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19/05/2018 21:38 CEST | Aktualisiert 20/05/2018 08:01 CEST

Die armen Kinder von heute sind unsere Putzkräfte von morgen

Es wird Zeit für ein soziales Bildungspaket, das unseren Kindern echte Chancengleichheit garantiert.

Sean Gallup via Getty Images
In Deutschland leben rund 30 Prozent der Kinder in einem Armutsverhältnis. 

Marie ist sechs Jahre alt und besucht die örtliche Grundschule. Ihr Bruder Jonas ist zwei und geht vormittags in die Krippe. Vater Anton Sonnenberg arbeitet als Paketzusteller und Mama Anna Sonnenberg auf Teilzeitbasis in einer Bäckerei.

Anton verdient 1.560 Euro netto – inklusive Kindergeld. Und Anna ungefähr 510 Euro. Das macht 2.070 Euro netto pro Monat. 

Die Familie wohnt in einer 3-Zimmerwohnung nahe Frankfurt und zahlt 890 Euro Miete. Die Krippe für Jonas kostet 260 Euro und Papa Anton zahlt monatlich noch einmal ca. 150 Euro für das Auto (Benzin plus Steuern).

Für die Riester-Rente, die Hausrat-, Haftpflicht-, Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung bezahlt die Familie ca. 290 Euro pro Monat.

Die Kosten für Lebensmittel, Windeln und Pflegeprodukte betragen ungefähr 280 Euro monatlich. Strom, Gas und Telefon belaufen sich auf rund 160 Euro pro Monat. 

Die monatlichen Ausgaben der Familie Sonnenberg liegen somit bei 2.030 Euro. Es bleiben 40 Euro übrig. 

Sie erzählen sich abends ihre Wünsche

Familie Sonnenberg liegt somit über der Einkommensgrenze für staatliche Unterstützung. Deswegen bekommen sie keine Zuschüsse, etwa für Bildung und Teilhabe, und haben auch keinen Anspruch auf das 2011 verabschiedete Bildungspaket ‘Chancengleichheit für Kinder’.

Vater Anton hat daher nicht nur die wiederkehrenden Sorgen, dass die Waschmaschine oder auch das Auto kaputt gehen könnten, sondern auch Angst, dass er seinen Kindern nicht die Erfahrungswerte bieten kann, die er sich für sie wünscht.

Mama und Marie erzählen sich abends oft Geschichten über Dinge, die sie gerne mal erleben möchten. Bücher in einer Buchhandlung kaufen, ein Musical oder einen Themenpark besuchen, regelmäßige Schwimmbadbesuche mit der Familie oder ein Besuch im Restaurant.

Fleisch beim Metzger und Brot beim Bäcker zu kaufen, auf den Wochenmarkt gehen oder Bio-Lebensmittel kaufen. Das wäre fantastisch.

Mehr zum Thema: Hartz-IV-Kind sammelt Pfandflaschen um seiner Familie zu helfen

Ungerechtigkeit und Stolpersteine

Marie kann dank des Fördervereins der Grundschule nun doch am Tagesausflug teilnehmen und Anton nimmt in diesem Jahr schon das vierte Mal Antibiotikum (wird von der KK bezahlt), da sich Familie Sonnenberg keine pflanzlichen Medikamente (werden nicht von der KK bezahlt) leisten kann.

Anna spielt manchmal mit dem Gedanken, die Kinder bis 18 Uhr betreuen zu lassen, denn so könnte sie Vollzeit arbeiten und mehr verdienen. Jedoch verwirft sie den Gedanken schnell, weil ihr dabei die Tränen kommen.

Anton überlegt, ob er abends einen Zweitjob annehmen soll, auch wenn er die Kinder dann gar nicht mehr zu Gesicht bekäme.

Das ist die Stelle, an der sich die Leser dieses Artikels sicher noch viele weitere Ungerechtigkeiten und Stolpersteine, Bildungsnachteile und Ängste vorstellen könnten.

Auslöser für seelische und körperliche Krankheiten

Auch psychologisch und soziologisch könnten wir uns ausmalen, welche sozialen Folgen solche Lebensmodelle haben können.

Selbst wenn die Grundwerte einer Familie, trotz der finanziellen Grenzen, unerschütterlich sind, so leiden sie doch unter der Chancenungleichheit unserer wirtschaftlichen und bildungspolitischen Systeme. 

Mehr zum Thema: Was arme Kinder in Deutschland vom Staat für die Schule bekommen – und was sie wirklich brauchen

Diese Ängste und die von Erschöpfung und Druck verursachte Frustration sind nicht nur prägend für die Erziehungsprozesse der Kinder, sondern auch Auslöser für seelische und körperliche Krankheiten

Arme Kinder in Deutschland

In Deutschland leben rund 30 Prozent der Kinder in einem Armutsverhältnis. Dabei dauert die Armut bei rund 21 Prozent mindestens fünf Jahre oder länger an. Als in einer Armutslage gelten Kinder in Familien, die mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens auskommen müssen oder die auf staatliche Grundsicherung angewiesen sind. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung können diese Kinder nicht richtig am gesellschaftlichen Leben teilhaben, das wirkt sich nachweislich auch auf ihre Entwicklung und Schulbildung aus. Zudem ist ihre Chance geringer später ein Leben außerhalb von Armut zu führen.

Es wird Zeit für eine echte Chancengleichheit

Ich wünsche mir, dass alle Kinder unseres Landes Musicals und Museen, Schwimmbäder und Themenparks besuchen können.

Ich wünsche mir, dass Kinder sich im Kino einen Film anschauen können, medizinisch optimal versorgt werden und ausreichend Familienzeit haben.

Ich wünsche mir, dass die Pflege und Erziehung unserer Kinder von keiner Einkommensgrenze oder sonstigen kategorischen Grenzwerten abhängig ist.

Es wird Zeit für ein soziales Bildungspaket, das unseren Kindern unabhängig von kulturellen, wirtschaftlichen oder politischen Positionen echte Chancengleichheit garantiert.

Mehr zum Thema: Die wahre Spaltung Deutschlands: Wie Bildungsbürger eine Parallelgesellschaft aufbauen

Wir brauchen ein solides Fundament

Es darf nicht den Anschein haben, als wäre es wirtschaftspolitisch erwünscht ein solides Fundament armer oder ungebildeter Menschen zu haben, damit am Ende noch jemand da ist, der unsere Toiletten auf den Raststätten putzt.

Post scriptum: Nichts liegt mir ferner, als unsere Reinigungskräfte mit diesem Artikel zu beschämen. Es sind nicht die Jobs, die uns ausgrenzen und diskriminieren, sondern die Werturteile der Menschen.

Gleichwertigkeit ist eine soziale Meisterleistung, die selten dort anzutreffen ist, wo Geld und Status, Macht und Hass, Scham und Habgier die treibenden Kräfte sind.

Andreas Ebenhöh ist Berater für Bildungsmanagement und Kommunikationscoach. Dieser Text ist zuerst auf seiner Facebook-Seite erschienen.

(kap)