POLITIK
23/02/2018 06:55 CET | Aktualisiert 23/02/2018 15:01 CET

"Maybrit Illner": Andrea Nahles bekommt von Professor die Leviten gelesen

"Wenn ich nach Nordpolen fahre, da habe ich in jedem Wald bestes Internet."

  • Bei “Maybrit Illner” geht es am Donnerstag um Digitalisierung und die Frage, wie der Arbeitsmarkt der Zukunft aussehen wird
  • Als SPD-Politikerin Nahles behauptet, die GroKo habe die Digitalisierung nicht verschlafen, wird es einem Arbeitsforscher zu bunt
  • Wie er Andrea Nahles die Leviten liest, seht ihr im Video oben

Andrea Nahles hält ein Buch in die Höhe, ein Weißbuch zur Digitalisierung, wie sie sagt.

Gerade hat Moderatorin Maybrit Illner die SPD-Frau gefragt, wer denn nun die Digitalisierung in Deutschland verschlafen habe – wohlgemerkt, nachdem Nahles’ GroKo-Kollege Peter Altmaier (CDU) schon eingeräumt hatte, dass die Große Koalition das Thema hat schleifen lassen. 

Aber Nahles sagt: “Ich finde nicht, da haben wir gar nicht gepennt.” Sie spricht von gut ausgebildeten Fachkräften, von einem kulturellen Umfeld und einer Arbeitsatmosphäre. Sie habe viele Debatten im Bereich Digitalisierung geführt, sagt Nahles, es sei viel passiert. 

► Und räumt nur ein, dass man vielleicht “einen Zahn zulegen” müsse.

Ein Bekenntnis, das dem Arbeitsmarktexperten Stefan Sell absolut nicht reicht. 

Sell über Digitalpolitik: “Da haben wir krass versagt”

Sell räumt erstmal das von Nahles gebrachte Argument ab, die Unternehmen und Hochschulen würden sich an der Digitalisierungs-Debatte nicht mit Begeisterung beteiligen. 

“Gerade die mittelständische Industrie, die in vielen Bereichen Weltmarktführer ist, setzt sich ja schon seit Jahren mit der Digitalisierung auseinander”, sagt Sell, “die klagen allerdings über Rahmenbedingungen.” 

► Und dann geht der Professor für Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz hart mit der GroKo-Politik ins Gericht: “Da haben wir krass versagt. Wenn ich nach Nordpolen fahre, da habe ich in jedem Wald bestes Internet – ja, super!” 

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Es dürfe deshalb nicht darum herum geredet werden, dass die Digitalisierung in Deutschland wesentlich verpennt worden sei – und das auch im Hinblick auf Ängste der Menschen, dass Arbeitsplätze abgebaut würden. 

Nahles: “Die Arbeit ändert sich, fällt aber nicht weg”

Sell erzählt von einem Supermarkt, den die Firma Amazon in der US-Staat Seattle gebaut hat. In diesem gibt es kein Personal, alle Kunden zahlen per Self-Checkout. 

In Deutschland habe das eine regelrechte Panik ausgelöst. “Bei den Menschen ist hängen geblieben, dass Tausende Kassiererinnen demnächst keinen Job mehr haben würden”, sagt Sell. 

Dabei habe der Supermarkt von Amazon sogar mehr Jobs geschaffen, als ein normaler Supermarkt – nur eben in Büros und nicht an der Kasse. “Und, wenn wir uns diese Jobs anschauen, dann sind die auch sehr schlecht bezahlt”, sagt Sell. 

Er stellt also fest, dass auch hier die Politik sich besser auf die Digitalisierung vorbereiten müsse: Das Problem könnte nicht ein Verlust, sondern die Prekarisierung von Arbeit sein. 

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► Und was halten die GroKo-Vertreter Altmaier und Nahles dem entgegen? Beschönigungen und Platitüden

Der CDU-Mann will innovative Unternehmen fördern und Deutschland zum “Standort für digitale Wirtschaft” machen. Ein Credo, das man aus der Union seit Jahren hört – und das auch Altmaier nicht mit konkreten Inhalten anreichert. 

Nahles hingegen will mit Beratungen und Weiterbildungen für Arbeitnehmer der Digitalisierung des Arbeitsmarktes begegnen. Sie vergisst zu erwähnen: Bisher haben solche Angebote der Jobcenter nicht groß gefruchtet

► Dennoch sagt Nahles: “Die Arbeit ändert sich, fällt aber nicht weg.”

Es könnte ein Satz aus ihrem Weißbuch sein – doch auf jeden Fall ist es einer, der den Zuschauer etwas ratlos zurücklässt. 

(sk)