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14/02/2018 11:17 CET | Aktualisiert 14/02/2018 11:17 CET

Eine Panikattacke hat mich meinen Traumjob gekostet – das ist gut so

Nicht ich war das Problem – es war mein Job.

max-kegfire via Getty Images
Ich habe mich noch nie so erleichtert gefühlt.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Girlboss.

Es war einmal vor langer Zeit, da bekam ich meinen Traumjob. Der glänzende, wichtigste Job, von dem ich geträumt hatte, seit ich mit dem Studium anfing. Auf den ich die ganzen Jahre hingearbeitet hatte.

Ich war begeistert, dass ich für eines der bedeutendsten Food-Webportale in Australien als Redakteurin arbeiten durfte.

Das war das erste Mal, seit meine Tochter auf der Welt war, dass ich wieder einen Vollzeit-Job annahm. Seit ihrer Geburt hatte ich halbtags gearbeitet und ein Buch geschrieben – wie schwer könnte es also sein, fünf Tage in der Woche zu arbeiten?

Auf dem Papier war mein Job perfekt

Mein Ehemann war ein treuer Partner – jemand der wusste, wie viel mir dieser Traum bedeutete und der mich immer so gut unterstützte, wie es für ihn möglich war. Ich hatte ein gesundes Kind. Es würde einige Anpassungen geben müssen, sicher, aber alles würde großartig werden.

Ich lag falsch. Wirklich, wirklich falsch.

Auf dem Papier war mein Job perfekt – aber wie ein Dating-Profil auf Tinder wirkte er zu gut, um wahr zu sein. Er zeigte seine Mängel schnell und schonungslos.

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Ich arbeitete für Demagogen, die inflexibel und fordernd waren, um es milde auszudrücken. Und der Wert wurde an deiner Arbeitszeit gemessen, nicht an der Qualität deiner Arbeit.

Ich war irgendwann nur noch total abwesend – gegenüber den Menschen in meinem Leben und mir selbst.

Im Lauf der Monate war ich mir nicht mehr sicher, für was ich mich überhaupt noch bemühen soll. Der Job saugte mich aus – wie ein Teenager, der den letzen Tropfen aus einem Tetrapack Wein quetscht.

Ich wurde abhängig von meinem Handy

Jeder Tag fühlte sich wie ein Marathon an, für den ich nicht trainiert hatte. Nachts wachte ich schwitzend auf, meine Gedanken drehten sich nur um die Aufgaben des nächsten Tages. Ich beantwortete E-Mails um 4 Uhr nachts.

Ich nahm Anrufe entgegen, während ich meine Tochter badete. Ich wurde komplett abhängig von meinem Handy – ich checkte Instagram und meinen Posteingang so oft, dass die Apps regelmäßig abstürzten.

Ich hetzte durch die Gute-Nacht-Geschichten meiner Tochter, damit ich wieder arbeiten konnte. Ich ging zu chicen Veranstaltungen für meinen Job, in Restaurants, in denen ein Abendessen üblicherweise 500 Dollar kostet – ich saß dort starr und leise, dachte nur: “Ich möchte nach Hause.”

In den ersten Monaten ließ mich mein Adrenalin noch weiter machen. Das ist, was du schon immer wolltest, sagte ich zu mir. Das ist der Job, für den du die ganzen Jahre gearbeitet hast.

Ich sagte mir selbst, dass ich diese Dinner und andere Vorteile genießen solle – dass ich mich geehrt fühlen sollte, dass ich anscheinend so wichtig bin, dass andere um 23 Uhr noch meine Meinung zu Dingen wissen müssen.

Aber kurz darauf ertrank ich in den Anforderungen. Alles was ich tat, hatte mit meinem Job zu tun.

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Irgendwann sagte ich zu meiner Mutter, dass ich gerne ihre Tante besuchen wolle, die ich schon so lange nicht mehr gesehen hatte.

Sie warf mir einen merkwürdigen Blick zu, den ich nich interpretieren konnte. “Lauren”, sagte sie langsam, “Deidre ist gestorben.”

“Was?”, sagte ich. “Wann?”

Ich hatte nichts davon mitbekommen. 

Mein Job war kein Job

Irgendwann versuchte ich meine Bedenken bei meinem Chef anzusprechen. Ich wollte weiter in meinem Job arbeiten, nur ohne diesen ganzen dazugehörigen Quatsch. Ich musste meine Tochter und meinen Mann sehen.

Ich musste an andere Dinge denken, außer Scheiße, habe ich XYZ schon gemacht? Ich muss XYZ wirklich machen. Verdammter Mist, ich muss alles andere stehen und liegen lassen um XYZ zu machen.

Nach dem sich mein Chef all das angehört hatte, sagte er mir mit ruhiger Stimme, dass mein Job kein Job war – er war ein “Lifestyle”.

Ich kündigte. Und mit der Ausnahme der letzen zehn Sekunden der Geburt meiner Tochter, habe ich mich noch nie so erleichtert gefühlt.

Aber genauso schnell wandelte sich die Erleichterung in ein Gefühl des Versagens. Das war doch mein Traumjob, oder? Sollte ich das nicht bewältigen können?

Sollte ich mich nicht reinhängen und einen Platz an diesem Tisch haben? Ich fühlte mich wie eine gescheiterte Feministin.

Ich konnte mich nicht bewegen

Einige Tage nach meiner Kündigung hatte mein Mann einen Motorradunfall. Es war schlimm – er verlor beinahe einen Fuß. Nachdem ich vom Krankenhaus nach Hause fuhr, hielt ich an, um einen Kaffee zu trinken.

Ich parkte vor dem Café, meine Tochter saß auf dem Rücksitz, als ein LKW rückwärts auf unser Auto zu fuhr. Der LKW hielt nicht an. Ich fühlte, wie mein Körper erstarrte.

Der Adrenalinausschuss ist eigentlich dafür da, um eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion auszulösen, aber ich tat weder noch. Ich konnte mich nicht bewegen. Meine Haut wurde kalt.

Ich weinte, wie ich noch nie geweint habe

Der LKW fuhr immer weiter rückwärts und traf unser Auto mit einem langsamen Knirschen. Endlich schrie ich. Stop! Stop! Aber es war vorbei. Der LKW war weit genug ausgefahren um aus seinem Parkplatz zu kommen und fuhr davon.

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Mein Körper zitterte. Ich weinte, wie ich noch nie geweint habe – große fette Tränen hinterließen nasse Flecken auf meiner Jeans.

Meine Tochter, nur zwei Jahre alt zu dieser Zeit, saß in ihrem Kindersitz und sagte immer und immer wieder: “Mami, es ist ok.”

Ich war eine tickende Zeitbome

Es hat einige Monate gedauert, bis ich realisierte, dass in diesem Moment eine Panikattacke hatte. Nicht, weil ich beinahe von einem LKW überfahren wurde, sondern weil ich eine tickende Zeitbombe voller Stress und Angst war.

Und es dauerte eine Weile herauszufinden, dass ich so war, weil der Job, den ich so verzweifelt wollte, so falsch für mich war.

Wie viele Frauen in meinem Alter, wurde mir in meiner Jugend erzählt, dass ich alles machen und sein kann, was auch immer ich will.

Ich machte all die “richtigen Dinge”. Ich lernte hart. Ich arbeitete hart in jedem Job, den ich jemals hatte. Ich folgte dem Ratschlag der Unternehmerin Sheryl Sandberg – wie man Fortschritte am Arbeitsplatz machen kann, den richtigen Partner wählt, einen Mann, der meine Träume unterstützt und mir hilft, sie zu erreichen. 

Uns wird erzählt, das wir alles sein und machen können

Und doch brauchte ich zu lange, um es zu erkennen – nicht ich war das Problem. Es war mein Job. Mein Job war nicht kompatibel mit den Qualitäten die ich wertschätze. Und ich weiß, ich bin nicht die Einzige.

Dieses ganze “Mompreneur”-Phänomen (Mutter und Entrepreneur; Anm. d. Red.) – Mütter die sich zu Hause selbstständig machen, damit sie ihre Vollzeit-Bezahlten Jobs kündigen können – wurde durch solche frustrierenden und schwierigen Situationen geboren.

Uns wird vielleicht erzählt, dass wir alles machen können, was wir wollen, aber solange unsere Arbeitgeber nicht nach den Regeln spielen, können wir es nicht. Nicht wirklich. Nicht mit Freude. Nicht mit dem Gefühl, dass wir in irgendetwas versagen.

Der Großteil unserer Gesellschaft versteht es immer noch nicht

Seit meiner Panikattacke habe ich Bücher geschrieben und als freischaffende Schriftstellerin gearbeitet. Ich habe ein zweites Kind bekommen.

Ich hoffe, eines Tages wieder in einen Bürojob zurückzukehren – wegen der Kameradschaft, der Keksdose, dem greifbaren Gefühl von Fortschritt.

Aber wenn ich das mache, dann weiß ich, wie die meisten Frauen, dass ich meinen nächsten Job und Vorgesetzten weise wählen muss.

Denn der Großteil unserer Gesellschaft versteht es immer noch nicht. Dass kein Job es wert ist, sich von sich selbst zu entfremden. Kein Job ist es wert, seine Identität zu verlieren. Nicht mal die mit 500 Dollar Dinners.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Girlboss und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(amr)