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25/11/2018 10:01 CET | Aktualisiert 26/11/2018 16:35 CET

Arbeitslos durch die Digitalisierung? 3 Gründe, warum die Angst übertrieben ist

Deutsche Arbeitnehmer sollen besonders gefährdet sein. Grund zur Panik gibt es trotzdem nicht.

metamorworks via Getty Images

Die Debatte über die Zukunft unserer Jobs in Zeiten rasanten technologischen Fortschritts ist vor allem eine Debatte der Angst: vor eiskaltem Technologie-Kapitalismus, Massenarbeitslosigkeit und sozialem Abstieg.

Think Tanks, Unternehmensberatungen und Wissenschaftler haben sich in den vergangenen Jahren in Studien mit immer neuen Horror-Zahlen überboten.

Ein paar Beispiele:

► Zwei Ökonomen aus Oxford schätzten 2013 in der viel beachteten Studie “The Future of Employment“, dass in Industrieländern 47 Prozent der Jobs wegfallen könnten.

► Die Beratungsfirma McKinsey prognostiziert, dass bis 2030 weltweit zwischen 400 und 800 Millionen Jobs von Robotern übernommen werden.

► PricewaterhouseCoopers hält deutsche Arbeitnehmer im internationalen Vergleich für besonders gefährdet.

Die gute Nachricht: Es gibt niemals nur eine Interpretation der Zukunft. Betrachten wir den Forschungsstand im Ganzen, können wir den Entwicklungen zumindest mit einer gesunden Portion Entspannung begegnen.

Denn ein Blick hinter die Horrorszenarien lockert die düsteren Wolken ein wenig: Manche der Studien klingen fatal, sind methodisch aber fragwürdig.

Anderenorts wird ein Interview dramatisch betitelt (“Digitalisierung lässt binnen 20 Jahren jeden zweiten Job verschwinden“), obwohl der Gesprächspartner die Automatisierung eigentlich vor allem als Chance beschreibt.

In unserer Debatte zur Zukunft der Arbeit stellen wir von The Buzzard Perspektiven vor, laut denen die Panik vor Massenarbeitslosigkeit übertrieben ist. Drei Thesen, die dazu einladen, sich zurückzulehnen:

The Buzzard

1. Automatisierung vernichtet nicht nur Jobs, sondern schafft auch neue

Die Automatisierung bedeute nicht Verdrängung, sondern vor allem Veränderung, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Jens Südekum. Roboter beeinflussen demnach vor allem, wie viel und in welchen Bereichen Menschen arbeiten. Ähnliches prognostiziert auch die Unternehmensberatung McKinsey.

Es herrscht weitreichender Konsens, dass die Digitalisierung den Bedarf in vielen Berufen eher erhöht (zum Beispiel Grafikdesigner) oder völlig neue Berufsfelder schafft (vor 20 Jahren gab es etwa noch keine Social-Media-Manager).

Das haben laut Jens Südekum auch schon die vergangenen Jahre gezeigt: Die 275.000 Jobs, die zwischen 1994 und 2014 in Deutschland durch Roboter ersetzt worden sind, seien demnach allesamt anderweitig ausgeglichen worden.

Zwar würden manche Berufe durch die Automatisierung hinfällig, speziell in der Industrie. Dafür entstünden etwa im Dienstleistungssektor kontinuierlich neue Stellen – ganz abgesehen vom riesigen Bedarf im Bereich der Entwicklung von Software und Maschinen.

Mehr zum Thema: Warum Männer stärker von der Automatisierung betroffen sein könnten als Frauen, erklären wir hier.

2. Wir sind der Automatisierung nicht hilflos ausgeliefert, sondern können uns auf sie vorbereiten.

Statt zu jammern, sollten wir aktiv werden. Roboter werden zweifelsohne gewisse Jobs von Menschen übernehmen. Das sei aber kein Grund, vor der Entwicklung zu kapitulieren, schreibt Arwa Mahdawi in einem Artikel im “Guardian”: Es bleibe jeder und jedem von uns ausreichend Zeit, um sich auf den veränderten Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Besonders soziale oder kreative Fähigkeiten und Ausbildungen werden demnach auf absehbare Zeit unersetzbar sein. Als vielsprechende Berufe für die Zukunft gelten zum Beispiel die des Reha-Therapeuten, Choreographen oder Psychologen (PDF, S. 57).

Getreu dem Motto “Kenne deinen Gegner!“ ist auch die Aneignung technischen Wissens sinnvoll, weil Jobs am Computer als vergleichsweise sicher gelten. Es ist also nicht alles schlecht. Und: Jene menschlichen Jobs, die die Automatisierung überleben, könnten nicht nur besser bezahlt, sondern auch sinnstiftender werden, weil langweilige Routineaufgaben seltener werden.

Auch interessant: Der Philosoph Richard David Precht sieht nicht Arbeitnehmer, sondern den Staat in der Pflicht, uns auf die die automatisierte Arbeitswelt vorzubereiten – und schlägt eine radikale Reform des Sozialstaats vor.   

3. Die “digitale Revolution“ gibt es überhaupt nicht

Was, wenn Arbeit 4.0 nur ein Hirngespinst wäre? Der Wissenschaftsjournalist Matthias Becker glaubt, die Angst vor Maschinen sei ein Kunstprodukt aus der Feder von Unternehmen und Konzernen.

Er bezweifelt, dass es die vielzitierte “digitale Revolution“, einen radikalen und plötzlichen Umsturz in der Arbeitswelt hin zur “Industrie 4.0“ überhaupt geben wird.

Unternehmen, die Software und Sensorik herstellen, glaubt Becker, versuchten durch geschicktes Marketing die Industrie zum Kauf ihrer Produkte und die Politik zum Ausbau der digitalen Infrastruktur zu bewegen.

Es werde bewusst so getan, als sei Industrie 4.0 alternativlos, als müssten sich alle – Arbeitnehmer, Politiker und Gesellschaft – nach den Regeln digitaler Standardisierung richten.

Tatsächlich sei es auf absehbare Zeit aber völlig unrealistisch, dass Roboter den Menschen einfach ersetzten. Denn, so Becker, machen Maschinen nur “Dienst nach Vorschrift“.

Entsteht ein unerwartetes Problem – in der Montage wird ein unsauberes Einzelteil angeleifert oder der Strom fällt aus – sei der Mensch der Maschine noch haushoch überlegen. Robotern komplexere und feinmotorische Arbeiten beizubringen, dauere lange, sei unverhältnismäßig teuer und damit für Unternehmen unattraktiv.

The Buzzard zu lesen heißt auch, Gewissheiten in Frage zu stellen. In unserer großen Debatte zur automatisierten Arbeitswelt stellen wir die optimistische Sicht aus diesem Beitrag deshalb direkt wieder auf die Probe.

Wie argumentieren Wissenschaftler, Blogger und Journalisten, die unsere Jobs in Gefahr sehen? Und warum könnte die Verbreitung von Robotern zu wachsender sozialer Ungleichheit führen?Eine Übersicht über die besten Perspektiven im Netz findet ihr auf thebuzzard.org

The Buzzard