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04/05/2018 09:38 CEST | Aktualisiert 04/05/2018 11:52 CEST

Kein Wickeltisch im Männerklo: Dann wechseln wir Windeln im Restaurant

Ich selbst musste als Vollzeitvater jeden Tag mehrmals Windeln wechseln.

Thanasis Zovoilis via Getty Images
Immer mehr Väter gehen in Elternzeit. 

Bekannt ist: Vernünftige Fahrradständer oder gar eine Fahrradgarage am Arbeitsplatz erhöhen die Bereitschaft der Belegschaft, das Auto auch mal stehen zu lassen, die Umwelt zu schonen und zur Arbeit zu radeln.

Daraus ergibt sich: Vernünftige Wickeltische auf Herrentoiletten erhöhen die Bereitschaft junger Väter, sich das Baby zu schnappen und zur Frau zu sagen: „Trink deinen Kaffee, ich mache das mal!“

Das Problem: Wickeltische in Männertoiletten sind eher selten, wenn überhaupt wird der Kompromiss angeboten. In ICEs sind Wickeltische zum Beispiel in den Behindertentoiletten (dort zu wickeln ist übrigens immer ein kleines Alltagsabenteuer) und in einigen Gastronomieketten und gewissen Möbelgeschäften mit gelb-blauem Logo gibt es einen Wickelraum.

So wird sich am Wickelverhalten deutscher Väter nichts ändern

Aber so lange Männer nicht bei jedem Klogang daran erinnert werden, dass sie das ja eigentlich auch übernehmen könnten, weil es die entsprechende Logistik dafür auch wirklich gibt, wird sich am Wickelverhalten der deutschen Mütter und Väter nichts ändern.

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Und das sieht oft so aus: Papi lässt sich filmen, wie er lachend das Baby am heimischen Wickeltisch wickelt. Und wenn er sich dabei anpinkeln lassen muss, ist es besonders lustig und Mami lacht hinter der Smartphonekamera, und anschließend wird das süße Filmchen gepostet. Und das war es auch schon mit der Wickelbereitschaft des Vaters!

Schade! Denn daran ist erstens alles verlogen und zweitens alles dumm. Verlogen ist es, weil das Wickeln selbst oft nicht lustig ist. Ich selbst habe als Vollzeitvater jeden Tag mehrmals Windeln gewechselt. Und manchmal waren sie vollgekackt. (Sorry.)

Manchmal hat sich die Scheiße (sorry) richtig schön den Rücken hoch gequetscht, der Body war voll, alles musste gewechselt werden, und unterwegs ist das alles Mögliche, aber kein Spaß. Ach ja, und angepinkelt worden bin ich dabei auch häufig. Auch das: definitiv kein Spaß!

Dennoch ist es wirklich dumm, wenn Männer diesen Part nicht dauerhaft übernehmen. Obwohl ich wie erwähnt Vollzeitvater war, wäre ich zu keinem Zeitpunkt auf die Idee gekommen zu leugnen, dass Mütter zu ihren Babys eine natürlichere Bindung haben.

Männer sollten Vaterrolle von Beginn an ernst nehmen

Anderes zu behaupten wäre ziemlich esoterisch, wenn nicht gar total lächerlich. Schließlich ist das Baby im Bauch der Mutter herum geschwommen. Und wenn das Baby dann noch gestillt wird, dann wird diese natürliche Bindung bei jedem Stillen noch mal gestärkt. Und rein biologisch gesehen ist das auch natürlich.

Eben so, wie es die Natur vorgesehen hat. Aber da wir nicht mehr zu Zeiten der Jäger und Sammler leben, da Frauen beruflich genauso viel oder mehr leisten können und (manchmal auch wollen) als Männer, da wir also im 21. Jahrhundert leben, sollten wir Männer die Vaterrolle von Beginn an so ernst nehmen wie möglich und alles tun, um frühzeitig eine Nähe zum Baby aufzubauen.

Wir sollten dafür sogar kämpfen. Und das können wir unter anderem, indem wir sagen: „Wickeln ist Männersache!“ Denn auch dabei steht eine besondere Nähe zum Baby. Ist wirklich so.

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Und wenn die Politik nicht per Gesetz dafür sorgt, dass Wickeltische in Herrentoiletten bestenfalls bis morgen, aber spätestens bis übermorgen installiert werden, dann müssen wir selbst für unser Wickelrecht bereit sein, selbstbewusst unser Baby im Damenbereich zu wickeln!

Gesellschaftliche Entwicklung legt Männern Steine in den Weg

Habe ich früher oft gemacht, weil ich nun mal oft allein mit dem Baby unterwegs war. Die Frauen haben sich meistens übrigens gefreut und haben „Duzi Duzi“ und solche Sachen zu meiner Tochter gesagt.

Oder man wickelt demonstrativ im Restaurant auf einem leeren Tisch, wenn es keine vernünftige Gelegenheit gibt. (Habe ich auch gemacht, darüber haben sich dann nicht mehr so viele gefreut.)

MANN kann es immer übernehmen, und MANN sollte es tun, auch wenn die gesellschaftliche Entwicklung uns MÄNNERN noch Steine in den Weg legt, indem Wickeltische nur im Damenbereich zu finden sind.

Aber da immer mehr Väter in Elternzeit gehen, wird sich vielleicht ja wirklich etwas ändern. Und dann gibt es sie vielleicht bald, die Wickelparty auf der Herrentoilette: Zwei Väter in der Schlange am Wickeltisch im Gespräch mit einem älteren Herrn, der erzählt, wie es früher war, und einem Sechzehnjährigen, der ganz nebenbei vom Pissoir aus staunend beobachtet, was da später auf ihn zukommen könnte.

Arne Ulbricht, 46, hat neben seinem eher brutalen Roman Nicht von dieser Welt (KLAK 2016) über einen Amok laufenden Lehrer auch einen höchst unterhaltsamen, heiteren Bericht über seine Zeit als Vollzeitvater geschrieben: Mama ist auf Dienstreise (Vandenhoeck&Ruprecht 2017)

Mehr über den Autor und seine Bücher: www.arneulbricht.de