POLITIK
07/09/2018 16:19 CEST | Aktualisiert 07/09/2018 16:19 CEST

CDU-Politikerin ätzt gegen den Islam – so reagieren Muslime in der Partei

”Solchen Unsinn habe ich noch von keinem in meiner Partei gehört.”

Pressefoto
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann unterstellt Muslimen Islamismus und will sie nicht in ihrer Partei haben. 

Die sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann hat in einem Interview geätzt, Muslime hätten in ihrer Partei nichts verloren.

Einen aufgeklärten Islam gebe es nicht, wer sich heute säkular gebe, sei morgen schon wieder streng gläubig. Bellmann stellte Muslime zudem als tendenziell islamistisch dar. 

Diese Äußerungen wollen sich einige CDU-Mitglieder nicht bieten lassen. Weder Muslime noch Nicht-Muslime.

Der hessische muslimische CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi sagte der HuffPost über Bellmanns Aussagen: ”Solchen Unsinn habe ich noch von keinem in meiner Partei gehört.”

Muslime in der CDU betonen Gemeinsamkeiten mit Christen

Die Kollegin möge doch einmal Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing lesen. “Darin wird gezeigt, wie ähnlich sich die abrahamitischen Religionen in ihren Werten sind”, sagte Tipi. 

Der Politiker sagte, er habe sich 1999 bewusst für die CDU entschieden, weil er deren christlich-humanitäres Menschenbild für richtig halte und er sich in der Partei mit seinen Werten am besten aufgehoben fühle – etwa, was die Familienpolitik angehe.

Auch CDU-Mitglied Cihan Sügür aus Frankfurt verwies im Gespräch mit der HuffPost darauf, dass sein Glaube kein Hindernis sei, sich in einer christlich ausgerichteten Partei zu engagieren.

Sügür sagte: “Die Ein und Einzigkeit Gottes, Gottesliebe und Nächstenliebe sind wesentliche Grundlagen, auf denen der Islam, das Christentum sowie das Judentum gemeinsam gründen. Realitäten lassen sich nicht auseinanderdividieren.”

Sügür war vor zwei Jahren einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden, weil er die Gruppe “Muslime in der Union” gegründet hatte.

Zu ihrer Gründung hatte er damals allerdings nur CDU-Mitglieder eingeladen, die damals nicht für die von der Türkei viel gegeißelte Armenien-Resolution des Bundestags gestimmt hatten – ein Schritt, der Sügür viel Kritik eingebracht hatte.

CDU steht ausdrücklich auch Muslimen offen 

Aus der CDU hört die HuffPost, dass Bellmann mit ihrer Haltung, die sie schon länger vertritt, nie besonders viel Zuspruch bekommen habe. Dass sie auch in ihrem Umfeld als Außenseiterin gelte. 

Mit ihrer Tirade hat sich Bellmann nach Ansicht vieler CDU-Mitglieder klar gegen die Statuten der Partei gestellt – vielleicht sogar gegen das Grundgesetz.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), hielt Bellmann am Freitag auf Twitter und in der “Bild”-Zeitung vor, ihre Aussagen entwerteten den Einsatz aller Muslime in der CDU und seien im übrigen auch nicht vereinbar mit dem CDU-Grundsatzprogramm.

Sügür sagte der HuffPost: “Lassen Sie es mich klarstellen: Die CDU verlangt zum Beitritt kein christliches Glaubensbekenntnis, sondern eins zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Damit ist die Diskussion beendet.”

Die religiöse Vielfalt in der Bundesrepublik Deutschland sei kein potemkinsches Dorf, sondern Realität.

Tipi sagte der HuffPost, “Muslime, die unserer Verfassung treu sind, und das sind die allermeisten, sind in der CDU willkommen. Natürlich muss man sich gegen Unterwanderung durch Salafisten schützen, aber das ist ein anderes Thema.”

Der Berliner CDU-Mann Lars Zimmermann twitterte, für Bellmanns Aussagen könne man sich “nur schämen”. 

Marco Wanderwitz, parlamentarischer Staatssekretär im Inneministerium und wie Bellmann aus Sachsen betonte, die CDU sei übrigens keine christliche, sondern eine christdemokratische Partei.

 

CDU-Ministern über Bellmanns: “Sollte sich entschuldigen”

Sügür argumentiert, Bellmann verwehre mit ihrer Argumentation nicht nur Muslimen den Platz in der CDU, sondern auch Juden.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karien Prien, Sprecherin des Jüdischen Forums der CDU, forderte eine sofortige Entschuldigung Bellmanns – oder sie solle ihr Mandat niederlegen.  

CDU-Landagsabgeordneter Tipi: “Unnötig wie ein Kropf” 

So weit würde Tipi nicht gehen.

“Wir leben in einem demokratischen Land, die CDU ist eine demokratische Partei. Natürlich kann Frau Bellmann da sagen und denken, was sie fühlt”, sagte er. “In Zeiten wie diesen sind solche Erklärungen unglücklich. Es ist unnötig wie ein Kropf.”

Sügür kritisiert, in Zeiten von Politikverdorssenheit könne man froh sein, dass sich Menschen überhaupt zu einer Partei bekennen: “Frau Bellmanns Vorstoß scheint unter dem Gesichtspunkt bedauerlicherweise nur von der Wand bis zur Tapete gedacht.”

Tipi sprach im Gespräch mit der HuffPost eine Einladung an Belllmann aus. “Ich lade Frau Bellmann gern zu einem Glas Wein oder einem Becher Kaffee ein. Dann erkläre ich ihr, welche Gefühle so ein Interview bei einem muslimischen Landtagsabgeordneten auslöst.”

(jg)