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12/02/2019 12:12 CET | Aktualisiert 12/02/2019 12:24 CET

Die Angst nach der Geburt meines Babys ließ mich bereuen, jemals Mutter geworden zu sein

Früher war ich glücklich gewesen. Was hatte ich getan? Wer war überhaupt auf die Idee gekommen, mich schwanger werden zu lassen?

Johanna Santana

Als mein Sohn am 18. Mai 2018 zur Welt kam, wurde ich von meinen Gefühlen überflutet. Ich weinte und die Krankenschwester weinte auch. Es war wunderschön. “Das ist es”, dachte ich mir. “Das ist das Gefühl, von dem alle mir erzählt haben.”

Meine Schwangerschaft war schwierig gewesen, da bei mir bereits von Anfang an Hyperemesis gravidarum diagnostiziert worden war. Bei dieser Erkrankung leidet man die ganze Schwangerschaft über an extremer Übelkeit und Erbrechen. Und deshalb empfand ich die Geburt als Erleichterung.

Nach der Entbindung wurde ich mit dem Rollstuhl ins Ruhezimmer gebracht. Ein Krankenhausmitarbeiter kam mit einer Checkliste zu mir. Er fragte mich, ob ich traurig war, ob ich mich wertlos fühlte und ob ich das Bedürfnis hatte, mich oder andere zu verletzen. Ich konnte all diese Fragen vehement verneinen. Denn ich war alles andere als traurig.

Ich war nicht – aber richtig glücklich war ich auch nicht 

Es gab in mir jedoch noch ein anderes Gefühl, das meine Freude trübte. Mir wurde bewusst, welche enorme Verantwortung ich nun trug und ich bemerkte, dass mir diese Tatsache Angst einjagte. Da war dieses kleine, hilflose Baby und sein Leben lag ganz allein in meinen Händen.

Ich konnte nicht aufhören, über Komplikationen wie den plötzlichen Kindstod oder andere Krankheiten nachzudenken. Außerdem zerbrach ich mir den Kopf darüber, dass das Immunsystem meines Babys noch nicht vollständig entwickelt war. Ich begann, zunehmend in Panik zu verfallen.

Eigentlich war ich immer schon ein positiver, fröhlicher und rationaler Mensch gewesen. Und obwohl ich gerne alles im Voraus plane und mir manchmal über Kleinigkeiten den Kopf zerbreche, hatte ich vor diesem Augenblick noch nie unter Ängsten gelitten.

Nichts konnte mir meine Angst nehmen 

Wir waren bereits um 5:00 Uhr morgens ins Krankenhaus gefahren, weil ich einen geplanten Kaiserschnitt bekommen sollte. Spätabends am selben Tag war ich jedoch noch immer hellwach. Die Krankenschwester sagte mir ein paar Mal, dass ich ein wenig Schlaf bräuchte.

Ich lächelte und nickte, doch ich ließ nicht zu, dass mir die Augen zufielen. Irgendwann kam sie noch einmal herein und fragte mich, warum ich denn nicht schlafen wolle. In diesem Moment brach ich zusammen. Schluchzend erklärte ich ihr, dass mein Baby sterben würde, wenn ich jetzt schlafen würde. Und dass ich das nicht zulassen würde.

Obwohl ich gerne alles im Voraus plane und mir manchmal über Kleinigkeiten den Kopf zerbreche, hatte ich vor diesem Augenblick noch nie unter Ängsten gelitten.

Nach unserer Entlassung blieb ich auch weiterhin jede Nacht wach. Ich war fest entschlossen, das Leben meines Babys zu schützen, indem ich es permanent beobachtete und sicherging, dass es regelmäßig atmete. Wir hatten auf mein Verlangen hin zwar auch einen elektronischen Monitor gekauft, um die Herzfrequenz unseres Sohnes überwachen zu können, doch das reichte mir nicht aus.

Wenn ich mitten in der Nacht aufstehen musste, um mein Baby zu füttern oder seine Windeln zu wechseln, erlitt ich bei jedem Schritt grauenhafte Schmerzen. Außerdem war ich von dem enormen Blutverlust noch sehr geschwächt. Ich weinte fast jede Nacht stundenlang durch.

Am liebsten hätte ich gar nicht mehr geschlafen 

Ich fühlte mich frustriert, einsam, hilflos und hoffnungslos. Ich wartete darauf, dass die Sonne endlich wieder aufgehen würde und mein Baby eine weitere Nacht überlebt hätte. Obwohl ich sehr viel Unterstützung von meinem Mann und meiner Schwiegermutter angeboten bekam, wollte ich diese nicht annehmen. Denn ich redete mir ein, dass keiner sich so gut um mein Baby kümmern konnte, wie ich selbst. Außerdem brauchte ich immer jemanden, der morgens hellwach war und meinen Sohn beobachten konnte, falls ich doch einschlafen sollte.

Sobald mein Mann morgens aufwachte, nahm er das Baby und ich gönnte mir ein paar Stunden Schlaf. Ich träumte dann jedoch oft davon, dass mein Baby starb, und wachte voller Panik auf. Am liebsten hätte ich überhaupt nicht mehr geschlafen.

Ich saß den ganzen Tag in einem Zimmer und versuchte, Milch abzupumpen und zu stillen. Bei jedem einzelnen Geräusch meines Sohnes brach ich weinend zusammen. Denn obwohl ich mich so sehr anstrengte, produzierte ich einfach zu wenig Milch. Ich war am Boden zerstört.

Mein Sohn machte alles richtig – doch mein Körper versagte 

Mein Sohn nahm beim Stillen genau die richtige Position ein. Er war von Geburt an groß und stark und machte alles richtig. Und dennoch wollte mein Körper nicht mitspielen und das tun, was eigentlich ganz natürlich gewesen wäre.

Still-Befürworter werden nicht müde zu betonen, dass Säuglingsnahrung nicht gerade das Beste sei. Ihrer Meinung nach ist es sogar nicht einmal das Zweit- oder Drittbeste. Und auch in Foren zum Thema Stillen wird man immer wieder in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass jede Mutter stillen kann. Denn eine Frau, die nicht stillt, sei einfach nur zu egoistisch und würde ihrem Kind auf jeden Fall schaden.

Keiner konnte verstehen, warum ich mir so viele Sorgen machte. Und ich konnte es auch niemandem erklären.

Ich machte mich auf die Suche nach Spendermilch. Doch da mein Sohn gesund war, wollte niemand ihn auf die Notfallliste setzen, damit er Milch erhalten konnte. Ich recherchierte im Internet und fand Warnungen, dass einige frühgeborene Babys an verunreinigter Säuglingsnahrung gestorben waren. Ich hatte sofort Panik, dass dies auch meinem Kind passieren könnte.

Ich hatte das Gefühl, ich würde mein Kind im Stich lassen 

Mein Sohn war jedoch kein Frühchen. Er war schon bei der Geburt sehr groß gewesen und außerdem erst in der 41. Woche zur Welt gekommen. Keiner konnte verstehen, warum ich mir so viele Sorgen machte. Und ich konnte es auch niemandem erklären.

Wenn mein Baby sein Fläschchen bekam, hörte ich seine Magengeräusche. Jeder einzelne Schluck von ihm war für mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich wandte mich an eine Stillberaterin, versuchte mich im sogenannten Powerpumpen, führte Wiegeproben durch und probierte sogar ein ergänzendes Stillprogramm aus. Doch nichts half.

Ich hatte das Gefühl, ich würde dieses unschuldige Kind, das ich gerade erst auf die Welt gebracht hatte, im Stich lassen. Tagsüber brach ich immer wieder ohne offensichtlichen Grund in Tränen aus. Doch innerlich konnte ich nicht aufhören, über all die Arten nachzudenken, auf die neugeborene Babys sterben konnten. Und ich warf mir selbst vor, dass ich eine grauenhafte Mutter war. Ich spürte keinerlei Freude und ich konnte auch keine Verbindung zu meinem Baby aufbauen.

Tagsüber brach ich immer wieder ohne offensichtlichen Grund in Tränen aus. Doch innerlich konnte ich nicht aufhören, mir vorzuwerfen, was für eine grauenhafte Mutter ich war.

Ich dachte darüber nach, wie anstrengend die Schwangerschaft für mich gewesen war, dass ich keine natürliche Geburt gehabt hatte und dass mein Körper jetzt nicht einmal in der Lage war, mein Kind zu ernähren. Ich redete mir immer stärker ein, dass ich einfach nicht dafür geschaffen war, eine Mutter zu sein.

Man sagt, dass der Mutterinstinkt einer Frau sofort eintritt, sobald das Baby auf der Welt ist. Und dass Mütter einfach nur immer ihrem Bauchgefühl folgen sollten. Mein Instinkt machte mir hingegen in aller Deutlichkeit klar, dass bei mir irgendetwas vollkommen schief lief.

Alles, was ich wahrnahm, war Schmerz und Angst 

Ich war mir sicher, dass jederzeit das Allerschlimmste passieren würde. Und ich war überzeugt davon, dass meine Ehe an diesem Schicksalsschlag zerbrechen würde und dass ich mich niemals wieder davon erholen würde.

Ich hatte das Gefühl, das Leben von all meinen Angehörigen zerstört zu haben. Außerdem malte ich mir aus, wie ich nach meiner Elternzeit wieder zurück in die Arbeit gehen würde, ohne die Zeit mit meinem Baby genossen zu haben. Und falls mein Sohn überhaupt so lange überleben würde, dann würde er mit Sicherheit sofort sterben, sobald ich ihn nicht mehr zuhause überwachen konnte.

In den sozialen Medien sah ich Posts von anderen frischgebackenen Müttern, die außer sich vor Freude waren. Doch ich konnte es nicht verstehen. Ich konnte nicht begreifen, warum ich nicht das Gleiche fühlte wie sie und warum sie sich nicht so viele Sorgen zu machen schienen wie ich. Ich erinnere mich, dass mein Mann permanent um unser Baby herumscharwenzelte und immer wieder erklärte, wie verliebt er war. Er fragte mich oft, ob ich glücklich war. Ich wusste nicht, was ich ihm darauf antworten sollte.

Denn alles, was ich wahrnahm, war dieses permanente Gefühl von Schmerz und Niedergeschlagenheit in meinem Herzen und in meiner Brust. Außerdem war ich frustriert darüber, dass mein Mann einfach nicht begreifen wollte, dass jeder Atemzug unseres Babys sein letzter sein konnte.

Ich schämte mich, wollte schreien und weinen 

Irgendwann gestand mein Mann mir, dass er sich Sorgen um mich machte. Und meine Schwester riet mir, mit irgendjemandem über meine Gefühle zu sprechen. Bei der Kontrolluntersuchung sechs Wochen nach der Geburt fragte der Arzt mich, was mich denn an meinem neuen Leben als Mutter am meisten überrascht hätte.

Ich sah auf den Boden und schämte mich dafür, dass ich keine bessere Antwort parat hatte. “Die grauenhafte Angst. Das hatte ich nicht erwartet”, sagte ich leise. Er lächelte und erklärte mir, dass diese Angst normal sei. Doch ich fühlte mich überhaupt nicht normal.

Ich wollte schreien und weinen und ihn anflehen, mir zu helfen. Ich wollte ihm sagen, dass ich einfach keine Mutter sein konnte. Ich wollte ihm erzählen, dass mein Baby sterben würde.

Stattdessen erwiderte ich sein Lächeln und redete mir ein, dass meine Gefühle vielleicht doch ganz normal waren. Dass andere Frauen mir vielleicht einfach nur noch nie davon erzählt hatten. Und dass ich diesen Schmerz, der so schwer auf meiner Brust lag und mir den Atem raubte, vielleicht für den Rest meines Lebens mit mir herumtragen müsste. Ich erinnere mich, dass ich mir damals dachte, dass ich so auf keinen Fall für immer weiterleben konnte.

Ich bereute es, Mutter geworden zu sein. Es war zu schwer und mein Herz schmerzte zu stark. Früher war ich glücklich gewesen. Was hatte ich getan?

Ich musste mir von anderen immer wieder anhören, dass ich die Neugeborenen-Phase meines Sohnes verpassen würde. Doch ich hörte trotzdem nicht auf, dafür zu beten, dass er schnell größer werden würde. Ich wollte, dass er endlich kein zerbrechlicher Neugeborener mehr war! 

Ich zählte die Tage, bis er seine ersten Impfungen bekommen konnte, um wenigstens auf irgendeine Weise geschützt zu sein. Als dieser Tag dann jedoch kam, brach ich in Tränen aus und fragte mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich erinnerte mich an all die Warnungen, die ich in den sozialen Medien gesehen hatte.

Hatte ich die Beipackzettel zu den Impfungen nicht gründlich genug gelesen? Was, wenn ich gerade dabei war, mein eigenes Baby zu vergiften? Ich begann, meinen Sohn beim Schlafen mit dem Handy aufzunehmen, damit die Ärzte seine Atemzüge auf mögliche negative Reaktionen untersuchen konnten.

Ich bereute es, jemals Mutter geworden zu sein 

Meine Freunde fragten mich, ob mir denn inzwischen klar geworden sei, wie sehr es sich gelohnt hatte, dass ich meine anstrengende Schwangerschaft durchgestanden hatte. An diesem Punkt rastete ich komplett aus.

Ich fuhr meine Mutter an, weil sie bei einem ihrer Besuche gehustet hatte. Und ich bereute es, Mutter geworden zu sein. Es war zu schwer und mein Herz schmerzte zu stark. Früher war ich glücklich gewesen. Was hatte ich getan? Warum versetzte ich mich selbst und meine Familie in so große Angst? Wer war überhaupt auf die Idee gekommen, mich schwanger werden zu lassen?

Ich hatte keine Übung, keine Erfahrung und kein echtes Wissen. Warum hatte man mich überhaupt mit einem Baby aus dem Krankenhaus entlassen? Das war doch total gefährlich! Wussten die nicht, dass dieses Baby in meinen Händen und unter meiner Aufsicht sterben würde? All diese Gedanken schwirrten mir permanent im Kopf herum.

Heute weiß ich, wie irrational meine Angst war 

Rückblickend weiß ich jetzt, dass ich damals unter extremen Ängsten gelitten habe. Diese Ängste waren zwar größtenteils irrational, doch für mich fühlten sie sich dennoch sehr real an. Mein Sohn ist inzwischen 8 Monate alt und ein wahnsinnig glückliches Kind. Ich staune immer wieder, wie mein Körper ein so großes, gesundes und hübsches Kind erzeugen konnte.

Ich weiß nicht mehr genau, wann alles besser wurde. Doch zum Glück tat es das irgendwann. Denn wenn es mir nicht irgendwann besser gegangen wäre, hätte ich mir Hilfe gesucht. Wenn nötig, hätte ich eine Therapie gemacht und Medikamente eingenommen. Ich kämpfe noch immer gegen den Drang an, mein Kind übermäßig behüten zu wollen. Hin und wieder bekomme ich noch immer Panikattacken und reagiere über. Doch ich arbeite jeden Tag daran.

Eines Morgens wachte mein Mann auf und sah, dass ich mit unserem Sohn kuschelte und redete. “Dir geht es besser. Und es fühlt sich jetzt auch anders mit ihm an, nicht wahr?”, fragte er mich. Er sah unglaublich erleichtert aus. Ich hatte die ganze Zeit über geglaubt, dass nur ich allein gelitten hatte. Doch in Wahrheit hatten meine Ängste Auswirkungen auf uns alle gehabt.

Dieser Gastbeitrag erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(glm)