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09/11/2018 12:02 CET | Aktualisiert 09/11/2018 12:02 CET

Angler, macht Politik!

Interview mit Thomas Finkbeiner über Macht, Netzwerke und Nachhaltigkeit

Thomas Finkbeiner war bereits Mitte der 1980er-Jahre als freier Autor bei Angelzeitschriften tätig und veröffentlichte Bücher und Sonderhefte rund um die Themen Angeln und Angler. Über 17 Jahre war er freier Chefredakteur bei Anglerboard.de, seit 15. Mai 2018 ist er Herausgeber und Chefredakteur von Netzwerk Angeln, das relevante Presseorgan für Angler, Angeln und Anglerschutz. Viele „Netzwerker“ unterschiedlichster Art und Hintergrundes arbeiten hier mit ihrer jeweiligen Expertise mit. Ziel ist es, Angler und Angeln in Gesellschaft, Politik und Medien so positiv darzustellen, dass Hobby und Nachhaltigkeitsaspekte gebührend gewürdigt werden.

Thomas Finkbeiner

Foto und Copyright: Thomas Finkbeiner Netzwerk Angeln

Herr Finkbeiner, wie wirkt das Netzwerk Angeln im Bundestag und in der Koalition?

„Wirken“ ist ein großes Wort. Und der Bundestag ist nur eine Baustelle von vielen, an denen man immer wieder präsent sein muss und versuchen kann, wenigstens etwas einzuwirken. Hier werden die Angler und das Angeln betreffenden Bundesgesetze behandelt, wie zum Beispiel Naturschutzgesetz und Tierschutzgesetz. Die Vorgaben der EU, welche in nationales Recht umgesetzt werden müssen (vom Bund oft weiter delegiert an die Länder), sind ebenfalls Thema in der Koalition wie Parlament. Relevant für Angler in Bundestag wie Koalition sind zum Beispiel Problematiken wie das Rückwurfverbot untermaßiger Fische bestimmter Arten in den Meeren der EU auch für Angler. Dies gilt laut EU unmittelbar und direkt als Verordnung auch für die Angler in Deutschland (Artikel 15 der EU-Verordnung 1380/2013). Trotz klarer Aussage der zuständigen EU-Behörde beharrt hier das Bundeslandwirtschaftsministerium dennoch darauf, dass diese Verordnung nicht für Angler gelten soll. Nach Aussage des Ministeriums Netzwerk Angeln gegenüber will man aber seitens des Ministeriums nicht aktiv werden, sondern beharrt einfach, scheinbar tatenlos, auf seinem Standpunkt. Das Ministerium könnte eine mögliche Ausnahmegenehmigung für Angler erreichen, da entsprechende wissenschaftliche Studien zum Dorsch vorliegen. Anscheinend riskiert aber das Ministerium eher durch Untätigkeit ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland vor dem europäischen Gerichtshof. Nur um nicht der EU recht geben müssen bzw. um selber „recht haben“ zu können. Denn mit Beantragen der Ausnahmegenehmigung würde das Ministerium zugeben, dass die Verordnung auch für Angler gilt.

Was kann das Netzwerk Angeln diesbezüglich konkret tun?

Wir machen Politiker aller Parteien - von Opposition wie Regierung - auf die Problematik rund um das Rückwurfverbot aufmerksam. Jan Korte, parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion der LINKEN im Bundestag, stellte nach unserer Initiative konkrete Fragen an die Bundesregierung. Netzwerk Angeln hat auch die fischereipolitischen Sprecher der Regierungsfraktionen angeschrieben und zur Sache befragt. Sowohl Dr. Michael von Abercron für die Unionsfraktion wie auch Johann Saathoff von der SPD reagierten umgehend darauf. Herr Saathoff sprach das Thema sogar im Bundestag an. Beide Mitglieder der Regierungsfraktionen sprachen sich Netzwerk Angeln gegenüber klar dafür aus, dass dieses Rückwurfverbot nicht für Angler gelten soll(te). So hat Netzwerk Angeln dieses Thema durch konsequentes Nachhaken und Fragen aus der behördeninternen Bürokratie von EU und Bundeslandwirtschaftsministerium wieder zurück ins Parlament, also von der ausführenden Ebene zurück auf die politische Bühne geholt. Hier finden sich weitere Informationen, wie Koalitionsfraktionen das Rückwurfverbot für untermaßige Meeresfische in der EU verhindern wollen.

Netzwerk Angeln kann also als Presseorgan nie direkt auf Bundestag oder Koalition wirken, sondern immer nur durch das Öffentlichmachen von Fakten, Aufwerfen von Fragen und ständigem Nachhaken bei Parteien und Politikern.

Wie stellt das Netzwerk Angeln die Komplexität und Vielfalt des Angelns mit seinen positiven kulturellen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Wirkungen für die Gesellschaft öffentlich dar?

Netzwerk Angeln nutzt alle Möglichkeiten, um Angler wie auch Entscheider in Gesellschaft, Politik und in Medien mit Fakten, Informationen und Emotionen zu erreichen. Sowohl über die Website, wie auch über die Facebook-Seite und -gruppe oder über den Youtube-Kanal. Netzwerk Angeln hat über langjährige redaktionelle Arbeit und die vielen aktiven Netzwerker auch viele persönliche Kontakte in Politik, Gesellschaft und Medien. Diese nutzen wir aktiv, um Themen zu setzen oder auf Themen aufmerksam zu machen.

Netzwerk Angeln reagiert auch öffentlich auf aktuelle, mediale Berichterstattung rund um Angler und Angeln. Vor allem dann, wenn diese einseitig und tendenziös gegen Angler gerichtet ist. Dem setzt Netzwerk Angeln dann Fakten und breite Informationen und Hintergründe zur Herstellung einer nachhaltigen Meinungsvielfalt entgegen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Verwiesen sei an den „Offenen Brief“ von Netzwerk Angeln an den SWR für einen Bericht in der Landesschau Baden-Württemberg zum Thema „Angler-Jäger: Kontrolle von Poser-Anglern“ Netzwerk Angeln kritisiert aber nicht nur. Stimmige oder positive Darstellung des Angelns oder den Einsatz von Politik für Angler und Angeln werden ausführlich gelobt. Wie hier beim DAFV, wenn dieser Verband einmal pro Angler veröffentlicht und agiert: Ein Lob an den DAFV - DAFV bezieht Stellung gegen PETA!

Wie bereits erwähnt ist Netzwerk Angeln auch im ständigen Kontakt mit Politik und Politikern aller Parteien. Sowohl auf Landesebene wie im Bundestag und auf europäischer Ebene. Bei Ministerien und Behörden fragen wir nach, wenn aktuelle Entscheidungen anstehen oder um bestehende, nicht anglerfreundliche Punkte zu hinterfragen.

Auch dazu ein aktuelles Beispiel: Baglimit Dorsch 2019 – Ministerium will für Erhöhung kämpfenl Das Zurücksetzen fangfähiger Fische als nachhaltige Bestandsmanagementmaßnahme ist auch ein Thema, bei dem wir einen Kontrapunkt setzen. Zur in weiten Teilen herrschenden Ansicht, man müsse beim Angeln aus Tierschutzgründen jeden nicht geschonten Fisch auch entnehmen und essen. Dazu nutzt Netzwerk Angeln Hintergrundinformationen in Artikeln (juristische Problemstellung Catch and Release, Zurücksetzen entnahmefähiger Fische.

Über persönliche Gespräche und Schreiben an Fachpolitiker oder Fraktionen versuchen wir dann den Gedanken ins Spiel zu bringen, dass man wie in der Schweiz seinen angelnden Bürgern auch in Deutschland zuerst vertrauen sollte, um sie nicht zu kriminalisieren.

Dazu ein Beispiel aus der „Praxis“…

Das Land Bayern verlangt von Anglern im Namen einer vom Staat so verstandenen „Hege“, jeden nicht explizit geschonten Fisch zu töten (AVBayFiG, §11 (8), unabhängig davon, ob der Fisch danach vom Angler gegessen wird oder nicht). Im Saarland gibt es ein explizites „Catch and Release-Verbot“ auf Grund überzogener Tierschutzerwägungen. Dabei wird das Zurücksetzen fangfähiger Fische als Instrument nachhaltiger Gewässerbewirtschaftung in fast allen Ländern weltweit gefördert, gefordert und teilweise auch vorgeschrieben.

In der Schweiz ist z. B. zwar das Gebot, jeden entnehmbaren Fisch zu töten, unverständlicherweise sogar im Tierschutzgesetz verankert. Die Schweizer Bundesregierung hat hier aber im Sinne der angelnden Bürger sowie eines nachhaltigen Gewässermanagements gehandelt.

Das Zurücksetzen von Fischen, die man mitnehmen könnte, dient nach Ansicht der Schweiz nämlich durchaus auch dem Naturschutz. Daher hat die Schweizer Bundesregierung die Kantone angewiesen, im Sinne des Naturschutzes die Vorgabe aus dem Tieschutzgesetz so zu gestalten, dass Angler nicht einzeln verfolgt werden für das Zurücksetzen entnahmefähiger Fische. Statt dessen sollen die Kantone das Tierschutzziel insgesamt im Auge halten und nur Strukturen verhindern, die tierschutzwidriges Zurücksetzen fördern würden – aber nicht den einzelnen Angler „jagen“.

Inwiefern können deutsche Länder wie der Bund viel davon lernen?

Die Schweiz vertraut ihren angelnden Bürgern. Hier ein Zitat aus „Vollzugshilfe Angelfischerei: Freilassen von Fischen - In Ausübung der Aufsichtsfunktion des BAFU (Art. 21 Abs. 2 BGF) und der Regelungskompetenz des BVET im Bereich des Tierschutzes (Art. 12 OV-EDI; TSchG; TschV)“:

„Es wird davon ausgegangen, dass Angelfischer/-innen bei der Beurteilung und Handhabung der Fische in guter Absicht handeln und sie ihrer Eigenverantwortung in Bezug auf einen respektvollen Umgang mit den Fischen nachkommen.“ Nur durch Vertrauen auf die Bürger kann nachhaltiges Verhalten auch gefördert werden! Recht haben die Schweizer – und die Behörden und Regierungen in Deutschland, die ihren angelnden Bürgern so sehr misstrauen, können da noch viel lernen.

Misstrauen des Staates gegen angelnde Bürger und daraus folgend immer neue, oft nicht mehr für Nichtjuristen nicht mehr verstehbare Regeln und Regularien fördern nur neue „Taten“ (die es ohne diese neuen, auf staatlichem Misstrauen basierenden Regeln ja gar nicht geben würde). Immer neue Regeln und Gesetze produzieren auch immer neue Übertretungen, die dann wiederum neue Regeln und Gesetze hervorbringen – ein Kreislauf des Misstrauens gegen Bürger und damit ein Versagen des Staates in nachhaltiger und sinnvoller Gesetzgebung. Es gibt also sehr vieles in sehr vielen und sehr unterschiedlichen Bereichen zu tun und öffentlich darzustellen, was ohne Netzwerk Angeln so sonst nie an die Öffentlichkeit kommen würde. Daher sind wir bei Netzwerk Angeln froh, auf einen so breiten Pool an Unterstützern und Mitmachern zurückgreifen zu können, um kompetent zu all diesen Punkten veröffentlichen zu können. Gerne stellen wir deshalb dazu die jeweils persönliche Motivation einiger aktiver Netzwerker vor. Denn ohne diese so unterschiedlichen Motive, Kenntnisse und Bereiche der Netzwerker könnte Netzwerk Angeln die Komplexität und Vielfalt des Angelns mit seinen positiven kulturellen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Wirkungen für die Gesellschaft gar nicht darstellen. Und damit dann auch nicht öffentlich wirken. Unser größter Dank geht daher neben den interessierten Menschen, den anglerfreundlichen Politikern und unseren vielen Unterstützern vor allem an die aktiven Netzwerker.

Thomas Finkbeiner

Foto und Copyright: Thomas Finkbeiner Netzwerk Angeln