POLITIK
10/09/2018 16:44 CEST

NDR-Reporter schreibt Merkel Brief: "Ich möchte nicht meine Heimat verlieren"

"Ich möchte nicht ein zweites Mal meine Heimat verlieren."

Isa Foltin via Getty Images
Der NDR-Journalist Michel Abdollahi hat Angst um seine Heimat: Deutschland.
  • Der NDR-Journalist Michel Abdollahi hat der Bundeskanzlerin einen offenen Brief geschrieben. 
  • Der aus Teheran geflohene Reporter befürchtet, wegen der aktuellen Stimmung in Deutschland ein zweites Mal seine Heimat zu verlieren. 

Der NDR-Journalist Michel Abdollahi will nicht länger zusehen. Zusehen, wie Deutschland “zerstört” wird. Deshalb hat er der Bundeskanzlerin Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben.

Darin schreibt er von der Angst, die ihm die aktuelle Stimmung in Deutschland mache. Täglich würden ihn Briefe von Menschen erreichen, die wegen ihrer Hautfarbe schlecht behandelt werden. 

“Frau Bundeskanzlerin, mir schreiben Menschen, die auf der Straße beleidigt werden, weil sie eine andere Hautfarbe haben, ich lese von Moscheen und Synagogen, die beschmiert, von Friedhöfen die geschändet werden, mir schreiben Menschen, die bei Behörden schikaniert werden, Menschen die Angst haben, in was für einem Deutschland ihre Kinder aufwachsen werden”, schreibt Abdollahi auf Facebook. 

Lange Zeit habe er selbst die Augen vor dem Rassismus in Deutschland verschlossen. Jetzt könne er das nicht mehr. Wenn die Regierung nicht endlich handle, werde sich “ein Feuer ausbreiten”, warnt der Journalist. 

Die Zivilgesellschaft halte zwar schon dagegen, doch das würde nicht reichen, auch Demos würden nicht reichen. “Wir brauchen eine größere Unterstützung, damit die Hasserfüllten da draußen erkennen, dass sie mit ihrem Radikalismus nicht weiterkommen werden. Es braucht die kompromisslose Unterstützung der Bundesregierung.” 

 

Der Bundesinnnenminister mache alle Menschen mit Migrationshintergrund zu einem Problem, kritisiert er. “Er schlägt diesen hart arbeitenden Menschen, die sich zu Millionen nahtlos in die Gesellschaft integriert haben, ihre Steuern zahlen und ihren Anteil zum Erfolg Deutschlands beitragen, ins Gesicht.”

“Ich wollte eigentlich gar nicht nach Deutschland” 

Auch, dass er selbst eigentlich gar nicht hierherkommen wollte, erzählt Abdollahi. Seine Familie habe ein schönes Haus in Teheran mit vielen Spielsachen gehabt, seine Eltern hätten Arbeit gehabt. 

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“Sie wollte sich nicht beim Sozialamt anstellen und die Hand aufhalten, sie wollten ihre kleinen Kinder nicht unter großer Gefahr aus dem Land nach Hamburg schicken. Aber als Saddams Bomben uns trafen, haben wir uns dafür entschieden zu gehen. Wir kamen nicht hierher, um Deutschland kaputt zu machen. Wir kamen hierher, weil unsere Heimat kaputt gemacht wurde”, schreibt Adollahi. 

Seine Familie habe sich integriert, sie würden Steuern zahlen und arbeiten, und doch würden sie für Seehofer nie hierher gehören. “Das tut weh.”

Der Bundesinnenminister würde Migranten generell verurteilen, nur weil sich ein paar davon nicht benehmen könnten. Dabei würde die überwältigende Mehrheit der Migranten jede Form von Extremismus ablehnen.

Abdollahi hat Verständnis für die Sorgen der Bevölkerung, plädiert dafür, diese Ängste ernst zu nehmen. Aber es könne nicht sein, dass diese Sorgen als Deckmantel für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus missbraucht werden würden, findet er. 

“Spitzenpolitiker wie Seehofer tragen den Hass in die Gesellschaft”

“Das Heben des rechten Arms, das Zerstören eines jüdischen Restaurants oder das Anzünden eines Flüchtlingsheims sind keine hinnehmbaren Formen der demokratischen Meinungsäußerung”, schreibt er. 

“Frau Bundeskanzlerin, dieses Land wurde gespalten und zwar nicht nur von blau-braunen Unruhestiftern, sondern mittlerweile von der Regierung, vom Bundesinnenminister, vom Chef des Verfassungsschutzes, von so vielen, die nicht spalten sollten. Die AfD sucht den Schulterschluss mit Rechtsradikalen und marschiert mit ihnen Seite an Seite durch Chemnitz und Hamburg. Spitzenpolitiker wie Seehofer und Kretschmer relativieren die Vorfälle in Chemnitz und tragen den Hass offen in die Mitte der Gesellschaft.”

Abdollahi macht sich nun Sorgen um seine Zukunft und um die Zukunft Deutschlands. Die Stimmen des Hasses seien lauter geworden als alles andere. Nun sei es an der Zeit, das zu ändern. Denn: 

“Das Bild dieses wunderschönen Landes, mit seinen warmen, liebenswerten Menschen, die mir seit nun mehr als dreißig Jahren eine zweite Heimat bieten, dessen Teil ich heute selbst bin, darf nicht zerstört werden. Deutschland ist schon lange nicht mehr das Deutschland der Nazis, der rollenden Panzer, der Mitläufer und Armheber, es ist ein offenes, buntes und gastfreundliches Land. Es ist ein Land das in Europa und der Welt als Beispiel vorangegangen ist und Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat, während andere die Grenzen geschlossen haben. Daran haben Sie einen großen Anteil und ich danken Ihnen dafür. Es ist ein Land, dass mir ermöglicht hat, heute das zu machen, was ich mache. Es ist ein Land der Sicherheit, des Wohlstands und des Friedens. Lassen Sie uns dieses Land aufrechterhalten und nicht zulassen, dass die Extremisten weiter unser Bild prägen.

Ich möchte nicht ein zweites Mal meine Heimat verlieren.

Frau Merkel, #WirSindMehr.”

(lp)