POLITIK
20/04/2018 12:37 CEST | Aktualisiert 20/04/2018 13:10 CEST

Antisemitismus in Deutschland nimmt zu: Das müssen wir jetzt tun

Marina Chernivsky kämpft seit 15 Jahren gegen Antisemitismus. Mit HuffPost hat sie darüber gesprochen, was wir dagegen tun können.

  • Die Zahl der judenfeindlichen Vorfälle in Deutschland ist 2017 dramatisch gestiegen
  • Marina Chernivsky ist in der Antisemitismus Prävention tätig. Auf HuffPost fordert sie eine gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung für Judenhass 
  • Im Video oben: Antisemitismus ist in Deutschland nicht verschwunden – im Gegenteil

17. April 2018 im Berliner Hipsterviertel Prenzlauer Berg. Die Außentische der Cafés sind nicht besetzt, es hat geregnet. Nur wenige Menschen werden Zeuge, als ein junger arabischstämmiger Mann seinen Gürtel auszieht und auf einen Mann einprügelt, der eine Kippa trägt. “Jahudi” ruft er dabei immer wieder, das arabische Wort für Jude.

Es ist kein Einzelfall. Fast täglich werden Juden in Deutschland tätlich angegriffen, beleidigt, oder ihr Besitz beschädigt. Insgesamt 947 antisemitische Vorfälle vermeldet das Recherchezentrum RIAS für das Jahr 2017. Besonders besorgniserregend: Die Zahl der betroffenen Einzelpersonen ist im Vergleich zum Vorjahr um mehr als die Hälfte gestiegen.

Und dennoch: Das Bewusstsein für Antisemitismus ist in Deutschland nicht so ausgeprägt, wie es sein sollte, sagt Marina Chernivsky. Sie ist selbst Jüdin und leitet das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtstelle der Juden und will die Gesellschaft mehr für Antisemitismus sensibilisieren. Für die HuffPost erklärt sie, was wir dafür tun müssen.

Juden werden in Deutschland im besten Fall als etwas Exotisches wahrgenommen

“Auch wenn darüber nun doch öffentlich debattiert wird, sind nicht alle gleich bereit anzuerkennen, dass wir in Deutschland nach wie vor ein Problem mit Antisemitismus haben.

Deshalb ist es wichtig, dass verlässliche Statistiken wie die von RIAS nicht nur Vorfälle registrieren, bei denen Juden Opfer von tätlichen Angriffen werden, sondern auch niederschwelligere Mikroaggressionen, die alltagsrelevant sind und jüdische Menschen immer häufiger betreffen. Wir haben im Kompetenzzentrum eine Beratungsstelle eröffnet und beraten solche Vorfälle, insbesondere im Bereich Schule.

Wir sollten das Ausmaß des Antisemitismus nicht nur an Vorfällen messen. Voreingenommenheit, Abneigung, Distanz gegenüber Jüdinnen und Juden hat Kontinuität. Jüdische Lebenswelten sind in der Wahrnehmung von Vielen eben keine Selbstverständlichkeit und sind im Alltag unsichtbar.

Das zeigt sich in der Art und Weise, wie das Umfeld auf Menschen, die öffentlich als Juden erkennbar sind, reagiert:

► Wenn eine jüdische Familie mit Kippa durch die Straßen läuft, drehen sich Passanten nach ihnen um.

► Wenn jemand die “Jüdische Allgemeine” im Zug liest, zieht er zwangsläufig Blicke auf sich. Diese Erfahrung mache ich auch selbst.

Selbst wenn solchen Reaktionen keine schlechten Absichten zugrunde liegen, ist es doch erstaunlich, dass Juden hierzulande offenbar als etwas Fremdes und Exotisches wahrgenommen werden.

Pierre Kamin
Marina Chernivsky kämpft seit 15 Jahren gegen Antisemitismus

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Hierzulande bekomme ich inzwischen den Eindruck: Das Jüdische gehört für manche trotz oder gerade wegen des historischen Erbe nicht zu Deutschland.

Bei der Verortung einer Gruppe außerhalb des eigenen Kollektivs besteht die Gefahr, dass eine derartige Fremdmachung einer Minderheit irgendwann in Ablehnung übergeht. Oder zumindest in Gleichgültigkeit und Distanz.”

Der arabische Antisemitismus unterscheidet nicht zwischen Juden und Israelis

Besonders wenn die Täter Muslime waren, sorgten Übergriffe auf Juden in Deutschland zuletzt für ein großes Medienecho.

Immer dann, wenn der Konflikt im Nahen Osten hochkocht, mehren sich die Vorfälle, glaubt Islam-Experte Ahmed Mansour.

Das konnten wir zuletzt im Dezember beobachten, nachdem US-Präsident Donald Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hat. Daraufhin wurden in Berlin auf offener Straße israelische Flaggen verbrannt.

Der Antisemitismus, wie er in der arabischen Welt vorherrscht, beruhe fast ausschließlich auf “der Nahost-Politik, Verschwörungstheorien und religiösen Narrativen”, erklärt Mansour der HuffPost. Die Medien in vielen arabischen Ländern würden ein Schwarz-Weiß-Bild zeichnen: “Sie sehen die Araber in der Opferrolle und die Juden als Täter.” Einen Unterschied zwischen “Jude” und “Israeli” gebe es in diesem Weltbild nicht.

Ein Weltbild, das sich durch Zuwanderung auch in deutsche Klassenzimmer schleicht.

Mitte Dezember 2017, Berlin-Wedding. Ein 18-jähriger jüdischer Schüler wird von arabischstämmigen Mitschülern in der Mittagspause umringt und drangsaliert. “Wallah, Hitler war gut, denn er hat die Juden umgebracht!”, ruft ein Mädchen.

Judenhass betrifft die gesamte Gesellschaft

“Es ist nicht nur diese Sorge vor antisemitischer Diskriminierung, die viele Jüdinnen und Juden veranlasst, ihre jüdische Identität nicht offenzulegen. Es ist auch die gelebte Realität: Eltern raten ihren Kindern, sich in der Schule nicht als Juden zu erkennen zu geben, außer gegenüber Menschen, denen sie vertrauen.

Zu groß ist die Angst, dass Kinder angepöbelt oder gar angegriffen werden.

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► Dabei dürfen wir das Problem des Antisemitismus nicht ausschließlich auf Muslime zu beziehen

Es gibt in Deutschland eine wache muslimische Zivilgesellschaft, die Antisemitismus ablehnt. Diese Gemeinschaft müssen wir stärken und uns mit ihr verbünden.

Und doch gibt es in der muslimischen Community spezifische 
Artikulationsformen, die wir beachten müssen: Verschwörungstheorien, juden- und israelfeindliche Vorstellungen kursieren in den sozialen Medien, werden von Jugendlichen unreflektiert übernommen. Der Nahostkonflikt spielt sich quasi im Klassenzimmer ab.

► Ebensowenig ist Antisemitismus ein Phänomen, das nur vom sogenannten rechten Rand der Gesellschaft ausgeht.

► Auch nicht nur von Jugendlichen. Gerade in der Schule kommt es zu Vorfällen, die ganz breit streuen. Und nicht nur seitens der Schüler kommen, sondern auch von Lehrern. 

Der Antisemitismus ist nicht durch die Zuwanderung nach Deutschland “zurückgekehrt“. Vielmehr: Er war nie weg. Er war immer da.

Der Umgang mit solchen Situationen seitens der Schule kann und muss trainiert werden. Dort, wo der Hass noch nicht sehr gefestigt ist, können wir pädagogisch ansetzen und zu Haltungsänderung beitragen.

Bei Diskriminierung und Gewalt gilt es aber rechtzeitig zu reagieren, Grenzen zu setzen und Betroffene zu schützen. Kein Fall darf unwidersprochen, unbearbeitet bleiben.

Antisemitische Vorfälle, die durch die Medien gehen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Und sie zeichnen ein verzerrtes Bild: Der Antisemitismus ist nicht durch die Zuwanderung nach Deutschland “zurückgekehrt“. 

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Vielmehr: Er war nie weg. Er war immer da. Er ist ein Problem, das die gesamte Gesellschaft betrifft und nicht bloß einen Teil davon. Und er war lange Jahre kein Thema der öffentlichen wie auch fachlichen Debatte.”

Jeder Fünfte Deutsche vertritt judenfeindliche Thesen

Yorai Feinberg führt ein israelisches Restaurant in Berlin, das “Feinberg’s”, nicht weit vom KaDeWe. Es gibt sephardische Gerichte, viel Vegetarisches, auch Veganes.

Am 19. Dezember 2017 steht Feinberg vor seinem Lokal, als ein Passant beginnt, ihn zu beleidigen. “Diese Scheiße geht hier nicht”, sagt der Mann und zeigt auf den siebenarmigen Kerzenleuchter, die jüdische Menora, im Fenster des Restaurants. Warum? “Das ist nicht mein System. Du bist hier in meinem Land.”

Mehrere Minuten schimpft der Mann auf den Gastronom ein, ehe dieser einem vorbeifahrenden Polizeiauto winkt. Dieses fährt zunächst weiter.

“Da, niemand schützt euch. Ihr werdet alle in der Gaskammer landen. Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer, keiner will euch hier”, pöbelt der 60-jährige Mann, der wenig später von der Polizei in Gewahrsam genommen wird.

Der Vorfall zeigt: Antisemitismus ist ein systematisches Problem unserer Gesellschaft und zwar durch alle Schichten hinweg. Jeder Fünfte Deutsche vertritt antisemitische Thesen, wie jüngst ein vom Bundestag in Auftrag gegebener Bericht zum Thema zeigte.

Wir müssen lernen, über Antisemitismus zu sprechen 

“Trotzdem gibt es viele Leute, die die alltäglichen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden infrage stellen. Schließlich hat die nicht-jüdische Bevölkerung das Privileg, sich von antisemitischen Tendenzen zu distanzieren. Sie betreffen sie ja nicht persönlich.

Verwunderlich ist das nicht, denn es tut weh, über Antisemitismus zu sprechen – auch den Nicht-Juden.

In Deutschland ist das Verhältnis zum Antisemitismus besonders verkrampft, da es zwangsläufig mit Fragen von Schuld und Verantwortung verbunden ist. Immer wieder erlebe ich, dass die Debatte Abwehrreaktionen auslöst.

Aber es muss möglich sein, über gegenwärtigen Antisemitismus zu sprechen. Wir müssen es möglich machen.”

Der 18-jährige Schüler aus dem Wedding wendet sich nach dem Mobbing hilfesuchend an die Schulleitung. Daraufhin darf er sich in den Pausen in einem separaten Raum aufhalten und einen gesonderten Schuleingang benutzen.

Eine langfristige Problemlösung sieht anders aus.

Wir waren in Deutschland zulange untätig

“Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert mit solchen Situationen. Sie sind nicht ausreichend für den gegenwärtigen Umgang mit Antisemitismus vorbereitet.

Viele Jahre wurde der Antisemitismus überwiegend im Kontext der Geschichtsvermittlung thematisiert. Das historische Lernen war und ist wichtig und zentral, aber es reicht nicht aus um dem aktuellen Antisemitismus vorzubeugen.

Wenn du einen Menschen hasst, ohne zu wissen warum, und dann sagt dir jemand, dass du diesen Menschen nicht hassen darfst, einzig und allein, weil die anderen Menschen, die derselben Gruppe angehört haben verfolgt wurden – wie soll das funktionieren?

An uns wurden Fälle zugetragen, dass manche Schulen sowas wie Angst vor jüdischen Schülern entwickeln. Wenn sie sich nicht über die Situation beschweren würden, müssten sich die Schulen ja nicht damit herumschlagen.

Auf absurde Weise werden also die Juden dafür verantwortlich gemacht, dass wir immer noch ein Problem mit Antisemitismus haben.

Den Betroffenen wird dadurch signalisiert, dass ihre Wahrnehmung übertrieben ist. Eine empathische Anerkennung ihrer Erfahrungen, die Solidarisierung mit ihnen wäre daher eine der wichtigsten Voraussetzungen im Umgang mit Antisemitismus.

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Es ist auch wichtig, dass wir Kompetenzen in der Präventionsarbeit weiter ausbauen. Wir müssen Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Polizei, Justiz sowie andere Fachkräfte für die Funktion und Rolle von Antisemitismus sensibilisieren und sie darin unterstützen Antisemitismus zu erkennen und dagegen wirksam vorzugehen.

► Antisemitismusprävention ist ein junges Handlungsfeld. Erst seit Anfang 2000er werden entsprechende Projekte und Organisationen von der Politik gefördert.

Damit sich etwas ändern kann, braucht es eine Gesamtstrategie, ein Anerkennen und Begreifen des Antisemitismus in seinen aktuellen Formen und zwar auf allen Ebenen: von der Politik, in der Bildung und der Gesellschaft.”

(tb / lp)