderes, seriöseres, realistischeres Format planen sollten, kann sie gerne noch einmal auf mich zukommen.

Denn, liebe Produktionsfirmen da draußen, liebe Sender wie RTL II:

► Warum habt ihr kein Interesse daran, Deutschland zu zeigen, wie das Leben hierzulande abseits der Mittel- und Oberschicht wirklich aussieht?

► Warum bemüht ihr euch nicht darum, mehr Diversität in euren Serien darzustellen?

► Warum porträtiert ihr nicht den Alltag von arbeitslosen Akademikern, pflegenden Angehörigen oder bemühten Arbeitslosen, die eine Job-Absage nach der nächsten kassieren?

Und glaubt mir, auch diese Menschen gibt es und sie wären sicher froh darüber, ihr Schicksal einer breiten Öffentlichkeit zu erzählen – um mit den Stigmata aufzuräumen, die Sendungen wie “Armes Deutschland” kreiert haben.

Dann könnt ihr euch gerne wieder bei mir melden – meine Nummer habt ihr ja jetzt.

Der Text wurde von Agatha Kremplewski aufgezeichnet.

(amr)