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16/12/2017 13:33 CET | Aktualisiert 17/12/2017 13:08 CET

Antisemitismus in Deutschland ist kein arabischer Import

Es waren bestimmt keine Muslime, die in mein Treppenhaus Hakenkreuze gesprüht haben.

Reuters

Angesprochen auf die Verbrennung von Israel-Fahnen am Wochenende, muss ich sagen dass ich die anschliessend entfachte Instrumentalisierung der Antisemitismus-Debatte für sehr problematisch halte.

Ich glaube, einige freuen sich, den Antisemitismus als arabischen Import zu bezeichnen.

Ich bin jüdischer Musiker, spiele unter anderem jüdische Klezmer-Musik, komme aus Detroit und wohne seit 12 Jahren in Berlin. Ich habe insgesamt 10 Jahre in Neukölln gewohnt.

Die Realität, die ich hier erlebe, hat kaum etwas mit jener zu tun, die nun in der Debatte beschrieben wird.

Klar, man hört hier allerlei blöde Sachen - etwa rassistische, islamophobe und antisemitische Äußerungen.

Aber jede Stadt ist voll von Idioten - und auch von intelligenten Menschen.

Antisemitismus ist ein Gift, aber er ist kein Virus

Diese Unterscheidung ist die wichtige - nicht die Unterscheidung, aus welchem Land ein Mensch kommt oder welcher Religion er angehört.

Hier zu generalisieren, finde ich falsch.

Es waren bestimmt keine Muslime, die in mein Treppenhaus Hakenkreuze gesprüht haben.

Es waren sicher auch keine Salafisten, die Stolpersteine aus dem Boden gerissen haben, in diesem Bezirk, die in Berlin an die Opfer des Holocausts erinnern.

Mehr zum Thema: Warum arabische Kinder zu Antisemiten werden – und der Islam wenig dafür kann

Natürlich halte ich es für gefährlich, dass solche Sätze wie “Juden ins Gas” auf den Straßen gerufen werden.

Das kotzt und greift mich an, egal von wem oder wie selten es vorkommt.

Antisemitismus ist ein Gift, aber er ist kein Virus, der nur hierher gebracht wurde. Er war ja schon da. Er ist eine ideologische Komponente der Luft in diesem Land.

Hier wurden Juden schon viel früher verfolgt.

“Das ist keine echte Religion, sondern eine politische Ideologie”

Wenn man nun jedoch eine ganze Bevölkerung mit Paranoia und Vorurteilen betrachtet, wie derzeit die muslimische, geschieht das nach den gleichen Mustern wie die Judenverfolgung.

Man sagt heutzutage Sachen über Muslime, die man vor 80 Jahren auch über Juden hier gesagt hat. Natürlich werden sie immernoch auch über Juden gesagt. Aber das erweckt in mir Solidarität statt Paranoia.

So etwas wie “Die lassen sich nicht integrieren. Die nehmen unsere Arbeit weg. Die haben andere Werte. Ihre Religion ist rückwärtsgewandt. Das ist keine echte Religion, sondern eine politische Ideologie. Die passen sich nicht an. Die gehören unserer Kultur nicht an.“

Mehr zum Thema: Judenhass macht sich an deutschen Schulen breit, aber kaum jemand nimmt das Problem ernst

Als ich hierher gekommen bin, wusste ich nur, dass Berlin eine weltoffene Stadt ist.

Seit 2006 arbeite ich mit mehreren Menschen aus Nahost, Israel und der ehemaligen Sowjetunion zusammen.

Das ist eine sehr, sehr große Diversität, die ich erlebe.

Aber ich sehe auch zwischenmenschliche Spannungen auf der Straße.

Völkerhass, Fundamentalismus und allerlei Klischees

Hier sind viele Drogen, hier ist viel Mafia, Armut, Ungerechtigkeit und Verzweiflung. Darauf kommt eine Schicht von Völkerhass, Fundamentalismus und allerlei Klischees.

Alles trifft aufeinander. Aber ich erlebe auch inspirierende Gegenteile.

Ich trete mit meiner Band The Painted Bird auf dem Shtetl Neukölln Festival auf. Dort feiern wir die Vielfalt der jiddischen Kultur, Musik und Sprache, die zu dieser Stadt sowie der ganzen Welt gehört. Damals wie heute. Wir spielen regelmäßig Klezmer-Musik in den Kneipen Neuköllns. Wir sehen diesen Stadtteil als eine Art Shtetl, unser Zuhause an.

Im Publikum sind Israelis, Türken, Iren, Perser, Amerikaner, Franzosen, Letten, Schweden, Syrer, Russen, Deutsche - Leute aus aller Welt. Da sind auch Menschen dabei, dessen Politik ich überhaupt nicht teile.

Aber wir teilen diese Musik und diese Stadt. Das finde ich schön. Sowas ist sehr, sehr zerbrechlich. Gerade deswegen müssen wir es verteidigen.

Durch völkisches Denken lösen sich die menschlichen Werte auf

Wenn dieses Gut durch Vorurteile und Klischees gefährdet wird, fühle ich mich sehr viel mehr angegriffen, als wenn ein paar Idioten Israel-Fahnen anzünden.

Wenn alle Mitglieder einer ethnischen Gruppe über einen Kamm geschert werden, wie in der Debatte um die Fahnen-Verbrennung, ist das eine gefährliche Vereinfachung. Das ist rassistisch.

Mehr zum Thema:Was wir über Hass auf Juden unter jungen Muslimen wissen - und was wir dagegen tun können

Durch dieses völkische Denken lösen sich die menschlichen Werte auf.

Und dieses Denken ist jetzt wieder salonfähig und wird von Parteien wie der AfD propagiert. Ihre zynische “Israelfreuendschaft” lehne ich vehement ab. Ihre Politik und Ideologie ist durchaus antisemitisch.

Ich kann dafür keinen einzelnen Ursprung ausmachen.

Überall auf der Welt eine rassistische Denkweisen auf dem Vormarsch

Ich komme aus den USA. Dort ist ein rassistischer Präsident an der Macht.

Und so ist überall auf der Welt eine rassistische Denkweisen auf dem Vormarsch.

Weniger noch in Deutschland als in anderen Ländern Europas.

Und weniger noch Berlin als in anderen Bundesländern dieser schönen Republik. Gerade deswegen müssen wir uns mit aller Kraft gegen solches Denken stellen.

Das Gespräch wurde von Jürgen Klöckner aufgezeichnet.