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02/10/2018 13:07 CEST | Aktualisiert 02/10/2018 13:07 CEST

Penis-Bilder und Übergriffe: "Was meine 13-Jährige erlebt, macht mir Angst"

"Als ich sie fragte, ob die Penisse auf den Fotos hart seien, fragte sie: 'Was bedeutet das?'"

KATJA KIRCHER VIA GETTY IMAGES
"Binnen zweieinhalb Jahren, zwischen der sechsten Klasse und der Mitte der achten Klasse, bekam meine Tochter 30 Schwanzbilder geschickt."

Ich sehe Christine Blasey Ford vor der Welt Zeugnis ablegen. Sie sagt aus, sie sei vom Kandidaten für den Obersten Gerichtshof der USA, Brett Kavanaugh, angegriffen worden. Der bestreitet die Anschuldigungen.

Ich glaube Blasey, denn warum sollte jemand sich und seine Familie freiwillig einer derartigen Überprüfung und dem Verlust seiner Privatsphäre aussetzen? Warum sollte sich jemand zur Zielscheibe von Hass machen, inklusive Morddrohungen?

Blasey sagt, sie sei aus ihrem Haus vertrieben worden und muss jetzt von Leibwächtern geschützt werden.

*  *  *

Meine Tochter verbrachte drei Sommer in einem Camp. Nirgendwo war sie lieber. Sie wollte dort immer wieder hingehen, bis sie das Höchstalter erreicht hatte. Dann würde sie sich – so der Plan – zur Betreuerin ausbilden lassen und dort arbeiten. Eines Tages würde sie die Camp-Leitung übernehmen.

Im vorletzten Sommer allerdings, sie war damals 13 Jahre alt, sagte ein ebenfalls 13-jähriger Junge seinen Zimmernachbarn im Camp, dass er sie vergewaltigen wolle. Die Jungen erzählten es den Mädchen in ihrem Zimmer. Jene wiederum liefen zur Betreuerin, die es dem “Leiter des Hügels“, verantwortlich für den betreffenden Camp-Abschnitt, berichtete. Der wiederum meldete es dem Camp-Leiter. Alle wurden benachrichtigt, auch die Mutter des Jungen. Alle. Außer mir.

Ich erfuhr erst Monate später von dem Vorfall. Eines Nachts im Oktober, als meine Tochter auf meinem Bett saß und mir von einem anderen Jungen erzählte. Ein Klassenkamerad, der ihr ein Bild von seinem Penis geschickt hatte.

Sie weinte, weil sie mit dem Jungen befreundet war. Er hatte sie gebeten, ihn zu küssen, sie hatte nein gesagt. Indem er ihr ein Bild seines Penis‘ schickte, erhöhte er den Druck. Sie nannte es ein “dick pic“ (“Schwanzbild“), benutzte diesen inzwischen allzu gängigen Begriff. Als ob es normal wäre, wenn ein Foto mit einem Penis auf dem Handy einer 13-Jährigen erscheint.

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Doch offenbar ist es das.

Binnen zweieinhalb Jahren, zwischen der sechsten Klasse und der Mitte der achten Klasse, bekam meine Tochter 30 Schwanzbilder geschickt.

Alle ihre Freunde erhielten Schwanzbilder, sagte sie mir. So viele Jungen schicken sie.

Als ich sie fragte, ob die Penisse auf den Fotos hart seien, fragte sie: “Was bedeutet das?“

Ich erklärte ihr mit meinem Zeigefinger, dass ein Penis entweder herunterbaumeln oder gerade herauszeigen könnte. Sie antwortete: “Hart.“

*  *  *

Christine Blasey Ford schildert Folgendes: Als sie 15 war, besuchte sie eine Freundin zu Hause, um mit ein paar Jugendlichen abzuhängen. Einige von ihnen hatten viel getrunken. Sie musste mal und ging nach oben ins Badezimmer.

Zwei Jungs folgten ihr die Treppe hinauf. Einer von ihnen schob sie in ein Zimmer. Einer schloss die Tür hinter ihnen ab. Die Jungs lachten, wie zwei Freunde, die sich bestens amüsieren, während sich einer von ihnen auf sie stürzte, sie befummelte und versuchte, ihr die Kleidung vom Leib zu reißen.

Sie fürchtete, vergewaltigt zu werden. Und als er ihr den Mund zuhielt, um ihre Schreie zu unterdrücken, dachte sie, er könnte sie versehentlich töten. Sie versuchte, ihn abzuwehren, schaffte es aber nicht. Bis sein Freund aufs Bett sprang und sie beide dadurch zur Seite kippten.

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Es ist schwierig für eine Jugendliche zu wissen, was sie machen soll, wenn sie ein Penisbild erhält. Jungs schicken die Fotos über Snapchat. Wenn sie einen Screenshot macht, verbreitet sie rechtlich gesehen Kinderpornografie.

Schlimmer noch, der Junge wird benachrichtigt, dass jemand eine Aufnahme seines Bildes gemacht hat. Dann könnte er sich rächen. Er könnte Gerüchte verbreiten. Oder ein Bild von den Brüsten eines anderen Mädchens posten und sagen, es seien ihre.

Als ich meine Tochter fragte, ob sie jemals Bilder von ihren Körperteilen geschickt habe, verneinte sie, sagte aber, sie kenne Mädchen, die das gemacht hätten.

Ich weiß nicht, ob sich ein Schwanzbild wie ein Übergriff anfühlt. Ich kann mir aber vorstellen, dass es das tut. Denn meine Tochter hat mir all das erzählt und im selben Gespräch davon berichtet, was im Lager passiert war.

Am nächsten Tag rief ich den Camp-Leiter an. Er sagte, sie hätten eine Untersuchung durchgeführt. Die Zimmernachbarn des Jungen seien befragt worden. Sie hätten nicht beweisen können, dass er das Wort “Vergewaltigung“ gesagt habe. Niemand sei sich sicher gewesen.

Er erzählte mir von einem weiteren Vorfall, bei dem sich der Junge in der Krankenstation auf ein Mädchen gelegt habe. Aber ein paar Tage später seien beide ein Paar geworden.

“Inwiefern soll das relevant sein?“, fragte ich.

Er antwortete, der Junge sei vielleicht “missverstanden“ worden.

Ich sagte: “Sie sind Camp-Leiter, scheinen aber nichts über die Psychologie eines Mädchens zu wissen.“

Der Direktor meinte, sie hätten den ganzen Sommer über den Jungen beobachtet. Sie hätten alles getan, was sie konnten, um meine Tochter zu beschützen.

“Sie haben alles getan, was Sie konnten, um ihn zu beschützen“, antwortete ich.

*  *  *

Christine Blasey Ford sagt, sie habe ihren Eltern nichts erzählt, weil sie 15 Jahre alt war und sie besorgt war, sie könnte Ärger bekommen, weil sie mit Jungen Bier getrunken hatte.          

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Mich wundert es nicht, dass mir meine Tochter nicht sofort erzählte, was im Lager passiert war. Zum einen sprechen wir nicht, während sie im Lager ist. Die Camper dürfen nicht telefonieren, erlaubt sind lediglich Briefe. In jenem Sommer schrieb sie, dass es ihr keinen Spaß mehr mache und dass sie das Lager nicht mehr möge.

Warum sagte sie mir nicht, dass ein Junge gedroht hat, sie zu vergewaltigen? Warum erzählte sie mir nicht, dass sich ihre Zimmernachbarinnen jedes Mal, wenn sie ihre Unterkunft verließ, wie Leibwächter verhielten? 

Weil sie 13 war.

Weil sie Angst hatte.

Weil es ihr peinlich war.

Weil sie nicht wusste, ob sie abreisen sollte.

Weil sie dachte, der Camp-Leiter würde ihr nicht glauben.

Weil sie Angst hatte, dass ich zu ihr fliegen und einen Aufstand machen würde.

Es war nicht ihre Aufgabe, es mir zu sagen. Der Camp-Leiter wusste es und er beschützte sie nicht.

*  *  *

Vielleicht ist tief in der Psyche von Mädchen die Angst verankert, dass, egal was passiert, immer sie verdächtigt werden, etwas falsch gemacht zu haben. Das galt 1982 für Christine Blasey Ford. Es fühlt sich noch immer wahr an.

Aber was hat die 15-jährige Blasey falsch gemacht? In ihrer Aussage diese Woche berichtete sie, dass sie an diesem Abend im Jahr 1982 zu einem Treffen von Jugendlichen ging. Sie sagte, ein Junge habe sie auf ein Bett geworfen. Sie dachte, sie würde vergewaltigt oder versehentlich getötet werden.

Jahre später, als dieser Junge ein Kandidat für den Obersten Gerichtshof wurde, brachte sie es zur Sprache. Sie erwähnte es, als es darauf ankam.

Während ich ihre Aussage auf Facebook Live sehe, scrolle ich über die Kommentare. So viele Leute nennen sie eine Lügnerin. So viele Leute beschuldigen sie, eine Marionette der Demokraten zu sein. So viele Leute werfen ihr vor, etwas falsch gemacht zu haben.

Wovor ich jetzt Angst habe: Dass wenn ich sage, Jungs haben meiner Tochter Bilder von ihren Schwänzen geschickt und ein weiterer drohte, sie zu vergewaltigen, Menschen denken, sie habe es provoziert.

Das ist unsere Welt. Das ist die Welt, durch die ein Mädchen lernen muss zu navigieren – eine Welt, in der es seine Zimmernachbarinnen dazu bringen muss, sie zu beschützen, weil es sonst niemand tut.

Dieser Artikel erschien zuerst in der US-HuffPost und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

 

(nc)