POLITIK
07/05/2018 06:52 CEST | Aktualisiert 07/05/2018 15:41 CEST

"Anne Will": Unternehmer wettert gegen Karl Marx – Wagenknecht kontert

Gleich zu Beginn wurde es hitzig beim Marx-Talk bei "Anne Will".

  • Deutschland feiert den 200. Geburtstag des Philosophen Karl Marx – und streitet über sein Vermächtnis.
  • Ein Unternehmer geriet bei “Anne Will” gleich zu Beginn mit der Linke-Politikerin Wagenknecht aneinander.
  • Im Video oben seht ihr, wie Wagenknecht in der Sendung reagierte.

Auch nach 200 Jahren sorgt Karl Marx noch immer für hitzige Diskussionen.

Am Wochenende feierte die Stadt Trier den Geburtstag des deutschen Philosophen. Ein Denkmal, ein Geschenk aus China an die Geburtsstadt von Marx, löste dabei eine Kontroverse aus.

Und auch sonst wurde fröhlich gestritten in den vergangene Tagen: Politiker des linken Lagers lobten Marx’ Analyse des Kapitalismus, Konservative schimpften dagegen über ihn wegen der Verbrechen, die im Namen des Marxismus begangen wurden. 

Auch am Sonntagabend bei “Anne Will” in der ARD folgte die Diskussion diesem Muster. Hitzig wurde es dabei gleich zu Beginn.

Die Gäste bei “Anne Will”:

► Olaf Scholz, Bundesfinanzminister (SPD)

► Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

► Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag

► Georg Kofler, Unternehmer und Investor

Marx, der größte Flop der Geschichte?

“Hat Karl Marx wirklich ein neues Denkmal verdient?”, lautete die erste Frage von Moderatorin Anne Will an den Unternehmer Georg Kofler, bekannt aus der Sendung “Höhle der Löwen”.

Der aufgedrehte Südtiroler legte gleich mit einer fundamentalen Kritik an Marx und seinen Ideen los. “Natürlich nicht”, antwortete Kofler. “Seine Vorstellungen von einer Wirtschaftsordnung waren der größte Flop der Wirtschaftsweltgeschichte.”

Seine Ideen hätten stets zu totalitären Systemen geführt wie etwa in der Sowjetunion. Als zweiten größten Irrtum nannte Kofler gestenreich die Forderung Marx’ nach der Vergemeinschaftung der Produktionsmittel. “Er hat alle Länder, und zwar ausnahmslos, in den Ruin getrieben.”

Kolfers Ablehnung der marxistischen Ideen war damit klar.

Wagenknecht kontert mit einem Satz

Die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht konnte das so natürlich nicht stehen lassen. “Ich bin wirklich beeindruckt, wofür Marx alles verantwortlich sein soll.”

Sie fand: “Man muss Marx nach dem beurteilen, was er geschrieben hat.” 

Es sollte dieses eine Argument, zusammengefasst in einem, Satz sein, der den Kritikern von Marx’ Theorien in der Runde von “Anne Will” den Zahn zog – zunächst jedenfalls.

Wagenknecht fügte hinzu: Marx sei ein brillanter Analytiker des Kapitalismus gewesen.

Da musste selbst Unternehmer Kofler zugeben: Diesem Urteil stimme er auch zu. War er gerade eben noch mit seiner Fundamentalkritik vorangeprescht, nickte er jetzt bei fast jedem Satz von Wagenknecht zustimmend. 

Wagenknecht fand noch ein Beispiel, um die um Marx tobende Debatte zu beschreiben: “Wenn ich immer höre, dass Marx für das verantwortlich gemacht wird, was in seinem Namen geschehen ist, dann finde ich: Wenn das ein Grundprinzip wäre, dann dürfte heute in keiner Kirche mehr Jesus Christus hängen.

Sie legte dann noch nach: “Da wurden furchtbare Verbrechen begangen. Und trotzdem kann man doch nicht sagen: Der Inhalt der Bergpredigt ist die Aufforderung, unschuldige Frauen zu verbrennen.”

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Marx spricht über Marx

“Feiern sollten wir Marx nicht, gedenken aber schon”, stellte dann Kardinal Reinhard Marx klar. “Besser, man liest die Texte, als ihm ein Denkmal zu bauen.”

Der oberste Bischof Deutschland war nicht nur eingeladen worden, weil er ein Namensvetter des umstrittenen Philosophen war. Sondern weil er kürzlich in einem Interview auch von einer “Renaissance des Marxismus” gesprochen hatte.

Davon wollte er in der Sendung aber nichts mehr wissen. “Das will ich aber nicht”, rief er in die Runde. Was er eigentlich gemeint habe: “Wir brauchen eine Renaissance der sozialen Marktwirtschaft, die den Kapitalismus einhegt.”

Marx sei in der richtigen Spur gewesen mit seiner Analyse.“ Wenn man den Kapitalismus laufen lässt, setzt sich nicht unbedingt das Gute durch”, fasste der Vertreter der katholischen Kirche den für ihn wichtigen Gedanken bei Marx zusammen.

Was bedeutet Marx heute? 

Danach wurde die Debatte in der Sendung aktueller und es ging um die aktuellen wirtschaftlichen und sozialen Probleme auf der Welt und in Deutschland. Kardinal Marx prangerte die globale soziale Ungleichheit an.

“Wie können wir das Miteinander gestalten, dass alle eine Chance bekommen? Auch die, die nicht ganz so fit sind”, sagte Marx.

Unternehmer Kofler hatte zuvor über seinen eigenen Werdegang gesprochen und darüber, wie viele motivierte junge Menschen es gebe. Seine Devise lautete: Man müsse die Unternehmen einfach mal machen lassen.

Kardinal Marx konterte: “Toll wie Sie das schildern. Das freut uns doch, nur sind nicht alle Unternehmer so freundlich wie Sie.”

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Wagenknecht legt sich mit Scholz an – der nimmt ihr ein Versprechen ab

Blass blieb derweil in der Runde einer: Bundesfinanzminister Olaf Scholz. Er sprach von globalen Veränderungen und Trends, über die EU und darüber, dass er die Fragen von Will doch beantworten wolle, wenn sie ihn nur weiterreden lassen.

Konkreter wurde es dabei allerdings nicht. Vor allem Wagenknecht wies Scholz immer wieder zurecht. Wenn die Bundesregierung argumentiere, es gebe keinen Handlungsspielraum, sei das schlicht falsch, sagte sie.

Screenshot / ARD
Olaf Scholz blieb gelassen bei "Anne Will" – und blass.

“Was wir erlebt haben in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, war, dass der Kapitalismus gebändigt wurde”, sagte sie. Das sei auch ein Verdienst der Sozialdemokratie geworden. Nun aber sei die Sozialdemokratie schwach – und der Kapitalismus habe sich von den “Fesseln” mehr und mehr befreit.

“Es gibt immer noch Länder, die sind besser reguliert. Es gibt Länder, die haben ein besseres Schulsystem als Deutschland oder ein besseres Rentensystem”, sagte Wagenknecht, um darzulegen, wo aus ihrer Sicht in Deutschland nachgebessert werden müsste.

Scholz hörte sich die emotionale Forderung nach mehr “Regulierung”, wie Wagenknechte sagte, mit einem verschmitzten Grinsen auf dem Gesicht an. “Wenn wir die Finanzmärkte besser regulieren, werden Sie es dann über sich bringen, das zu loben?”, war alles, was er der Linke-Politikerin entgegnete.

Wagenknecht versprach, das zu tun. “Aber ich muss ehrlich sagen, die bisherige Bilanz der SPD im Finanzministerium ist keine Regulierung, sondern eine Deregulierung.” 

Das Grundversprechen der sozialen Marktwirtschaft, das jeder den Aufstieg schaffen könne, sei gebrochen worden. “Das ist das grundlegende Problem”, sagte Wagenknecht. Und darauf fand auch Olaf Scholz im Verlauf der Sendung keine Antwort mehr.

(ame)