POLITIK
30/03/2018 19:07 CEST | Aktualisiert 30/03/2018 21:06 CEST

Antisemitismus in Europa: Warum wir uns Sorgen machen müssen

Auf den Punkt gebracht.

dpa/Getty
Antisemitismus bleibt in Großbritannien, Frankreich und Deutschland ein gesellschaftliches Problem.

Der Hass verschwindet nicht. Weder von den Straßen, noch aus den Köpfen: Die Menschen in Europa diskutieren wieder einmal über Antisemitismus. Gezwungenermaßen.

Ob Deutschland, Frankreich oder Großbritannien – in den vergangenen Tagen sind in allen drei Ländern Debatten über den Hass auf Menschen jüdischen Glaubens entbrannt.

Die Anlässe dafür waren jeweils unterschiedlich. Doch zeigt gerade die auffällige Häufung: Das Problem des Antisemitismus ist nach wie vor groß in Europa.

Der Hass auf Juden, die Gründe und die Ansätze zu seiner Bekämpfung – auf den Punkt gebracht.

Die Lage in Deutschland, Frankreich und Großbritannien: 

► 1. In Deutschland hat ein Vorfall an der Berliner Paul-Simmel-Schule für Empörung gesorgt.

Am vergangenen Wochenende berichtete die “Berliner Zeitung”: Ein muslimischer Junge habe seine Mitschülerin aus der zweiten Klasse mit dem Tod bedroht, weil ein Elternteil des Mädchens jüdischen Glaubens sei. 

► 2. Die Menschen in Frankreich sind entsetzt über den Mord an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll

Die Leiche der 85-Jährigen wurde von Polizisten in ihrer Wohnung in Paris entdeckt. Mit Stichwunden im Körper und Verbrennungen. Die Polizei hat zwei Männer festgenommen und geht von Judenhass als Tatmotiv aus. 

 3. In Großbritannien sieht sich Oppositionsführer Jeremy Corbyn Antisemitismus-Vorwürfen von jüdischen Organisationen ausgesetzt.

Am Montag kritisierten mehrere Organisationen in einem offenen Brief, Corbyn habe wiederholt die Seite von Antisemiten und nicht die der Juden eingenommen.

Im aktuellen Streit geht es um einen Facebook-Kommentar, mit dem Corbyn einen Straßenkünstler unterstützte, dessen Bilder antisemitische Motive enthält.

Corbyn entschuldigte sich für den Beitrag und antwortete: : “Ich werde niemals etwas anderes sein als ein militanter Gegner des Antisemitismus.”

Wie groß die Probleme mit Antisemitismus wirklich sind:

► “Es gibt gegenwärtig sehr unterschiedliche Spielarten von Antisemitismus in Europa”, sagt Julius Schoeps, Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam, der HuffPost über die aktuellen Ereignisse in Europa. Er nennt als Beispiele die rechtsextreme und islamistische Judenfeindlichkeit sowie den Antisemitismus unter Linken.

Schoeps betont: “Diese Spielarten können in jedem Land mit unterschiedlicher Stärke durchschlagen und die jüdischen Gemeinschaften bedrohen.” 

► Das zeigen auch die Vorfälle in Deutschland und Frankreich. Fakt ist allerdings: Es handelt sich in beiden Ländern nicht um Einzelfälle

► 2017 zählte die Polizei in Deutschland 1453 antisemitische Straftaten. Das sind in etwa so viele Straftaten wie in den beiden Jahren zuvor. Ein Großteil davon ist von rechts motiviert.

► In Frankreich ist die Zahl judenfeindlicher Straftaten 2016 stark zurückgegangen. Allerdings warnte Frankreichs Antisemitismus-Beauftragter Frédéric Potier kürzlich: “Die Juden in Frankreich sind auf den Straßen besonders bedroht, und seit einiger Zeit sogar in ihrem Zuhause.” Wie der Mord an der jüdischen Rentnerin Knoll verdeutlichte.

► In Großbritannien befinden sich antisemitische Straftaten auf einem Rekordniveau, 1382 judenfeindliche Delikte und Verbrechen wurden hier 2017 gezählt. Ein Großteil davon waren Beleidigungen. 

Die Hintergründe für Antisemitismus in Deutschland…

► Der Vorfall an der Berliner Paul-Simmel-Grundschule hat dazu geführt, dass Deutschland über Antisemitismus unter Muslimen diskutiert.

► Bekannt ist hier: Bei Jugendlichen mit arabischstämmigen Hintergrund finden sich vor allem ein israelbezogener Antisemitismus. Stärker als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, wie die Soziologen Jürgen Mansel und Viktoria Spreyer 2010 herausfanden

► Fakt ist aber auch: Von den 1453 antisemitischen Straftaten in Deutschland geht die Polizei von 1377 Delikten von rechts motivierten Tätern aus. Der traditionelle rechtsextreme Antisemitismus ist auch über 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch ein Problem in Deutschland.

… in Großbritannien…

► “In Großbritannien finden wir einen stark ausgeprägten Antisemitismus von links”, betont Antisemitismus-Experte Schoeps. Der Judenhass mache sich vordergründig an der Kritik an Israel fest. Aber es würden auch “finsterste antijüdische Stereotype” gestreut. 

► Auch das bestätigen aktuelle Vorfälle: So musste kürzlich ein Parteikollege von Corbyn, Alan Bull, zurücktreten, weil er Beiträge verbreitete, in denen der Holocaust geleugnet wurde.

… und in Frankreich:

► “Ganz anders”, sehe die Situation in Frankreich aus, sagt Schoeps. In “bestimmten Regionen und Wohnvierteln in Frankreich” sei es mittlerweile lebensgefährlich, “wenn man seine jüdische Herkunft und Identität zeigt”.

► Die Täter? Schoeps erklärt: “In Frankreich kommt der gewalttätige, kriminelle Hass gegen Juden häufig aus islamistischen Milieus, und ein Teil der französischen Juden denkt ernsthaft darüber nach, das Land zu verlassen – oder hat dies bereits schon getan.”

► Der islamistische Antisemitismus sei in Frankreich zum Teil – so wie auch Großbritannien – “durch jüngere Migrationswellen als ein zusätzliches Problem hinzugekommen”, sagt Schoeps. Gerade die Täterprofile bei den schlimmsten antisemitischen Anschlägen der letzten Jahre in Frankreich würden das belegen.

Welche Herausforderungen vor uns liegen: 

► Weil der heutige Antisemitismus “eine sehr heterogene Sache” ist, wie Schoeps sagt, braucht es wohl auch spezifische Lösungen für die verschiedenen Spielarten des Hasses gegen Juden. 

► Schoeps nennt als Lösungsansatz etwa: “In den jeweiligen Staaten sind dringend neue und bessere Bildungsprogramme vonnöten.” Kinder und Jugendliche müsste ebenso über den jüdischen Glauben wie die Entstehungsgeschichte aufgeklärt werden. Wichtig dabei: “Begegnungen mit jüdischen Einrichtungen”.

► In Deutschland gibt es etwa die Organisation Exit, eine Anlaufstelle für Aussteiger aus der Nazi-Szene. Die Mitarbeiter halten Vorträge in Schulen und helfen Menschen, die die Neonazi-Szene verlassen wollen

► Wie erfolgreiche Ansätze im Kampf gegen den Judenhass bei Muslimen aussehen, zeigt die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus. Die Organisation macht Workshops mit Schulen oder schafft Begegnungen zwischen Muslimen und Juden – und schafft es so, Vorurteile abzubauen.

Mehr zum Thema: Muslimischer Lehrer in Kreuzberg: “Mit diesem einfachen Mittel kann jeder Judenhass bekämpfen”

Auf den Punkt gebracht:

Der Antisemitismus in Europa hat viele Gesichter. Das ist in den vergangenen Tagen wieder einmal deutlich geworden. 

Doch liegen die Ansätze zu seiner Bekämpfung auch bereit. “Die jeweiligen nationalen Regierungen sollten ihren eigenen jüdischen Minderheiten offen und demonstrativ den Rücken stärken”, sagt Experte Schoeps. 

(jg)