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15/06/2018 20:47 CEST | Aktualisiert 16/06/2018 18:57 CEST

8 Stunden arbeiten ist out – probier's mal mit 5!

Lange Stunden im Büro bringen euch nichts.

PeopleImages via Getty Images
Die Dinge, von denen wir ausgehen, dass sie “einfach so sind” oder es “der richtige Weg ist”, sind es meistens nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Forbes.

Wann bist du am produktivsten? Morgens? Mittags? Nachts?

Ich wurde so erzogen, die frühen Morgenstunden zu nutzen. Ich dachte mein ganzes Leben lang, dass alles “vollkommener” wäre, je früher ich aufwachte.

Diesen Gedanken haben mir meine Eltern schon früh eingetrichtert: Ich lebte in einem Zuhause, in dem jeder um sechs Uhr morgens schon “auf und an der Arbeit” war. Manchmal auch früher.

► Ausschlafen hieß um acht Uhr aufstehen. Doch so spät in den Tag zu starten, bedeutete gleichzeitig, dass man faul ist. Als ich aufwuchs, zählte Produktivität nur, wenn sie früh stattfand.

Die Zeitverschiebung war unser Vorteil

Spulen wir zu dem Monat zurück, als mein Ehemann Steve und ich im Juni 2017 einen zweimonatigen Trip nach Europa buchten.

Wir wollten testen, wie wir unser eigenes Geschäft am Laufen halten und gleichzeitig weniger arbeiten können. Dafür haben wir auch extra niemanden verraten, dass wir nach Europa, in eine andere Zeitzone, geflogen sind. 

Wir bemühten uns, den Trip in Spanien und Italien zu genießen und gleichzeitig unseren Betrieb zuhause weiter voranzutreiben – auch wenn wir sechs Stunden Zeitverschiebung hatten.

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Jeden Tag standen wir auf, wann immer wir wollten, hatten ein gemütliches Frühstück, verbrachten vier oder fünf Stunden am Strand und dann gab es noch ein entspanntes Mittagessen, bevor wir zurück in unser Hotelzimmer gingen – normalerweise zwischen 16 und 18 Uhr. Erst dann fingen wir mit der Arbeit an.

► Das war der Vorteil schon sechs Stunden vor der amerikanischen Zeit zu sein.

Nachdem wir fünf Stunden gearbeitet hatten, gingen wir spät Abendessen. In Spanien und Italien war es gegen 22 Uhr noch hell – das hat auf jeden Fall nicht geschadet.

Wir waren produktiver

Die Verbindung zwischen entspanntem Vormittag und produktivem Nachmittag ging nahtlos ineinander über. Und überraschenderweise: Nachdem wir uns den ganzen Tag entspannt hatten und machen konnten, was wir wollten, war es wesentlich leichter, sich am späten Nachmittag hinzusetzen und zu arbeiten. 

Wir konnten viel erledigen. Eigentlich sogar mehr als sonst. Das machte uns unmissverständlich klar, dass wir die Zeit, die wir haben, immer so nutzen sollten.

► Diese Erkenntnis kennt man auch unter dem Begriff “Parkinsonsche Gesetze”: “Arbeit lässt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht.” 

► Wir persönlich tauften diese Erkenntnis “#SpainBrain” (Spanien-Gehirn).

Bevor wir zurückflogen, beschlossen wir, dass das #SpainBrain uns für unser restliches Leben begleiten wird. 

Schule dein Gehirn um

Die 40-Stunden-Woche ist ein Konstrukt – erfunden im späten 19. Jahrhundert – das wir alle einfach als notwendig akzeptiert haben.

Als es etabliert wurde, entlastete es die Industriearbeiter tatsächlich. Es wurde jedoch seither von Wall Street Händlern und der Silicon-Valley-Kultur missbraucht und verzerrt. Diese sagen nämlich, dass man konstant arbeiten muss, um etwas vorantreiben zu können.  

Diese falsche Einstellung kann man an dem permanenten Geplapper über “hetzen” und “wetzen” und “keine freien Tage” festmachen. Und natürlich daran, dass viele Menschen stolz sind, “ach so sehr beschäftigt zu sein”.

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Als Gründer erhoffst du dir eigentlich Freiheit und Flexibilität, aber es endet meist damit, dass deine Räder ständig durchdrehen und deine Zeit für unnötige Dinge draufgeht. Du fühlst dich ständig schuldig, weil du nicht genug gibst und verrennst dich in deine unendlich wachsende To-Do-Liste.

► Es ist Zeit, dass wir uns umschulen – und nichts anderes als das #SpainBrain akzeptieren.

Weniger arbeiten, heißt nicht weniger effektiv

Um das #SpainBrain zu bekommen, musst du anders an dein Verhältnis zu Zeit und Effektivität herangehen. Und das heißt: Komplett umdenken und sich von dem abwenden, was wir unser Leben lang beigebracht bekommen haben. 

► Was, wenn du nur fünf Stunden am Tag arbeiten könntest? Was müsstest du tun, um das möglich zu machen, wenn du keine andere Wahl hättest?

Genau das haben Steve und ich uns am Ende unseres Urlaubs gefragt.

Für die meisten macht es keinen Unterschied, wann sie arbeiten oder wie lange es dauert, bis sie fertig sind.

Weniger Stunden zu arbeiten, heißt nicht, dass man am Ende weniger Ergebnisse erzielt hat. Eigentlich bedeutet es das Gegenteil: Man bekommt bessere Ergebnisse, denn man arbeitet nur mit Höchstleistung.

► Mit diesem Gedanken haben wir uns auf den Heimweg begeben und uns vorgenommen, dass wir nur noch von 13 bis 18 Uhr arbeiten werden – fünf Tage die Woche. Das reicht.

Wir hatten ein bisschen Angst, dass wir wieder in unseren Alltag gesogen werden und wieder morgens arbeiten würden. Aber wir bemühten uns, dass das nicht noch einmal passiert.

Drei Dinge mussten sich ändern

Ich musste zu Hause nur drei Dinge ändern, damit unser Plan funktionieren konnte:

► 1. Ich musste in diesen fünf Stunden Arbeitszeit so produktiv wie möglich sein und nur Dinge machen, die gut für mein Geschäft waren. Das heißt, sämtliche kleinteiligen Aufgaben an jemand anderen abgeben, damit ich meine Arbeitszeit besser nutzen konnte. 

► 2. Ich musste meine kurz- und langfristigen Ziele exakt definieren. Auch musste ich genau festlegen, was ich am Ende des Tages erreicht haben wollte, damit ich pünktlich um 13 Uhr diese Dinge in Angriff nehmen konnte. Das bedeutete, dass ich mir die Zeit nehmen musste, jede Woche vorzuplanen.

► 3. Ich musste mich gegenüber meinen eigenen Zielen verpflichten, damit dieser Plan funktioniert. Und ich musste mich disziplinieren, nicht alles vor mir her zu schieben, im Internet zu surfen oder die “New York Times” zu lesen.

Totale Änderung der Einstellung

Ich lebe jetzt schon seit sieben Monaten mit dem #SpainBrain und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder in den alten Zeitplan zurückzukehren.

Ja, ich muss wesentlich effizienter und disziplinierter sein, seitdem ich nur fünf Stunden arbeite – das ist herausfordernd – aber ich bin deswegen nicht faul oder weniger engagiert.

► Vielmehr hilft mir meine neu gewonnene Freizeit dabei, die Qualität meiner Arbeit zu verbessern und sie erweitert auch meinen Horizont. Sie hilft mir, neue und bessere Wege zu finden, den Menschen zu helfen.

Sich diesen drei Dingen zu verpflichten, die ich aufgelistet hatte, zeigte mir ganz deutlich: Die vorherigen Arbeitstage mit acht oder mehr Stunden sind von der Effizienz her eigentlich nur Arbeitstage, die fünf Stunden dauern – aber auf acht ausgeweitet wurden. 

Es ist schwer, die Kontrolle abzugeben

Ich habe insgesamt nur drei Stunden damit verbracht, Dinge aufzuschieben. Und das auch nur dann, wenn ich nicht wusste, was ich wirklich erledigen wollte. Oder, wenn ich Zeit mit Aufgaben verbracht habe, die ich hätte abgeben können. 

Meistens konnte ich auch die Kontrolle nicht abgeben oder war, merkwürdigerweise, einfach zu faul, um mir die Zeit zu nehmen, die Aufgaben zu delegieren.

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Wie viele von uns verschwenden ihre wertvolle Zeit mit “Arbeiten”? Wie viele 100 Jahrealte Konstrukte halten uns zurück?!

Wenn du dich für das #SpanBrain entscheidest (und ich hoffe, du schließt dich mir an), musst du verstehen, dass du aus deiner Komfortzone heraustreten musst. Du musst ein bisschen Kontrolle abgeben und anderen vertrauen – und das ist für Geschäftsführer, die alles auf eine bestimmte Art und Weise erledigt haben wollen, meistens der schwerste Teil.

► Das wird nicht immer gut gehen, aber bleib dran! Wenn du es wirklich willst, wird sich dein Leben dadurch vollkommen ändern. 

Neue Wege schaffen

Die Dinge, die ja “ach so einfach sind” oder als “richtiger Weg” scheinen, die sind meistens genau das Gegenteil. Zu bemerken, dass wir eigentlich eine veraltete Lebensweise führen und diese schließlich abzulegen, kann unglaublich befreiend sein und uns Platz für neue Möglichkeiten geben.

Seit ich die alten Strukturen aufgebrochen habe, lese und denke ich viel mehr. Auch eigne ich mir neue Fähigkeiten an, die nichts mit meinem Geschäft zu tun haben. Und überraschenderweise helfen mir diese neu gewonnenen Kräfte, viel effektiver bei meiner Arbeit zu sein. 

► Ich habe zum Beispiel Gesangsunterricht genommen, einfach aus Spaß. Aber es hilft mir tatsächlich dabei, besser Reden in der Öffentlichkeit zu halten.

Seitdem ich mein Leben und meine Arbeit geändert habe, denke ich manchmal, dass es vielleicht auch unsichtbare Hände waren, die mich in eine Richtung getrieben haben, in die ich ursprünglich gar nicht gehen wollte.

Doch nur durch diese Entscheidung konnte ich neue Wege erkunden.

Meine Möglichkeiten sind dadurch wirklich, wahrhaftig und endlos. Sie lassen mich alles überdenken.

Komm mit mir. Es lohnt sich.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Forbes und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

 

(nc)