POLITIK
23/06/2018 12:11 CEST | Aktualisiert 23/06/2018 23:00 CEST

Türkei-Wahl: "Angela Merkel würde hier nie eine Wahl gewinnen"

Ein junger türkischer Politologe erklärt vor der Wahl, was die Deutschen dringend über die Politik in seinem Land verstehen müssen.

POOL New / Reuters
Recep Tayyip Erdogan und Angela Merkel: Verschiedener könnten zwei Politiker kaum sein.

Karaköy: Die europäische Seite von Istanbul. Wir sitzen mit Edgar Sar in einer Bar, der 27-Jährige bestellt eine Runde Bier und lächelt.

Sar arbeitet als Reporter für ein alternatives Nachrichtenmagazin. Erst vor wenigen Stunden ist er aus Ankara gekommen – von einer Wahlkampfveranstaltung des CHP-Spitzenkandidaten Muharrem Ince.

Es wird gerade dunkel. In Karaköy bedeutet das: Das Leben beginnt.

“Manche glauben, Inces Polemik ist ein Fehler“, sagt Sar und lehnt sich zurück.

Er ist kein Freund des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, beileibe nicht. Aber der junge Türke ist ein Analytiker. Als Politologe auf dem Weg zum Doktortitel hat in er der Folge der Entlassungswelle des Präsidenten seinen Job an einer Istanbuler Universität verloren.

Verbittert scheint er nicht, aber skeptisch.

“Wenn Ince bei seinen Auftritten Witze über Erdogan macht, befürchten einige, dass auch Erdogans Wähler sich angegriffen fühlen.“

Und Witze über Erdogan machen, das kann der Spitzenkandidat gut.

Ince spielt ein riskantes Spiel

“Er sitzt in seinem Palast und trinkt teuren weißen Tee“, spottet Ince dann.

Oder antwortet Erdogan, der sich über seine veröffentlichten Liebesgedichte lustig gemacht hat: “Was soll ich machen, wenn er noch nie in seinem Leben verliebt war?“

Das Problem: Ince muss auch Wähler der türkischen AKP, der Erdogan-Partei, überzeugen. Sonst hat er bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag wohl keine Chance.

Es ist ein riskantes Spiel. Aber eines, das zumindest bisher aufzugehen scheint.

In Umfragen liegt die absolute Mehrheit für Erdogan im Rahmen der Fehlertoleranz. Bleibt er unter 50 Prozent, gibt es eine Stichwahl – voraussichtlich gegen Ince.

Der kann dann auf einmal auf eine Verdopplung seiner Unterstützer hoffen: Denn wer nicht für Erdogan ist, ist in der Regel gegen Erdogan.

Auch für eine mögliche Stichwahl der beiden gibt es so bereits Umfragen: Sie prophezeien ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen. Für die CHP, Inces Partei, ist das ein lange unmöglich geglaubter Erfolg.

Vom Gentleman zum Populisten

Für Jahre war die Partei fest in der Hand von Chef Kemal Kilicdaroglu. “Er ist ein echter Gentleman. In anderen Zeiten, oder einem anderen Land könnte er wirklich Erfolg haben“, sagt Sar.

Privat
Edgar Sar in einem Café in Karaköy.

Nicht in der Türkei. Kilicdaroglu schaffte es in den vergangenen Jahren nicht, Erdogan gefährlich zu werden. Unter Oppositionellen wuchs der Missmut über den oft wenig angriffslustig wirkenden Politiker.

“Man muss verstehen: Auch eine Angela Merkel könnte in der Türkei nie eine Wahl gewinnen“, sagt Sar.

Wer den türkischen Wahlkampf etwas genauer verfolgt, versteht, was der junge Türke meint.

Denn nicht nur Erdogan hat die Kunst des Populismus perfektioniert. Auch andere Politiker inszenieren sich hier mit einfachen Botschaften, starken Bildern und dem Charme von Schulhofschlägern.

“Einer wie Schröder”

Ein Kandidat der Saadet-Partei ließ sich zuletzt dabei fotografieren, wie er im Anzug ins Meer stieg, offenbar um mehrere Schwimmer von der Stimmabgabe für seine Partei zu überzeugen.

Die Iyi-Partei-Spitzenkandidatin Meral Aksener überschlägt sich wöchentlich mit neuen Anschuldigungen, wie Erdogan die Wahlen zu manipulieren versuche.

Und Ince drohte zuletzt sogar dem Chef des türkischen Wahlkomitees: “Wenn du deinen Job nicht richtig machst, hänge ich überall in der Türkei dein Foto auf.“

Inces Stimmlage, sein Duktus: Sie erinnern dabei an Erdogan.

Und Kenan Kolat, Deutschland-Chef der CHP, sagt im Gespräch mit der HuffPost gar: “Ince ist nah am Volk verankert, wie Erdogan, als er angefangen hat. (...) Er erinnert mich an Gerhard Schröder, wie er am Zaun des Kanzleramtes gerüttelt hat, weil er es unbedingt wollte.“

Da ist er wieder, der Vergleich mit der deutschen Politik.

Schröder war es, der die 16-jährige Amtszeit von Helmut Kohl im Jahre 1998 beendete. Seit 16 Jahren ist auch Erdogan nun an der Spitze des türkischen Staates.

“Wenn es zur Stichwahl kommt, ist alles möglich“, sagt Sar und lächelt wieder. Eine Niederlage von Erdogan? “Das wäre geschriebene Geschichte.“

Mehr zum Thema: Erdogan hat fatale Fehler gemacht – sie könnten sein Ende bedeuten

Getty / Reuters

HuffPost-Redakteur Lennart Pfahler berichtet zur Türkei-Wahl eine Woche lang aus Istanbul. Darüber, wie Erdogan die Türkei bereits verändert hat, wie sich vor allem junge Menschen gegen den Präsidenten auflehnen – und natürlich darüber, wie die Wahlen am Sonntag ausgehen.

(jg)