POLITIK
03/03/2018 20:52 CET | Aktualisiert 03/03/2018 21:11 CET

Russlands Geheimdienst soll jahrelang Drogen geschmuggelt haben – nun wird das System klar

Eine Spur führt auch nach Deutschland.

Ministerio de Seguridad
Drogenschmuggel aus Buenos Aires – mit der Hilfe des Kremls?
  • Die russische Botschaft in Argentinien ist derzeit in einen gigantischen Kokain-Schmuggel-Skandal involviert
  • Kreml-Kritiker sehen Verbindungen bis in die höchsten Kreise

Kokain-Schmuggel im Regierungsflugzeug, Moskaus Botschaft in Buenos Aires als Drogen-Drehscheibe und Putins Geheimdienste als Mafiosi: Es sind schwere Vorwürfe, die Moskauer Kreml-Kritiker gegen ihre Regierung erheben, nachdem ein geplanter großer Drogenschmuggel von Argentinien nach Russland aufgeflogen ist.

Für westliche Verhältnisse klingen die Anschuldigungen gegen die Behörden fast surreal.

Wer sich länger mit dem heutigen Russland beschäftigt, kann allerdings nicht übersehen: Die Verbindungen zwischen Mafia und Mächtigen, zwischen Geheimdiensten und organisierter Kriminalität sind eng.

► Die Umstände der Aktion, bei der 389 Kilogramm Kokain im Wert von rund 50 Millionen Euro sichergestellt wurden, wirken mehr als abenteuerlich. Doch nur auf den ersten Blick – und eine Spur führt auch nach Deutschland.

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Die Koffer – voll mit insgesamt 389 Kilogramm Drogen.

Peilsender in der heiklen Fracht

Kein Wunder, dass die kremlgesteuerten russischen Medien den Skandal lange verschwiegen. Erst als ein Bericht des russischen Professors und Bloggers Maxim Mironow über die Vorgänge und die große Resonanz in den argentinischen Medien sich im russischsprachigen Internet verbreiteten, berichteten die Medien darüber – allerdings in völlig entschärfter Form.

► Die Täter hatten Anfang 2017 das Kokain in zwölf Koffern in einem Nebengebäude der russischen Botschaft in Argentinien – einer Schule – versteckt. Dorthin konnten sie gelangen, weil einer der Verdächtigen Sicherheitsberater der russischen Botschaft war und Zugang zu dem Objekt hatte.

Allerdings waren die argentinischen Behörden den Drogen auf die Spur gekommen. Sie tauschten das Kokain heimlich gegen Mehl aus und versteckten einen GPS-Sender in der heiklen Fracht.

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Das russische Regierungsflugzeug 
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Das Flugzeug verließ Buenos Aires am 9. Dezember mit den 12 Drogen-Koffern 

Die südamerikanischen Ermittler dürften dann wohl ihren Augen nicht getraut haben, als ein Jahr später das vermeintliche Kokain abgeholt wurde – und ausgerechnet in das Flugzeug des engen Putin-Vertrauten und Sicherheitsratschef Nikolaj Patruschew verladen wurde.

Bei Ankunft der Fracht im Regierungsflugzeug in Moskau Anfang Februar schlug die russische Polizei dann zu und nahm drei Männer fest, darunter einen Funktionär.

Parallel nahmen die argentinischen Sicherheitsbehörden zwei Tatverdächtige in Gewahrsam.

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Zugriff in Moskau

Drogenschmuggel unter dem “diplomatischen Schutzschirm” 

Die argentinische Zeitung “La Nación” berichtete, es sei nicht die erste Ladung gewesen. Schon von 2012 und 2015 seien demzufolge drei solcher Kokain-Lieferung unter “diplomatischem Schutzschirm” aus der russischen Botschaft nach Europa gegangen.

Die zuständige argentinische Ministerin sprach von einem der “komplexesten und professionellsten Drogengeschäfte”, die es in Argentinien je gegeben habe. 

“Wenn wir heute über die Politik in unserem Land sprechen wollen, sind wir gezwungen, über Kokain zu sprechen”, klagte dann auch Alexej Nawalny, russischer Oppositionsführer und Korruptionsbekämpfer in seinem Nachrichtenkanal „Nawalny life“.

► Er erklärte: “Der Skandal, den wir erlebt haben, hat solche Ausmaße, dass die gesamte Leitung des Außenministeriums und der Geheimdienste zurücktreten müsste.” 

Dementis aus Russland

Denn es handle sich ganz offensichtlich um einen ständigen Drogenschmuggel nach Russland über diplomatische Kanäle, der ohne die Mitwirkung von Diplomaten und Geheimdiensten nicht möglich wäre, so Nawalny.

Die zahlreichen Dementis der russischen Behörden seien voller Widersprüche: “Das russische Außenministerium und seine Sprecherin lügen praktisch in jedem Wort. Haben sie anfangs nur Mironow widersprochen, nun widersprechen sie auch den argentinischen Ermittlern.”

► So bestritt das Moskauer Außenministerium ursprünglich, dass Diplomaten in den Drogenskandal involviert seien. Das Amt sprach nur von einem “technischen Mitarbeiter”. Die Behörden in Buenos Aires widerlegten dies aber.

Faktisch hätten die russischen Behörden mit ihren Lügen selbst bestätigt, dass sie etwas zu vertuschen haben und deshalb offensichtlich in den Schmuggel involviert seien, meint der Soziologe und Kreml-Kritiker Igor Eidman.

Dass die Drogen-Lieferung im Regierungsflugzeug von Patruschew nach Moskau kam, ist ein Fakt. In den westlichen Medien war als Erklärung zu lesen, Putins Sicherheitsratschef habe damit den Ermittlern helfen wollen“, so Eidman.

► “Die russischen Behörden dagegen bestritten zuerst einfach, dass die Koffer überhaupt an Bord gewesen seien; sie sagten, das seien Fotomontagen”. Aber auch das hätten dann die Argentinier widerlegt, indem sie ein ganzes Video mit den entsprechenden Aufnahmen veröffentlichten. 

Bruch innerhalb der diplomatischen Vertretung

Während Moskau anfangs mitteilte, der russische Botschafter habe das Kokain gefunden und den Behörden gemeldet, stellte sich später heraus, dass es die argentinischen Behörden waren, die den Drogen auf die Spur gekommen sind – weil sie die Drogenkuriere schon auf dem Weg in die Botschaft verfolgt hatte.

Professor Mironow, der den Skandal in Russland bekannt gemacht hatte, glaubt an einen Bruch innerhalb der diplomatischen Vertretung: Botschafter Viktor Koronelli habe demnach hehre Absichten gehabt und mit den argentinischen Behörden kooperiert – sei damit aber in Konflikt mit den kriminellen Kräften in seiner Botschaft und den Behörden gekommen.

► Einer der Verdächtigen habe in abgehörten Gesprächen sogar angekündigt, er werde dafür sorgen, den Botschafter abziehen zu lassen.

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Spur nach Deutschland 

“Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie erfahren”, glaubt Oppositionsführer Nawalny: Aber dass es nicht die erste Lieferung ist, dass Mitarbeiter der Botschaft involviert waren und es ein Vertriebsnetz in Moskau geben muss, sei nicht zu bestreiten.

Wenn dann nur vier Leute festgenommen werden, sähe dies aus, als ob hochrangige Beamte hinter der Aktion stünden und jetzt ihre Hand schützend über viele der Täter halten würde: „Sonst hätte es jetzt schon viele Festnahmen bis hin zu Hausdurchsuchungen geben müssen“, so Nawalny.

► Als „Besitzer“ der Koffer gilt der Geheimdienst-Oberst Andrej K., der an diversen russischen Botschaften gearbeitet haben soll – laut eigenen Angaben auch für die Vertretung in Berlin.

„Das ist eines von vielen Indizien dafür, dass die Geheimdienste die Drahtzieher des ganzen Schmuggels sind“, so Soziologe Eidman.

► Vieles spreche dafür, dass es zu einem Streit zwischen Geheimdiensten und Außenministerium gekommen sei – der dann eskalierte und zum Auffliegen der Drogenroute führte.

Pikant: Andrej K. lebte in Deutschland. Am Freitag nahm die Polizei den 49-Jährigen am Scharmützelsee in der Nähe von Berlin fest. 

► Andrej K. ist nicht die einzige Verbindung in dem Skandal nach Deutschland. Zwei der Hauptverdächtigen waren in Argentinien für den „Club der Russisch-Orthodoxen Mäzenate” tätig.

Eine Organisation mit dem gleichen Namen gibt es auch in der Bundesrepublik. Die ist wiederum verknüpft mit der Stiftung Russki Mir (Russische Welt), die bei Kreml-Kritikern als Einflussinstrument Moskaus im Ausland gilt und in der auch die Moskauer Geheimdienste eine große Rolle spielen sollen.

Die russische “Drogenhandelsbehörde”

Der Soziologe Eidman verweist darauf, dass es zahlreiche Indizien für Drogen-Geschäfte mit Staatshilfe bereits in den 1990er Jahren in Sankt Petersburg gab. So wurden im Prozess um die Ermordung des Ex-FSB-Offiziers Alexander Litwinenko in London russische Staatsbeamte schwer belastet.

Nach einer Zeugenaussage soll der spätere oberste Drogenfahnder des Landes, Viktor Iwanow, bereits Anfang der neunziger Jahre als Geheimdienstler mit der organisierten Kriminalität kooperiert haben.

► Demnach habe der Putin-Freund der sogenannten „Tambowskaja“-Mafia geholfen, Drogen aus Kolumbien nach Westeuropa zu schmuggeln – über den Petersburger Hafen.

Wladimir Putin war damals Vizebürgermeister der Stadt und soll Iwanow bei seinen Geschäften „beschützt“ haben.

Bevor er zum Chef der Drogenfahndungsbehörde (im Volksmund: “Drogenhandelsbehörde”) ernannt wurde, war Iwanow stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung und Putins Personalberater, sowie Vorstand einiger Staatsunternehmen

“Von Geldgier und Habsucht gesteuert”

Oppositionsführer Nawalny gehe nicht davon aus, dass Putin in den Drogenskandal um die argentinische Botschaft verwickelt sei – wohl in Anspielung auf die alten Geschichten aus Petersburg.

Aber das von Putin geschaffene System macht der Kremlkritiker, der von den Präsidentschaftswahlen am 18. März ausgeschlossen wurde, verantwortlich für den Skandal.

► „Diese Menschen, die jetzt an der Macht sind, sind nur von Geldgier und Habsucht gesteuert“, betonte der Korruptionsbekämpfer.

(mf)