POLITIK
12/03/2018 17:32 CET | Aktualisiert 12/03/2018 18:13 CET

Anschläge auf Moscheen: Wieso wir auch Erdogan-Unterstützern zuhören müssen

Es wäre Zeit für ein klares Signal gegen den Türken-Hass.

dpa

Berlin-Reinickendorf: Es ist die Nacht auf Sonntag, etwa 2 Uhr, als Anwohner in der Pankower Allee ein Klirren hören. Kurz darauf steigen Rauchschwaden auf. 

In der Koca Sinan Moschee ist ein Feuer ausgebrochen. Bis 3:30 Uhr kämpfen Feuerwehrleute gegen die Flammen. Die Gebetsräume des Gotteshauses sind völlig zerstört, als die Rettungskräfte endlich Entwarnung geben können.

Zeugen wollen gesehen haben, wie drei Jugendliche die Scheiben der Moschee eingeworfen haben, die der türkischen Religionsbehörde Ditib untersteht.  Ermittler finden Molotowcocktails.

Es ist nur einer von mehreren Anschlägen, die deutschlandweit an diesem Wochenende auf muslimische und türkische Einrichtungen verübt wurden – und die in der türkische Community für Angst und Wut sorgen.

Wut auch auf die deutsche Politik, die ihnen auch dieser Tage vor allem mit Kritik an der Politik Ankaras auffällt - und nicht dadurch, dass sie die Anschläge auf Gebetshäuser und Gemeindezentren verurteilt.

“Ich kann mir das überhaupt nicht erklären, dass da absolut gar nix kommt. Das ist für eine demokratische Gesellschaft ein Unding“, sagt Fatih Zingal der HuffPost.

Zingal engagiert sich in der UETD, der europäischen Lobby-Organisation der türkischen Regierungspartei AKP. Er spricht von einer “großen Unruhe” in der türkischen Community.

Es ist eine Unruhe, die der Anfang einer schmerzlichen Entfremdung sein könnte, wenn die Bundesregierung nicht bald Haltung zeigt. So weh es tun mag, sich dieser Tage an die Seite des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu stellen.

Kurden-Gruppe bekennt sich zu anderem Anschlag

Auch in Lauffen nahe Heilbronn flogen am Freitag Brandsätze auf eine Moschee der konservativen islamischen Bewegung Millî Görüş. Dieses Mal gibt es ein Video, das die Tat zeigen soll. Der Imam befindet sich zum Zeitpunkt des Angriffs noch im Gebetshaus. Es ist ein Wunder, dass er nicht zu Schaden kommt, das Feuer sogar noch löschen kann.

Später heißt es: Die Täter handelten im Namen der kurdischen Terrororganisation PKK.

Im Internet taucht das mutmaßliche Bekennervideo der Angreifer auf. Sie erklären, die Tat sei eine Reaktion auf Angriffe der türkischen Armee und die “massenhafte Tötung von Zivilisten” in der nordsyrischen Stadt Afrin.

Meschede, Itzehoe, Ahlen: Auch hier kommt es zu Anschlägen. Zingal sagt: “Man stelle sich nur vor, dass irgendwelche radikalen Gruppen eine Kirche oder eine Synagoge angreifen würden. Dann gäbe es zurecht einen riesigen Aufschrei.”

Doch dieses Mal gibt es diesen Aufschrei nur von einer Seite: aus der Richtung der AKP-nahen Community. Der Community, für die auch Zingal spricht.

Der 38-jährige Anwalt aus Solingen ist eine kontroverse Figur. Viele Deutsche kennen ihn wohl vor allem aus den öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows. Dort ging er in den vergangenen Jahren ein und aus und verteidigte Erdogan – gegen jeden noch so harten Vorwurf.

ullstein bild via Getty Images
Zingal, Stellvertretender Vorsitzender der UETD.

Zingal leugnet demokratische Defizite in der Türkei. Um Erdogans Säuberungswillen nach dem Putschversuch zu rechtfertigen, sprach er vor laufenden Fernsehkameras gar einmal von “zionistischen Parallelstrukturen”  – und sah sich danach massiver Kritik ausgesetzt.

Doch – und das gilt es dieser Tage zu betonen: Zingal vertritt einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Türken in Deutschland. Die Deutschtürken, die mit der AKP-Regierung sympathisieren, die in Ditib-Moscheen gehen und die in Gülen-Anhängern und Unterstützern der syrisch-kurdischen Miliz YPG Terroristen sehen.

Und Zingal sagt: “Wir fühlen uns allein gelassen.”

Bundesregierung äußert sich zögerich

Tatsächlich häufen sich Anschläge auf türkische Einrichtungen. Nicht selten gingen sie in den vergangenen Wochen von kurdischen Aktivisten aus. Der Krieg in Syrien, wo türkische Einheiten an der Seite sunnitischer Rebellen gegen die YPG vorgehen, schürt auch in deutschen Städten Konflikte.

Die UETD hat zuletzt in einem rund 40-seitigen Dokument Anschläge seit Beginn der türkischen “Operation Olivenzweig“ in Syrien zusammengetragen. Über 40 Vorfälle – von Vandalismus bis Körperverletzung –  sind zusammen gekommen.

Die Lobbygruppe verschickte das Dokument auch an alle Bundestagsabgeordnete – doch die Resonanz blieb gering. Noch immer sind Anschläge auf Moscheen ein Randthema. Besonders wenn ihr Hintergrund dem Anschein nach nicht Islam– sondern Türkeifeindlichkeit ist. 

► Am Montag schaltete sich dann die Regierung in Ankara ein.

“Wir beobachten mit Sorge, dass Angriffe auf türkische Moscheen in Deutschland durch rassistische und anti-islamische Gruppen sowie die Terrororganisation PKK zuletzt zugenommen haben”, teilte das Außenministerium in Ankara mit. 

Axel Schmidt / Reuters
Verbrannte Bücher in der Berliner Moschee.

Wenige Stunden später kamen von der Bundesregierung vorsichtige Worte der Deeskalation. CSU-Chef Horst Seehofer erklärte bei einer Pressekonferenz, Anschläge auf Moscheen rigoros verfolgen zu wollen. Es gelte “in jeder Richtung null Toleranz gegenüber Straftaten und Gewalt”.

Ob das reicht?

“Unsere Moscheen brennen! Wie geht das weiter?”

Im Bundestag sind die Angriffe in dieser Woche kein Thema. Stattdessen auf der Tagesordnung: “Der Ein­marsch der Türkei in Nord­sy­rien”.

Die türkische Militäroffensive in Nordsyrien ist eine Debatte, die völlig zurecht geführt wird. Die geführt werden muss. Und doch macht sich unter vielen Deutschtürken das Gefühl breit: Hier läuft etwas gegen uns. 

In der Vergangenheit wurden ähnliche Vorfälle mit mehr Fingerspitzengefühl gehandhabt: Als in Berlin im Januar eine Israel-Flagge brannte, wurde Antisemitismus zum Thema der Stunde – und im Reichstag war man sich einig: Deutschland braucht einen Antisemitismus-Beauftragten.

Bei den Angriffen auf Türken überlässt die Politik das Thema anderen, die teilweise zu radikaleren Lösungen greifen.

Cem Özdemir bekommt Polizeischutz, weil er schief angeguckt wird und unsere Moscheen von dreieinhalb Millionen Türken in Deutschland brennen! Bilgili Üretmen

Bilgili Üretmen ist im Internet als glühender Erdogan-Jünger bekannt. Der Dortmunder postet regelmäßig Videobotschaften, in denen er gegen die deutsche Politik hetzt, Verschwörungstheorien vertritt, den türkisch-kurdischen Konflikt anstachelt.

Auch zu den Anschlägen am Wochenende meldete sich Üretmen zu Wort. Sein Video zeigt, welch gefährliche Deutungslücke die Bundespolitik mit ihrem Schweigen hinterlässt.

Für Üretmen ist die Sache klar: “Cem Özdemir bekommt Polizeischutz, weil er schief angeguckt wird und unsere Moscheen von dreieinhalb Millionen Türken in Deutschland brennen! Wie soll das denn weitergehen?”

Üretmen macht für die Anschläge “die Linken verantwortlich, die ständig auf unseren Ditib-Moscheen herumhacken”. Er poltert: “Ihr macht immer auf große Menschenrechte und hier darf man alles. Was denn? In keinem anderen Land werden so viele Moscheen angegriffen wie in Deutschland!”

“Man fühlt sich alleingelassen”

Dass das noch nicht die letzte Eskalationsstufe ist, musste der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow am eigenen Leib erfahren.

Der Linken-Politiker erhält nach eigenen Angaben Morddrohungen, nachdem er sich auf Twitter für die Kurden in Syrien eingesetzt hat. Die Drohungen reichten von Äußerungen wie “In den Särgen ist noch Platz” bis zu angedrohten Kopfschüssen, sagte Ramelow am Samstag der Deutschen Presse-Agentur.

Es ist eine Welle des Hasses, die auch der Anwalt aus Solingen  Fatih Zingal nicht gutheißt. Doch er glaubt: Durch eine rechtzeitige Positionierung der deutschen Politik hätte die Eskalation verhindert werden können.

Es gab überall in Deutschland Menschen, die haben sich einfach mit Lichtern und Taschenlampen vor die Moschee gestellt, um sie zu beschützen. Fatih Zingal

“Man fühlt sich tatsächlich alleingelassen”, sagt er der HuffPost. “Das wird nochmal dadurch bestätigt, dass viele Moscheen zur Mahnwache aufrufen. Es gab überall in Deutschland Menschen, die haben sich einfach mit Kerzen und Taschenlampen vor die Moschee gestellt, um sie zu beschützen.”

Das sei ein unfassbarer Zustand, sagt Zingal. “Sie wollen einfach nur beten und müssen nun selbst dafür sorgen, dass niemand ihr Gotteshaus abbrennt.”

“Nur eine Frage der Zeit, bis etwas passiert”

Tatsächlich trifft der UETD-Vize hier den Kern des Problems. 

Der Konflikt zwischen den Türken und Kurden in Syrien ist hochpolitisch. Ebenso das angespannte Verhältnis der Regierungen in Berlin und Ankara. Doch dieser Tage sind es Zivilisten, ganz normale Bürger in Deutschland, die Ziel von Angriffen werden.

Niemand muss mit den Zielen Erdogans übereinstimmen, um sich deutlich von jedem Angriff auf türkische Einrichtungen zu distanzieren, so regierungsnah sie seien mögen. 

Denn Zingal hat in einem Recht: Bis jetzt sei zwar noch niemand getötet oder verletzt worden. “Doch das ist nur eine Frage der Zeit, wenn das so weitergeht.” 

(ben)