POLITIK
20/04/2018 23:14 CEST | Aktualisiert 21/04/2018 06:44 CEST

Wahl der SPD-Chefin: Warum Nahles von Konkurrentin Lange profitiert

Auf den Punkt.

BRITTA PEDERSEN via Getty Images
Andrea Nahles – die neue SPD-Vorsitzende?

155 Jahre, immer Männer an der Spitze und allein 14 verschiedene Parteivorsitzende seit der Wende:

Die Rede ist von der SPD. Einer Volkspartei, die ihre besten Zeiten hinter sich zu haben scheint – zumindest mit Blick auf die immer weiter sinkenden Umfragewerte.

Doch am Sonntag soll ein Gegentrend eingeleitet werden: Nicht nur, dass erstmals in der Parteigeschichte eine Frau die Sozialdemokraten führen wird – entweder die Favoritin Andrea Nahles oder ihre Herausforderin Simone Lange.

Die neue Chefin soll, ja sie muss die SPD auch aus dem Rekordtief holen und einige Erneuerungsprozesse anstoßen. 

Warum der außerordentliche Bundesparteitag so wichtig ist und wie die Wahl ablaufen wird – auf den Punkt gebracht.

Die Ausgangssituation: Darum wird die SPD-Spitze neu gewählt:

► Momentan führt Vize-Kanzler Olaf Scholz die SPD kommissarisch.

► Denn Martin Schulz, im März 2017 noch mit nie dagewesenen 100 Prozent zum Parteichef gewählt und im Dezember mit knapp 82 Prozent im Amt bestätigt, trat nach innerparteilichen Querelen Mitte Februar zurück.   

► Schulz empfahl damals Bundestagsfraktionschefin Nahles als seine Nachfolgerin. Vorstand und Präsidium hatten sie dafür einstimmig nominiert. 

► Eigentlich sollte der Sonderparteitag am 22. April Nahles quasi nur noch abnicken – doch dann kam Simone Lange.

Simone Lange – die Herausforderin von Nahles:

Am 13. Februar machte Lange ihre Gegenkandidatur öffentlich. Die 41-Jährige ist Oberbürgermeisterin von Flensburg – und das auch erst seit Januar 2017. Im bundesweiten Politbetrieb war Lange bis dato nicht aufgefallen.

► Lange stammt aus Rudolstadt in Thüringen, kam nach der Wende nach Schleswig-Holstein und wurde Kriminalbeamtin. 2003 trat sie in die SPD ein und saß von 2012 bis 2016 im Landtag, ehe sie ins Flensburger Rathaus wechselte. 

“Ich möchte der Partei eine Wahl ermöglichen”, schrieb Lange zu ihren Beweggründen. “Das wäre ein erster Schritt, den Mitgliedern wieder das Gefühl zu geben, dass sie es sind, die die Stimmung und die Richtung der Partei bestimmen.”

► GroKo-Gegnerin Lange bedient vor allem die Sehnsüchte nach Neuem in der Partei.

► Und sie schaut trotz ihrer Außenseiterrolle äußerst optimistisch auf die Wahl: “Ich habe definitiv eine Chance. Ich bin mir sicher, dass ich die Delegierten überzeugen kann“, sagte die 41-Jährige der “Neuen Osnabrücker Zeitung”.

Warum die Wahl zum SPD-Vorsitz mäßig spannend wird – das Ergebnis aber dennoch wichtig ist:

► Lange konnte mit ihrer klaren Absage an Hartz IV und Sticheln gegen Nahles, die den Kontakt zur Basis verloren habe, punkten.

► Nahles weiß hingegen den SPD-Vorstand und ein weit verzweigtes Netzwerk, teils noch aus ihren Juso-Tagen, hinter sich.

► Und: Mittlerweile bekommt Nahles sogar Unterstützung von Juso-Chef Kevin Kühnert, der vor der Entscheidung über eine weitere GroKo noch ihr erbitterter Gegner gewesen war.

► Kühnert erklärte im Interview mit “Spiegel Online”: “Ich wähle Andrea Nahles.” Allerdings nicht aus Euphorie, “sondern als Vertrauensvorschuss, der an Erwartungen geknüpft ist”.

Schließlich könnte auch Langes Gegenkandidatur Nahles helfen: Denn wenn Nahles – wie erwartet – am Sonntag bei unter 80 Prozent Zustimmung landen wird, kann die SPD-Führung das als ehrliches Ergebnis verkaufen – und die Gegenkandidatur als Zeichen der innerparteilichen Demokratie.

► Zudem würde Nahles selbst ohne Konkurrenz kein überragendes Resultat bekommen – nicht bei dem Stand, den sie in der Partei hat, und nicht nach den Verwerfungen der vergangenen Monate. Mit Langes Kandidatur hat sie zumindest eine offizielle Entschuldigung, warum ihr Stimmen fehlen.

Das sind die Herausforderungen für die künftige SPD-Chefin:

► Die Partei muss sich nach dem Debakel bei der Bundestagswahl und den Wahlen davor komplett neu erfinden.

► Es wird wohl Nahles’ Aufgabe sein, die versprochene Rundumerneuerung zu steuern, neue Ideen und Strukturen zu liefern und dafür zu sorgen, dass die SPD nicht nach ein paar Monaten in der neuen alten Koalition mit der Union wieder in den alten Trott verfällt und wegdämmert. 

Fazit:

Die neue SPD-Chefin wird Nahles heißen – alles andere wäre ein Wunder. Allerdings ist es auch ein solches, auf das gerade die Parteibasis angesichts der derzeitigen Lage hofft.  

Da ist es eine gewisse Ironie, dass nach dem gescheiterten 100-Prozent-Parteichef Schulz nun gerade die zwei SPD-Politiker die Partei steuern, die intern nicht zu den Lieblingen gehören: nach Scholz ab Sonntag dann Nahles.

Mit Material von dpa.

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(sk)