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29/05/2018 08:48 CEST | Aktualisiert 30/07/2018 22:43 CEST

ARD-Doku über Vergewaltigung zeigt, warum die Tat oft unbestraft bleibt

“Ich war völlig durcheinandern, wusste nicht, was richtig ist und was falsch."

  • In der ARD lief die Dokumentation “Vergewaltigt. Wir zeigen an!”
  • Das Fazit: Die Tat selbst ist noch nicht das schlimmste.

Eine Anzeige wegen Vergewaltigung zu stellen, ist für viele Opfer sexueller Gewalt schon schwierig genug. Was danach kommt, ist oft schlimmer als die Tat selbst.

In der ARD-Dokumentation “Vergewaltigt. Wir zeigen an!” (ausgestrahlt am 28. Mai 2018) melden sich vier mutige Frauen zu Wort, die ihre Vergewaltigungen und das, was sie hinterher erlebt haben, schildern. Als einige von wenigen haben sie es gewagt, die Taten anzuzeigen – denn, wie eine EU-Studie von 2014 beweist: Gerade einmal 15 Prozent aller Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, gehen zur Polizei.

Opfern sexueller Gewalt wird oft nicht geglaubt

Viele Opfer haben das Gefühl, bei einer Anhörung nicht ernst genommen zu werden. Das bestätigt in der Dokumentation auch Katja Grieger, Leiterin des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe: “Viele Frauen haben das Gefühl: Ich kam da rein [in den Anhörungssaal] und wusste, die werden mir nicht glauben.”

So hat es auch Nora erlebt. Die Berufssoldatin wurde 2016 in Dresden von einem Kameraden vergewaltigt.

Berufssoldatin Nora wurde nach ihrer Vergewaltigung zunächst als Täterin behandelt.

Nora war wegen eines zweiwöchigen Lehrgangs der Bundeswehr in Dresden. Eines Abends schlugen zwei Kameraden vor, noch etwas trinken zu gehen. In der Doku erinnert sie sich, dass das zweite Getränk, das sie zu sich nahm, bitter schmeckte. Kurz darauf setzten ihre Erinnerungen aus. Der Verdacht, dass ihr K.O.-Tropfen verabreicht worden waren, liegt nahe.

Nur noch in einzelnen, unzusammenhängenden Bildern kann Nora schildern, was geschehen ist, nachdem ihre beiden Kameraden und sie die Bar verlassen haben: Wie der eine Kamerad sie zurück in die Kaserne führte, nachdem sie benebelt aus dem Taxi gefallen ist. Wie sie ohne Hose auf dem Badezimmerboden lag. Wie ein Mann in Unterwäsche vor ihr stand, kurze Zeit später im Bett auf ihr lag.

“In dem Moment bin ich zum Täter gemacht worden”

Am nächsten Tag sucht Nora ihren Vorgesetzten auf und schildert den Fall. Auch der beschuldigte Soldat wird zur Befragung geladen – er behauptet, der Sex wäre einvernehmlich gewesen.

Nora schildert die Reaktion ihres Vorgesetzten in der Dokumentation: “Er hat die Befragung eingeleitet mit den Worten, dass ich schon wisse, was ich meinen Kameraden damit antue. In dem Moment bin ich zum Täter gemacht worden.” Offensichtlich zeigte der Vorgesetzt Oberstleutnant keinerlei Empathie – und ging noch einen Schritt weiter.

Noch bevor Nora zu einer polizeilichen Befragung geladen werden konnte, meldete sich ihr Vorgesetzter mit angeblich belastenden Informationen bei der Polizei: So präsentiere sich Nora in ihrem Instagram-Account in freizügigen Posen. Es handelte sich um Fotos in Sportklamotten, die sie beim Training aufgenommen hatte.

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Noras Vorgesetzter versuchte, Fotos von ihr beim Sport als zwielichtige Beweismittel anzuführen.

Die Befragung bei der Kriminalpolizei allerdings “toppte alles”, wie Nora in der Doku berichtet. Dort wurde sie gefragt, ob sie sich freizügig verhalte, mit Männern flirte, ob sie nicht vielleicht doch auf den Geschlechtsakt gezielt hingearbeitet hätte.

“Ich war völlig durcheinandern, wusste nicht, was richtig ist und was falsch. [...] Wenn mein Partner nicht draußen auf mich gewartet hätte, ich wäre zur nächsten Brücke und heruntergesprungen. Die haben mich so getroffen mit all dieser Fragerei, die haben mir so eingetrichtert, dass ich das Leben dieses Mannes zerstöre.”

Obwohl Nora schnell gehandelt und sich gleich in eine rechtsmedizinische Untersuchung begeben hat, wurde ihr kein Blut abgenommen. Dementsprechend konnte die Verabreichung von K.O.-Tropfennachgewiesen nicht werden. Glücklicherweise gibt es ausreichende Aufnahmen von Überwachungskameras in der Kaserne, die die Tat belegen.

Auch vor Gericht zweifelte Noras Vorgesetzter ihre Unschuld an.

Im Mai 2017 wurde der Täter schließlich zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt - ein mildes Urteil, aber ein Sieg für Nora: Wie sie in der Doku schildert, war ihr vor allem wichtig, dass ihr geglaubt wird.

Es mangelt an Anlaufstellen für Opfer sexueller Gewalt

Leider fehlt es immer noch an Anlaufstellen für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Diese sollten vor allem rund um die Uhr erreichbar sein, um mögliche Spuren der Tat aufnehmen zu können. Laut Katja Grieger gibt es vor allem in ländlichen Gebieten immer noch regelrechte Versorgungslücken, die so eine Tatbestandsaufnahme erschweren.

Das beweist auch Silkes Fall: Sie lebt in einem Dorf und wurde eines Abends, als ihr Mann verreist war, nach einem Barabend mit der Dorf-Clique von einem Bekannten vergewaltigt. Der Mann habe sie nach Hause begleitet und sei ihr dann in ihre Wohnung gefolgt, wie Silke in der Doku berichtet. Im Badezimmer habe er sie überwältigt.

Nach der Tat sagte er noch zu Silke: “Das bleibt unter uns.” Erst Tage später traut sie sich, den Vorfall einer Freundin zu schildern, nach der Rückkehr ihres Mannes berichtet sie auch ihm von dem Überfall. Kurze Zeit später erstattet sie Anzeige bei der Polizei - leider zu spät, um eventuelle Spuren der Tat festhalten zu können.

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Weil Spuren bei sexuellen Gewalttaten oft nicht rechtzeitig gesichert werden, steht Aussage gegen Aussage - meist zu Lasten des Opfers.

Nun steht Aussage gegen Aussage - ein Fall, der hätte vermieden werden können, wäre eine entsprechende Anlaufstelle mit ausgebildeten Fachkräften auch im Dorf erreichbar gewesen. So sind viele Frauen nach einem sexuellen Gewaltakt zunächst auf sich allein gestellt.

Deutschland hinkt beim Schutz von Opfern sexueller Gewalt hinterher

Laut Katja Grieger haben sexuelle Gewaltakte gegen Frauen in den letzten Jahren zu wenig Aufmerksamkeit von der Politik erfahren, was die strukturellen Lücken erklärt. Auch sind viele Fachkräfte nicht genügend geschult in Hinblick auf den Opferschutz: So wurde Silke beim Gerichtsverfahren von der Staatsanwältin vorgeworfen, ihre Aussagen seien nicht glaubhaft, weil sie bei Schilderung der Tat nicht an den richtigen Stellen geweint hätte.

Silke, ihr Mann Jens und Anwältin Julia Artmann-Eichler, kurz nach der Urteilsverkündung.

Silkes Anwältin, Julia Artmann-Eichler, sagt dazu in der Doku: “Menschen überleben nur, wenn sie [solche Taten] ganz sachlich erzählen, sonst können sie es gar nicht erzählen.”

Dennoch hat Silke den Fall gewonnen, der Täter wurde zu zwei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Selbstverständlich ist das nicht: Weniger als zehn Prozent der angezeigten Täter werden tatsächlich verurteilt.

Fälle wie die von Nora und Silke zeigen: Opfer sexueller Gewalt führen in Deutschland immer noch ein Schattendasein. Es wird Zeit, dass ihnen von seiten der Gesetzeslage und zusätzlich ausgebildeten Fachkräften die dringend notwendige Unterstützung geboten wird.