POLITIK
29/06/2018 13:35 CEST | Aktualisiert 29/06/2018 14:29 CEST

Arkadij Babtschenko: "Die Anzahlung war meinem Killer schon übergeben worden"

Der Journalist Arkadij Babtschenko machte am 29. Mai mit seinem inszenierten Tod Schlagzeilen

boris reitschuter

“Mir wurden Telefonate vorgeführt, wo besprochen wurde, wie man mich umbringen will. Auch die Anzahlung für meinen Killer, 40.000 Dollar, war schon übergeben worden.”

Das sind die ersten Worte, die der Journalist Arkadij Babtschenko im Gespräch sagt. Babtschenko ist der Journalist, der kürzlich von ukrainischen Behörden einen Tag für tot erklärt wurde. Der Grund: Der ukrainische Geheimdienst wollte seine potenziellen Mörder fassen.

Die vermeintliche Bluttat hatte weltweit für Schlagzeilen gesorgt – ebenso wie sein Wiederauftauchen am Tag darauf.

“Niemand hat erwartet, dass die Geschichte solche Wellen schlägt” 

Im Interview berichtet der Kremlkritiker jetzt erstmals haarsträubenden Details, wie sein Mord inszeniert wurde. Und er berichtet, was bei der Aktion falsch gelaufen ist, wie gespenstisch sein neues Leben ist, warum er weiter in Angst lebt - und warum er für sich und seine Familie einen Neustart im Westen will.

“Dass die ganze Geschichte solche großen Wellen schlägt, hat niemand erwartet, vielleicht war das ein Fehler.”

Arkadij Babtschenko zeigt sich nachdenklich, wenn er über die Inszenierung des Mordes an ihm am 29. Mai durch den ukrainischen Geheimdienst spricht. 

“Die ukrainischen Sicherheitsbeamten sind Fachleute im Bekämpfen von Verbrechen und nicht in Öffentlichkeitsarbeit” – erklärt der 41-jährige russische Journalist jetzt das teilweise sehr negative Echo auf die Aktion: “Jetzt ist es eben so gekommen”, meint er und schüttelt verzagt den kahlen Kopf.

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Die Vorwürfe ärgern ihn

Babtschenko sitzt mit seiner Familie in einem Bunker in einem geheimen Ort in der Ukraine, weil die Sicherheitsbehörden weiter von einer Bedrohung für ihn ausgehen. Zu sprechen ist er nur per Skype, zu sehen ist außer ihm nur eine Tapete.

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Ein Bild aus besseren Zeiten: Arkadij Babtschenko (r.) beim Bier mit einem befreundeten Journalisten.

Im Westen gilt der bullige Journalist mit der Glatze vielen als Buhmann; “Reporter ohne Grenzen” warf ihm “fahrlässigen Umgang mit der Wahrheit und ein geschmackloses Spiel mit der Glaubwürdigkeit der Medien” vor.

Solche Vorwürfe ärgern ihn. Und er kann sie nicht verstehen:

“Das Vortäuschen eines Mordes ist nichts Neues, auch in anderen Ländern machen das die Behörden in Ausnahmefällen. Für mich ging es darum, mein Leben zu retten. Und dafür zu sorgen, dass meine Familie in Sicherheit ist. Ziel der Aktion war, den geplanten Mord an mir zu verhindern, und weitere Auftragsmorde. Darum habe ich mitgemacht.”

Der Mord an ihm soll schon detailliert geplant gewesen sein

Auf die Zweifel angesprochen, ob die Inszenierung wirklich notwendig war, reagiert Babtschenko leicht gequält:

“Da müssen Sie den ukrainischen Geheimdienst SBU fragen, der diese Aktion gemacht hat. Genauso wenig wie die Geheimdienstler mir beibringen, wie man Artikel schreibt, kann ich ihnen vorschreiben, wie sie Morde verhindern können.”

Instrumentalisiert fühle er sich nicht durch den Geheimdienst: “Es gab keinerlei Druck. Man hat mich überzeugt. Etwa mit abgefangenen Unterlagen.”

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So hätte ihm der SBU Bilder von ihm und seiner Frau gezeigt, die der Auftraggeber besaß, zur Planung des Mords an ihm.

“Diese Bilder konnten nur von der Passbehörde in Moskau stammen. Daneben waren da noch Unterlagen aus meiner Militärzeit, aus Ermittlungen gegen mich. Das alles konnten nur die russischen Geheimdienste besorgen”, beteuert Babtschenko.

Pläne für Angriffe auf die Polizei

Ihm wurden auch Mitschnitte von Telefonaten vorgelegt, in denen der Mord an ihm im Detail besprochen wurde. Auch die Anzahlung für seinen Killer in Höhe von 40.000 Dollar sei bereits erfolgt.

“Warum werden im Westen die umfangreichen Beweise, die der SBU vorgelegt hat, kaum notiert?”, fragt Babtschenko bitter: “Die Gesprächsmitschnitte, mit dem Drahtzieher in Moskau, wo es darum geht, wer zu töten ist, wo zu hören ist, dass es in Russland einen Fonds gibt, dessen Ziel die Destabilisierung der Ukraine ist.”

Es seien zudem Beweise vorgelegt worden, dass Waffen, bis hin zu Panzerfäusten, aus Russland in die Ukraine geschmuggelt worden sein, so der Journalist.

Und dass es Pläne gegeben habe, einmal wöchentlich Polizeiautos in die Luft zu jagen. Russlands Rolle bei den Mordaufträgen sei belegt, beteuert Babtschenko mit fester Stimme.

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“Ich kann mich nicht mehr frei bewegen”

Die Beschreibung seines Lebens in dem geheimen Bunker klingt wie aus einem Kafka-Roman: “Ich muss mich und meine Familie vor Auftragskillern des russischen Geheimdiensts FSB schützen, das ist mein neues Leben”, erzählt er leicht stockend: “Ich kann mich nicht frei bewegen, kann nicht einfach raus, kann mich nicht einfach mit jemandem treffen. Ich kann nicht mal einkaufen.”

Wenn er den Bunker verlasse, sei das jedes Mal eine Spezialoperation, die vorab geplant werden müsse:

“Wir konnten nur drei Koffer hierher mitnehmen. Das ist alles, was ich hier habe. Selbst mein Stuhl und mein Besteck sind Staatseigentum. Ich habe immer noch die Hose an, die ich im Leichenschauhaus getragen habe. Ich kann in kein Geschäft, kann mir nichts Neues kaufen. Gestern hat man uns ein Schneidebrett gebracht und eine Schüssel zum Waschen. Das war ein Feiertag für meine Familie.”

Zum Spielplatz mit der Kalaschnikow

Der aus Moskau geflüchtete Vater einer leiblichen Tochter und sechs adoptierter Kinder sieht jetzt auch in der Ukraine keine Perspektive mehr:

“So leben, wie jetzt, geht nicht lange. Ein Kind braucht eine Kindheit; die hat es nicht, wenn es zum Spielplatz von mehreren Männern mit Kalaschnikows begleitet wird. Ich möchte deshalb wohl ins Ausland. Oder zumindest meine Familie.”

In der Ukraine seien den Ermittlungen zufolge noch mehrere Mörder-Gruppen unterwegs, erzählt Babtschenko. Allein in Kiew sollen es zehn sein, in der ganzen Ukraine 100. Sie würden aus Moskau finanziert. Zu den Präsidentschaftswahlen 2019 seien massive Destabilisierungs-Versuche geplant.

Die ukrainischen Behörden täten zwar alles, um ihn zu schützen, so der Journalist, der mit seiner massiven Kritik an Putin selbst manch anderen Kremlkritikern als “Radikaler” gilt: “Ich verdanke ihnen mein Leben. Aber ich will auch nicht ewig in einem Bunker leben, bewacht von Männern mit Kalaschnikows. Ich will zurück in ein normales Leben.”

Mit Schweineblut im Mund den Toten gespielt

Babtschenko stockt immer wieder der Atem, wenn er die abenteuerlichen Details der Inszenierung seines “Mordes” erzählt:

“Um 18 Uhr kamen eine Maskenbildnerin und ein Beamter zu mir, haben mir erklärt, wie man umfallen muss, damit es wie echt aussieht, wie ich das Blut aus dem Mund spucken muss. Ich wurde geschminkt, weil ein Mensch mit viel Blutverlust grau-blau wird.”

Um 19.30 Uhr sei es los gegangen. Ihm sei Schweineblut in den Mund geflößt worden:

“Ich ging auf die Knie, hustete mit dem Blut, sank zu Boden und ließ das restliche Schweineblut ausfließen aus meinem Mund. Die Maskenbildnerin malte mir Blutflecken in mein Hemd, das man zuvor mit echten Schüssen präpariert hatte. Sie steckte mir einen Pfropfen aus geronnenem Schweineblut in die Nase mit den Worten ,Beißen Sie die Zähne zusammen, das ist notwendig.”

Um 20 Uhr seien dann alle gegangen, nur noch seine Frau sei da geblieben, so Babtschenko:

“Alles war bis ins kleinste Details vorbereitet, bis hin zur Position der Hülsen. Meine Frau ging dann ins Bad, und mein Killer kam rein. Er sagte mir: ‘Ich wünsche Ihnen Gesundheit!’ Ich sagte ihm: ‘Mach keine Witze, ich bin doch tot, ich darf nicht lachen’. Dann ging er.”

“Ich saß da, nackt, nur in ein Leintuch gewickelt”

Babtschenkos Frau rief daraufhin den Notruf; die Maskenbildnerin hatte sie instruiert, dass sie Sit-Ups machen müsse, damit ihre Stimme aufgeregt klinge und ihr Gesicht rot werde, damit sie so wirke, als habe sie einen echten Adrenalin-Stoß gehabt.

Panikattacken und hysterische Schreie seien eine Erfindung der Filmindustrie, wurde seiner Frau beigebracht, so Babtschenko – in Wirklichkeit würden Angehörige eher apathisch ins ich zusammensinken.

Drei Stunden später brachte ein eingeweihtes Notarzt-Team Babtschenkos ins Leichenschauhaus.

“Mir wurde alles Elektronische abgenommen, damit nichts abgehört wird. Ich habe die blutverschmierte Kleidung abgenommen und mich am Waschbecken gereinigt, so gut es ging. Ich saß da, nackt, nur in ein Leintuch gewickelt, mit einer Schachtel Zigaretten, und sah im Fernsehen die Berichte über meine Ermordung.”

Aus dem Nachbarraum habe er Säge-Geräusche gehört; seinen Erfahrung aus den beiden Tschetschenen-Kriegen nach habe es so geklungen, als würde ein Schädel aufgesägt, erinnert sich Babtschenko: “Ich werde diese Szene nie vergessen.”

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Babtschenko beim Schwimmen.

Babtschenko sollte für ein paar Tage als tot gelten

Um 2 Uhr nachts musste der als tot geltende Kreml-Kritiker durch ein Fenster an der Hinterseite des Leichenschauhauses steigen, weil vorne Journalisten standen. Gegen 5 Uhr morgens wurde er an einen geheimen Ort gebracht. Die ganze Operation dauerte 11 Stunden.

Ursprünglich hätte seine “Auferstehung” erst ein paar Tage später stattfinden sollen, aber es sei nicht alles nach Plan verlaufen, erzählt Babtschenko:

“Die Beamten wollten den Auftraggeber noch einige Tage überwachen, um noch mehr Spuren zu sichern. Aber er hatte sich ein Ticket gekauft und wollte am nächsten Tag ins Ausland fliegen. Deshalb mussten die Behörden zuschlagen und ihn festnehmen. Danach machte es auch keinen Sinn mehr, mich für tot auszugeben.”

“Ich lebe seit 2012 im Ausnahmezustand”

Babtschenko berichtet auch, warum er aus Russland ins Exil in die Ukraine ging. Die Hetze gegen ihn in seiner Heimat war enorm, im Internet gibt es ein Spiel, bei dem es darum geht, ihn zu schlagen oder zu töten.

“Diese Sachen gehen einem nie aus dem Kopf, man muss immer daran denken”, sagt der Journalist nachdenklich: “Ich lebe seit 2012 im Ausnahmezustand. Dieses Regime versteht es, Menschen zu zermürben.”

Wenn er in Moskau nach Hause gekommen sei, habe er nie den direkten Weg ins Treppenhaus gewagt, sondern immer erst seine Frau gebeten, nachzusehen, ob jemand da sei.

“Im Lift stieg ich immer einen Stock höher oder tiefer aus. In der U-Bahn stand ich immer so, dass mich niemand aufs Gleis stoßen konnte, wie sie das mit anderen gemacht haben. Wenn ich nachts um zwei den Lift hörte, rannte ich nervös zur Tür und schaute, ob die zu mir unterwegs waren”, berichtet Babtschenko regungslos, monoton.

“Ich wurde beschattet, zwei Banditen lauerten mir Zuhause auf, es gab Ermittlungen, Hetze, meine Adresse wurde veröffentlicht mit dem Aufruf, es mir zu zeigen, ein Foto meines Kindes, mit dem Hinweis, es sei ein Kind eines Verräters. Der Druck war riesig. So zu leben ist sehr schwer.”

“Russland ist eine Diktatur”

Dafür, dass in Russland die Fußball-WM stattfindet, fehle ihm jedes Verständnis, sagt der Kreml-Kritiker:

“Für mich ist das wie die Olympischen Spiele in Deutschland 1936. Mich interessieren diese Spiele in Putins neuem Reich kein bisschen. Ich sehe viele Parallelen zwischen 1938 und heute. Damals versuchte es der Westen in München mit Appeasement. Das wiederholt sich heute.”

Im Westen sei die vorherrschende Meinung, Russland sei immer noch eine Demokratie, nur keine lupenreine, beklagt der 41-Jährige:

“Aber es ist eine Diktatur. Putin hat die Macht mit Gewalt an sich gerissen. Er führt zwei Kriege. Hat einen Teil Moldawiens annektiert, einen Teil Georgiens, einen Teil der Ukraine, er lässt Syrien bombardieren und hat eine Boeing mit fast 300 Menschen an Bord abschießen lassen. Putins schlimmste Waffe ist aber nicht seine Armee, sondern seine Propaganda. Er destabilisiert den Westen, führt seinen hybriden Krieg weltweit. Der Westen sollte endlich die Augen aufmachen.”

Auf die Frage nach den Zielen des Kreml-Chefs geht Babtschenko zurück in die Geschichte: “Ich glaube, Putin ist einfach in der falschen Zeit geboren.”

Vor 200 Jahren wäre Putin er als großer Zar in die Geschichte eingegangen, der die Krim eroberte, den Kaukasus, sich im Westen breit machte, sein Imperium ausbreitete, so Babtschenko: “Das Problem ist nur, wir leben im 21. Jahrhundert – und Putin im achtzehnten.”

(ben)