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25/04/2018 10:51 CEST | Aktualisiert 25/04/2018 10:51 CEST

"Wir sind alle Juden": Warum eine Berliner Muslima jetzt Kippa tragen will

"Für mich und die Mitglieder meiner Moschee ist es selbstverständlich, jüdische Freunde zu haben."

Seyran Ates
Die Berliner Imamin Seyran Ates (rechts) mit ihrem Freund und Kollegen Michael Laubsch.

Ein kleines Mädchen wird in Berlin von Klassenkameraden bedroht, weil es nicht an Allah glaubt. Als ich diese Meldung vor Kurzem gelesen habe, hat es mir das Herz zerrissen.

Nicht, dass man die vielen antisemitischen Vorfälle, die es in den vergangenen Jahren hierzulande gegeben hat, miteinander vergleichen könnte. Aber dieser Fall hat mich besonders berührt. Es war der Moment, in dem ich gesagt habe: “Es reicht!”

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) hat Mitte April einen neuen Bericht über antisemitische Vorfälle in Berlin veröffentlicht. Demnach kam es in der Hauptstadt 2017 zu 947 judenfeindlichen Vorfällen.

Zwar ist die Zahl der strafrechtlich relevanten Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr nicht angestiegen. Doch RIAS registriert auch niederschwellige Situationen in Form von Kommentaren oder Schmierereien.

Der Leiter des Projektes Benjamin Steinitz sagte zu den neuen Zahlen: “Es handelt sich um die höchste Zahl seit Beginn unserer Erfassung.” Rias würden täglich zwei bis drei neue Vorfälle gemeldet. Die Juden in der Hauptstadt seien täglich mit Antisemitismus konfrontiert.

 

Wenn die Politik nichts gegen Antisemitismus unternimmt, dann muss es eben die Gesellschaft tun

Der Antisemitismus hat in Deutschland erneut ein unerträgliches Ausmaß erreicht!

Seit Jahren sprechen sich Politiker aller Parteien wortreich gegen Antisemitismus aus, ohne dass dem Taten gefolgt wären. Die Zeit des Bedauerns, der Ermahnungen und der Alibi-Veranstaltungen ist vorbei.

Und wenn die Politik keine Fortschritte im Kampf gegen Antisemitismus liefern will, dann muss es eben die Zivilgesellschaft tun.

Es kann nicht sein, dass deutsche Juden, wie meine gute Bekannte Lala Süsskind, sich in ihrem Land nicht mehr sicher fühlen.

Oder dass der Zentralrat der Juden davon abrät, eine Kippa zu tragen. Ich finde es beschämend, dass es diese Warnung in Deutschland geben muss – gerade in Deutschland.

► Dagegen müssen wir aufstehen. Wer Menschen mit jüdischem Glauben angreift, der greift uns alle an.

Wir sind alle Juden: Zeigen wir uns mit der jüdischen Bevölkerung solidarisch

Gemeinsam mit dem Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus sowie dem Flüchtlingsheimbetreiber Apardo haben wir deshalb die Aktion #WirsindauchJuden ins Leben gerufen.

► Wir rufen die Menschen in Deutschland auf, sich mit der jüdischen Bevölkerung zu solidarisieren.

Wer Menschen mit jüdischem Glauben angreift, der greift uns alle an.

Unser Vorschlag: Sie sollen sich eine Kippa aufsetzen, ein Foto von sich machen und das in den sozialen Netzwerken Facebook, Twitter und Instagram posten. Wer keine Kippa zur Hand hat oder basteln möchte, kann sich auch mit einem Schild mit der Aufschrift #WirsindauchJuden fotografieren.

Mehr zum Thema: “Das Jüdische gehört für manche nicht zu Deutschland” –was eine Berlinerin berichtet, die seit 15 Jahren gegen Judenhass kämpft

Seyran Ates
Die Muslima Seyran Ates trägt eine Kippa – um sich mit der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zu solidarisieren

Ich hoffe, dass sich insbesondere viele Muslime und Musliminnen der Aktion anschließen und sich an die Seite der Jüdinnen und Juden stellen.

So wie Arshiya Mofrad von Apardo, der die Idee zu unserer Aktion hatte.

Er hatte das Video von dem syrischen Flüchtling gesehen, der einen Israeli mit einem Gürtel verprügelte weil dieser eine Kippa trug. Arshiya, der selbst als Flüchtling nach Deutschland kam, wollte zeigen: Wir lassen das hier in Deutschland nicht zu.

Deutsche Muslime müssen für Juden einstehen

Es gibt in Deutschland eine wache muslimische Zivilgesellschaft, die friedlich mit der jüdischen Gemeinschaft zusammenlebt.

Für mich und die Mitglieder meiner Moschee ist es selbstverständlich, jüdische Freunde zu haben.

Wir pflegen Kontakt zu jüdischen Organisationen und haben zuletzt gemeinsam Hannukah gefeiert. Und Stolpersteine gesäubert.

Mehr zum Thema: Ich versuche, dem Islam ein barmherziges Gesicht zu geben – jetzt bekomme ich Morddrohungen

Ich wünsche mir, dass mehr muslimische Verbände die Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden in Deutschland suchen.

Denn trotz allem hat in den letzten Monaten und Jahren vor allem ein aus den arabischen Ländern importierter Antisemitismus Schlagzeilen gemacht. Und es stimmt leider: Der stärker werdende politische Islam hat dazu beigetragen, dass der Antisemitismus in Deutschland wieder ansteigt.

► Wir deutschen Muslime sind jetzt in besonderer Weise aufgerufen, in unseren Gemeinden tätig zu werden.

Muslimische Gemeinden müssen offen, ehrlich und offensiv über Judenhass sprechen. Und die Politik muss die Moscheevereine und Imame hier stärker in die Pflicht nehmen, Teil einer aktiven Antisemitismusarbeit zu werden.

Denn am Ende des Tages sind wir sind alle Brüder und Schwestern auf dieser Welt.

 Extremismus tritt in vielen Formen auf: Mal trägt er Springerstiefel, mal wirft er Steine auf Luxuskarossen, mal versteckt er sich hinter einem Koran. Die EU-Initiative www.stopextremism.eu informiert darüber, wie man ihn bekämpfen kann. 

Dieser Text wurde von Anna Rinderspacher aufgezeichnet. 

(sk)