POLITIK
27/03/2018 18:14 CEST | Aktualisiert 27/03/2018 22:50 CEST

Forscher erklärt, wie die Angstmache der Boulevard-Blätter wirkt

"Die ‘Bild’-Titelzeile hat vier Wörter, nur ein einziges ist neutral – krasser geht es nicht."

Owen Humphreys - PA Images via Getty Images
Ein Zeitungsaufsteller in München
  • Deutschlands Boulevard-Zeitungen verbreiten nahezu täglich neue Horror-Meldungen
  • Ein Angstforscher hat der HuffPost die Wirkungsweise dieser Berichte erklärt – und schlägt eine Gegenmaßnahme vor

Chaoten, Banden und machtlose Polizei. Blickt man dieser Tage auf die Titelseiten deutscher Boulevard-Zeitungen, könnte einem Angst und Bange werden.

Das ist genau das, was die Verlage erreichen wollen, sagt der Angstforscher Klaus Bernhardt. “Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sich Menschen mehr von schlechten als von guten Nachrichten angezogen fühlen. Terror, Verbrechen und Gewalt bekommen einfach mehr Aufmerksamkeit”, betont Bernhardt im Gespräch mit der HuffPost. 

Doch warum ist das so? Und wie kommen Leser aus dieser Spirale wieder heraus?

“Islamismus-Alarm an Grundschulen”

Die HuffPost hat sich die Titelseiten von sechs deutschen Boulevard-Zeitungen  zwischen dem vergangenem und dem heutigen Dienstag angeschaut:

► “Abendzeitung” (München)

► “Berliner Kurier” (Berlin)

► “Bild” (bundesweit)

► “BZ” (Berlin)

► “Express” (Köln)

► “Hamburger Morgenpost” (Hamburg)

Screenshots / HuffPost
Die Titelseiten deutscher Boulevard-Blätter

Bei 20 der insgesamt 47 untersuchten Ausgaben (die “Abendzeitung” hat keine Sonntagsausgabe) fanden sich Geschichten über Terror, Verbrechen und Gewalt prominent auf dem Titelblatt.

► Auffällig: Der Kölner “Express” und die Münchner “Abendzeitung” haben in der Woche kein einziges Mal mit “Bad News” aufgemacht.

Zusammen erreichen die sechs Zeitungen täglich mehrere Millionen Menschen, die allermeisten davon lesen die “Bild”. Die wiederum berichtete sowohl am Montag als auch am Dienstag prominent über den “Islamismus-Alarm an Grundschulen”.

Bernhardt hat sich für die HuffPost die Titelseiten der Boulevard-Blätter angeschaut. Ihm zufolge seien Signalwörter genauso wichtig wie plakative Bilder.

“Allein das Wort ‘Alarm’ in einer Zeile mit ‘Grundschule’ soll Panik verbreiten”, sagt Bernhardt. Denn eine Schule gelte normalerweise als sicherer Ort, der Kinder schützt und erzieht – und wo sich Eltern keine Sorgen machen müssen.

Die ‘Bild’-Titelzeile besteht aus vier Wörtern. Nur ein einziges sei neutral: “an”. “Krasser geht es nicht, es schürt unglaubliche Angst”, bemerkt Bernhardt. Für die menschliche Psychologie spiele das eine entscheidende Rolle. Laut dem Experten reagieren Menschen im Allgemeinen mehr auf Verluste als auf Gewinne. 

Wenn es nun um den Verlust des eigenen Kindes geht, werden die Leute schnell aktiv. So fängt die ‘Bild’-Zeitung ihre Leser leicht ein.

► Was die ‘Bild’ nicht sagt: “Die Vorfälle betreffen bundesweit nur wenige Schulen. Das Blatt stilisiert die wenigen Einzelfälle zu einer Allgemeingültigkeit”, erläutert Bernhardt.

Bild
Die Titelseite der "Bild" am 27. März

Es ist ein ein typisches Vorgehen von Boulevard-Medien, wie auch die zum gleichen Verlag wie die “Bild” gehörende “BZ” zeigt.

Das Blatt schürte in den vergangenen drei Tagen Angst. Auf den Titeln: “Polizei machtlos gegen die Immer-wieder-Einbrecher” (25. März),  “Der Hass beginnt schon in der Kita” (26. März) und “Chaoten greifen unseren Strom an” (27. März).

BZ
Die Titelseite der "BZ" am 25. März

Auch der “Berliner Kurier” fiel im kurzen Beobachtungszeitraum mit panikmachenden Schlagzeilen auf. Dort hieß es unter anderem “Unsere Knäste: Hier brummt nur das Chaos” (20. März) und “Graffiti-Bande überfällt Fahrgäste” (21. März).

Berliner Kurier
Die Titelseite des "Berliner Kuriers" am 21. März

Der Einfluss der Medien 

 “Der Einfluss der Medien kann nicht unterschätzt werden. Denn die Dinge, mit denen wir uns täglich beschäftigen, prägen uns”, erklärt Bernhardt.

Laut dem Angsttherapeuten und Heilpraktiker für Psychotherapie filtert die selektive Wahrnehmung des Menschen das heraus, was bevorzugt wahrgenommen und verarbeitet wird.

► Das Problem: “Wer tagtäglich vor allem ‘Bad News’ konsumiert, setzt einen Filter – und nimmt automatisch mehr Bedrohungen und Gefahren wahr”, betont Bernhardt. Und das, obwohl diese in der Realität vielfach gar nicht zugenommen haben. “Wir haben noch nie in einer sicheren Zeit gelebt als jetzt.”

Kinder zu mündigen Bürgern erziehen

Doch was empfiehlt der Angstforscher?

Menschen sollten Medien wie Lebensmittel nutzen – wer nur fettiges, ungesundes Zeug isst, braucht sich nicht zu wundern, wenn einem unwohl und man unbeweglich ist”, sagt Bernhardt.

Ausgewogner Konsum und alles in Maßen ist das Erfolgsrezept des Experten – der bereits vor elf Jahren aufgehört hat, Nachrichten zu lesen oder zu schauen. Verpasst habe er trotzdem nichts.

Für ihn ist es wichtig, bereits Kinder zu mündigen und offenen Bürgern zu erziehen. Bernhardt fordert: “Gerade heute sollte bewusster und kritischer Medienkonsum Pflichtfach sein.”

► Immerhin: Einige Boulevard-Blätter versuchen auch mit guten Geschichten Leser zu gewinnen: Am Montag, als die “Bild” vor einem steigenden Islamismus in Grundschuluren warnte, titelte die Münchner “Abendzeitung”: “Tabu-Leiden: Verstopfung – Schwung für den trägen Darm”.

Das Beispiel zeigt: Ausgewogenheit tut sowohl dem Magen als auch dem Kopf gut.

(ll)