POLITIK
31/05/2018 17:03 CEST | Aktualisiert 31/05/2018 22:45 CEST

Das ist der kreml-kritische Journalist, der seinen Tod vortäuschte

"Babtschenko ist eine der wichtigsten Hassfiguren im System Putin."

Stringer . / Reuters
Kreml-Kritiker und Provokateur: Arkadij Babtschenko.

Es ist alles andere als alltäglich, dass jemand die Nachricht vom eigenen Tod kommentieren muss. Noch ungewöhnlicher ist es, wenn das so geschieht, wie es jetzt Arkadij Babtschenko machte – nämlich mit einer handfesten Provokation:

“Ihr könnt mich mal! Ihr werdet mein Ableben nicht erleben! Ich habe versprochen, dass ich mit 96 Jahren sterbe, und ein Selfie auf einem amerikanischen Panzer auf der Twerskaja-Straße mache” – der zentralen Straße Moskaus.

Mit diesen, für ihn durchaus typischen Worten meldete sich der Kreml-Kritiker auf Facebook zurück, nachdem ihn die Welt einen Tag lang für tot gehalten hatte.

Tot für einen Tag

Die Meldung von der angeblichen Ermordung des Kreml-Kritikers in Kiew hatte am Dienstag zunächst für Bestürzung und Trauer gesorgt.

Die fiel auch deshalb besonders massiv aus, weil es bereits mehrfach Mordanschläge auf Kremlgegner in der Ukraine gegeben hat.

Am Mittwoch dann die unglaubliche Wendung: Der Chef des ukrainischen Geheimdiensts SBU, Wasyl Hryzak, verkündete auf einer Pressekonferenz in Kiew, dass Babtschenko lebt. Und ließ den Totgeglaubten vor der versammelten Presse in den Saal marschieren.

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SBU-Chef Wasyl Hryzak (links) und Journalist Babtschenko (Mitte).

Die Szene sorgte für ungläubiges Staunen. Und vor allem für massive Verwirrung – nicht nur bei den anwesenden Journalisten.

Ein derartiges Schauspiel vor so großem Publikum hat die Welt wohl selten gesehen.

Mutmaßliche Mordpläne aus Moskau

Laut Geheimdienstchef Hryzak hatten Unbekannte einen Auftragskiller auf Babtschenko angesetzt. Der SBU habe dann Wind von den Plänen bekommen.

Um die Hintermänner dingfest zu machen, habe man so tun müssen, als sei Babtschenko wirklich ermordet worden, sagte Hryzak: Andernfalls wären die Auftraggeber nicht aus der Deckung gekommen.

Der SBU macht nun den russischen Geheimdienst für die Mordpläne verantwortlich.

Handfeste Beweise dafür gibt es aber nicht – was allerdings auch seltsam wäre in diesem Metier.

Streit über die Aktion 

► Unbestreitbar scheint nur: Der Fall Babtschenko ist beispiellos. Und er hat heftige Diskussionen ausgelöst. Um den Umgang mit Nachrichten und mit Fakten. Um Ethik. Vor allem journalistische Ethik.

“Dieser fahrlässige Umgang mit der Wahrheit ist unverzeihlich und ein geschmackloses Spiel mit der Glaubwürdigkeit der Medien”, kommentierte Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich in einer Pressemitteilung unter der Überschrift “Babtschenkos Lüge”.

Verteidiger des Kreml-Kritikers sehen das anders. Die Inszenierung habe Babtschenkos Sicherheit und der Aufklärung der Tat gedient, mahnt der Moskauer Journalist und Kreml-Kritiker Roman Dobrochotow.

Die Falschmeldung sei auch notwendig gewesen, um weitere Taten der Auftraggeber zu verhindern; bereits mehrfach wurden in der Ukraine Kremlkritiker Ziel von Mordanschlägen, machen die Verteidiger der Inszenierung geltend.

Die Ukraine befände sich im Krieg, angegriffen von Russland. Und man könnte keine Sonntagsreden-Maßstäbe anlegen.

Die Meinungen gehen weit auseinander, quer durch die politischen Linien.

Babtschenko reagierte auf die Diskussion auf seine Art.

Mit einer Provokation.

“Es geht mir am Arsch vorbei” 

“Ich wollte hier einen Post  schreiben zu all den Hütern der Moral, die unzufrieden sind, weil es ihrer Meinung nach ein Fehler von mir war, nicht zu sterben. Aber es geht mir am Arsch vorbei“, schrieb er auf Facebook. Wobei der russische Originalausdruck mit “Arsch” noch harmlos übersetzt ist.

Unter den Post stellte Babtschenko eine Bildmontage.

Rechts das Bild einer Mutter mit Kleinkind, die die Tür zuhält, aus einem Sowjet-Plakat, links der leibhaftige Babtschenko, der sich gegen die Tür stemmt und versucht, sie zu öffnen. Die Überschrift dazu: “Ein wiedergeborener Vater – das ist ein Elend für die Familie”.

Im Original wendet sich das Plakat gegen Alkoholismus, und statt vom “wiedergeborenen” ist dort vom “besoffenen” Vater die Rede. 

Abseits von solchem Galgenhumor entschuldigte sich Babtschenko bei seiner Frau und seinen Freunden für alles, was sie durchmachen mussten, als sie von dem angeblichen Mord erfuhren.

Babtschenko deutete auch an, wie schwer der letzte Monat, in dem er von den Mordplänen wusste, für ihn selbst war: “Mein Gott, wie wunderbar ist das, dass ich jetzt keine Zielscheibe mehr bin. Dass ich jetzt genau weiß – für dieses Mal ist es aus. Schluss. Ich werde nicht erschossen.”

Wer versuchen will, Babtschenko zu verstehen, muss sich seine Lebensgeschichte ansehen. Sie ist so radikal wie seine Haltung.

Traumata an der Front 

Der 41-Jährige, ein Baum von einem Mann, lebt nach seinen Erfahrungen im Krieg nach seinen eigenen Worten “in einer Parallelwelt”. Babtschenko kann einem im Gespräch minutenlang schweigend gegenübersitzen und ins Leere starren.

Im ersten Tschetschenien-Krieg (1994 bis 1996) wurde er im Alter von 18 Jahren als russischer Wehrpflichtiger an die Front abkommandiert; im zweiten (1999/2000) meldete er sich als Zeitsoldat freiwillig.

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Babtschenko 2008 in Georgien.

Seine massiven Traumata von der Front, all die dort erlebten Schrecken verarbeitete der Vater einer Tochter, der sechs Pflegekinder in seine Familie aufnahm, in seinen Büchern “Die Farbe des Krieges” sowie ”Ein guter Ort zum Sterben”.

Und in zahlreichen Artikeln.

Er lebte weiter im Krieg 

Eindringlich beschrieb Babtschenko Willkür, Sadismus, Folter, Erpressung und Korruption in der russischen Armee; die brutalen Schikanen der Vorgesetzten gegenüber den frisch eingezogenen Wehrpflichtigen.

Babtschenko tat sich schwer mit der Rückkehr ins zivile Leben. Vielleicht ist sie ihm nicht richtig gelungen. Oft vermittelt er den Eindruck, er lebe weiter im Krieg. Weiter an der Front.

Zeitweilig hängte Babtschenko den Journalismus an den Nagel und schlug sich in Moskau als Taxifahrer durch. 

Später arbeitete er auch für die kremlkritische Zeitung “Nowaja gaseta”, die mehrere Mitarbeiter durch Mordanschläge verlor, unter anderem Anna Politkowskaja (2006). Er trennte sich von der Zeitung im Streit.

Kritisch und provokant

Mit seiner Kritik am Kreml ging Babtschenko so weit wie nur weniger seiner Kollegen in Russland. Putin bezeichnet er als “Mafia-Paten”. Er spricht auch von einer “Verbrecherbande, die den Kreml besetzt hat”. 

Babtschenko kritisiert den russischen Angriff auf die Ukraine und das Eingreifen in Syrien massiv – und drastisch.

Und Babtschenko provozierte sogar in Momenten, in denen selbst eingefleischte Kreml-Kritiker aus Pietät schwiegen oder nachdenkliche Töne anschlugen:

Nach dem Absturz eines Flugzeugs 2016 vor Sotschi mit russischen Militärangehörigen an Bord, unter anderem 60 Musikern des berühmten Alexandrow-Militär-Ensembles auf dem Weg zum einem Neujahrkonzert für die Truppe in Syrien, erklärte Babtschenko, er könne keine Mitleid mit den Toten empfinden.

Moskau und seine Medien tobten. Putin-Sprecher Peskow Dmitrij kommentierte Babtschenkos Äußerung empört als “Wahnsinn”. Und dokumentierte damit, dass der Kremlkritiker im Kreml wahrgenommen wird.

► Kein Wunder: Babtschenko lässt nur wenige Möglichkeiten zur Provokation aus. Er hat ein feines Gespür für die wunden Punkte von Putin und seinen Anhängern. Und in die streut er regelmäßig viel Salz. Für viele zu viel. Selbst für etliche Kreml-Kritiker. Babtschenko ist auch in den eigenen Reihen eine Reizfigur.

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Babtschenkos Angst ist begründet

Nach seinem Wieder-Auftauchen gestern gab es deshalb auch von durchaus kritischen Kollegen massive Beschimpfungen gegen ihn.

Die kremltreuen russischen Medien bauten Babtschenko ohnehin jahrelang zum Feindbild auf; Abgeordnete und Journalisten forderten seine Ausbürgerung; er bekam Tausende Morddrohungen, seine Privatadresse wurde veröffentlicht.

Im Februar 2017 verließ Babtschenko Russland, weil er sich dort nicht mehr sicher fühlte und es Berichte gab, dass ein Strafverfahren gegen ihn geplant sei. Die Hetze gegen ihn ging weiter.

Einen Tag vor seiner angeblichen Ermordung klagte er auf Twitter über einen öffentlichen Aufruf eines Putin-Vertraueten, ihn umzubringen. Im Nachhinein wirkt das wie ein makabres Detail einer umfassenden Inszenierung. Wie eine Provokation zu viel.

► Doch bei aller Kritik darf nicht vergessen werden: Babtschenkos Angst war und ist begründet. Real.

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Abgekämpft, müde – aber manchmal hoffnungsvoll 

“In Russland haben sie jetzt ein Computerspiel ins Internet gestellt, bei dem es darum geht, mich zu schlagen oder zu töten”, erzählte er einmal im Vier-Augen-Gespräch. Es fiel ihm merklich schwer, das auszusprechen.

Er wollte mutig wirken, so, als ob ihm das nichts ausmache. Aber doch war ein leichtes Zittern in seiner Stimme zu bemerken, und seine Augen wurden etwas feucht.

Leute kommen in den Knast, weil sie meine Facebook-Posts teilen." Arkadij Babtschenko

Auf die Frage, ob er hoffe, nach Russland zurückzukehren, antwortete er im März am Rande der “Putin-Conference” in New York, nach einem langen Schweigen: “Dort kommen Leute in den Knast, weil sie meine Facebook-Posts teilen.” Er starrte an einem vorbei ins Leere. Wie so oft im Gespräch.

Babtschenko wirkte abgekämpft. Müde. Resigniert fast. Aber in einigen Momenten auch hoffnungsvoll: “Kiew ist meine neue Heimat, ich fühle mich dort wohl”, sagte er.

Ketzer Nummer 1 

Obwohl er die Gefahren kannte, provozierte er wie in einer Endlos-Schleife weiter.

So kündigte er in einem Facebook-Beitrag an, nach Moskau zurückzukehren – an Bord eines Panzers unter Nato-Flagge. Worauf er jetzt in dem eingangs zitierten Beitrag nach der Todesmeldung Bezug nahm.

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► Babtschenko ist keine marginale Stimme. Er hat ein großes Publikum – mehr als die meisten russischen Zeitungen. Auf Facebook bringt er es auf 190.000, auf Twitter auf 162.000 Abonnenten.

Der im Berliner Exil lebende russische Soziologe Igor Eidman glaubt: “Babtschenko wurde zu einer der wichtigsten Hassfiguren im System Putin, weil er deren neuen, fast religiösen Kult, in dem sich alles um Militär, den Sieg über Hitler, den ‘nationalen Führer’ und die ‘russische Welt’ dreht, wie kaum ein anderer in Frage stellte, ja verspottete.”

Die Einlassungen des ukrainischen Geheimdiensts SBU hält der Cousin des im Februar 2015 direkt in Sichtweite des Kremls von einem Auftragskiller erschossenen Boris Nemzow deshalb für durchaus realistisch: “Babtschenko ist Ketzer Nummer eins. Ich halte es deshalb durchaus für realistisch, dass es einen Mordplan gegen ihn gab – das würde in die Logik des Systems passen.”