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18/10/2018 14:25 CEST | Aktualisiert 18/10/2018 14:25 CEST

Anders Breivik Moviestar – Darf man das, oder muss man es sogar?

Innerhalb kürzester Zeit erscheinen zwei Filme über die norwegischen Terrorakte am 22. Juli 2011. Während US-Regisseur Paul Greengrass mit einer hilflosen Chronik der Ereignisse scheitert, wird gerade der umstrittenere norwegische Film dem Thema besser gerecht. Ein Vergleich.

Manchmal liegt ein Thema in der Luft: Sieben Jahre nach den Anschlägen des Rechtsterroristen Anders Behring Breivik am 22. Juli in Oslo und auf der Insel Utoya kommen innerhalb kürzester Zeit zwei Filme über die Terrorakte heraus, die beim Bombenanschlag auf das Regierungsviertel in Oslo und dem Massaker in einem Feriencamp auf der Insel Utoya der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet 77 Menschenleben forderten.

„Utoya – 22.Juli“ des norwegischen Starregisseurs Erik Poppe startete am 20.September in den deutschen Kinos, „22.Juli“ des US-Regisseurs Paul Greengras, der sich mit „Flug 93“ bereits der Anschlagserie des 11.Septembers 2001 annahm, ist ab dem 10. Oktober bei Netflix zu sehen. Beide Filme tragen also das Datum im Titel, das sich in das kollektive Bewusstsein Norwegens gefräst wie der 11.September ins Weltgedächtnis.

Obwohl beide Filme bei der Kritik gut ankamen, mehrten sich vor dem Start der Werke nicht nur in den sozialen Medien und den Kommentarspalten Statements wie „Warum dreht man zu diesem Thema einen Film“, „geschmacklos“, „zu früh“. Es scheint, dass auf manchen Ereignissen ein Tabu liegt, ein kategorisches Bilderverbot, wie man es auch bei Filmen über den Holocaust beobachten kann. Es gab bei „22 Juli“ ein Volksbegehren gegen das Vorhaben, den Film auf Utoya selbst zu drehen, als ob dadurch heiliger Boden entweiht werden würde.

Die grundlegenden Fragen sollte man erst mal ignorieren und stattdessen schauen, wie die Filme, die nun mal in der Welt sind, mit ihrem heiklen Sujet umgehen. Und da gehen die beiden Filme grundsätzlich so unterschiedlich heran wie es nur sein könnte. Das zeigt sich schon in der Länge und der Wahl des Blickwinkels. Der norwegische Film zeigt, bis auf ein dokumentarisches Vorspiel, den Massenmord auf Utoya in Echtzeit von 72 Minuten aus der Sicht der (fiktiven) 18-jährigen Kaja (Andrea Berntzen). Paul Greengrass hat das große Panorama im Sinn, er zeigt zwar auch das Massaker, aber in 143 Minuten auch die Gerichtsverhandlung, den Weg der Verletzten zurück ins Leben, das Handeln des damaligen norwegischen Präsidenten Jens Stoltenbergs, den Anwalt von Anders Breivik, den Attentäter selbst und seine Mutter. Anders als „Utoya“ will „22. Juli“ nicht nur das Grauen abbilden, sondern auch einen Hoffnungsschimmer aufzeigen, wie das Leben weiter gehen könnte.

Daraus ergibt sich in dem Links-Rechts-Punch der beiden Filme der Widerstreit (oder die Ergänzung) von Großem Bild vs. Individuelle Tragödie, Blick von Außen vs. Ausgeburt des nationalem Trauma, Verstehen vs. Erfahren, Versöhnung vs. unverarbeitbarem Schrecken.

Mitleid im buchstäblichen Sinne

„Utoya“ wurde vielfach, gerade in Deutschland, dafür kritisiert, dass er mit seinem stilistischen Stunt, eine einzige Plansequenz ohne Schnitt zu zeigen, die schrecklichen Ereignisse zu einem immersiven Spektakel ausbeutet. Formal ist der norwegische Film natürlich ein Thriller, das lässt sich bei dieser Herangehensweise nicht verhindern. Das Setting in einem Ferienlager lässt unweigerlich an den Teenie-Dezimierhorror von „Freitag der 13“ denken, manche Momente borgen sich ihre Optik dem Kriegsfilm. Dennoch ist die Inszenierung gerade nicht auf Spannung aus, verzichtet auf billige Suspenseeffekte. Wir wissen nie mehr als die gejagten Jugendlichen. Dagegen setzt gerade der für mehr Feingefühl gelobte Greengras stärker auf konventionelle Spannungstechniken wie Suspense und Foreshadowing, die in dem Zusammenhang tatsächlich nicht ganz geschmacksicher wirken. Während Greengrass durch suggestive Musik und das Leiden der Angehörigen allzu durchsichtig Mitgefühl erreichen will (als ob man diese Lenkung bei diesem Sujet brauchen würde), erfahren wir bei Erik Poppe Mitleid im buchstäblichsten, archaischen und körperlichsten Sinne des Wortes. Man zuckt im Kinosessel bei jedem Schuss zusammen, auch auf dem Heimweg bei jedem lauteren Geräusch.

Während Greeengrass‘ hilflosen Versuch einer Chronik auch eine Doku leisten könnte, vertraut Poppe darauf, was (nur) das Kino leisten kann. Zeigen was war und wie sich die Personen dabei gefühlt haben. „Utoya“ ist eine Zumutung, aber eine der sicher jeder stellen sollte. Auch wenn man bei dem Film im Einzelnen viel kritisieren kann, wie manche uralte Kriegsfilmklischees in den Dialogen („Sag meiner Mutter, dass ich sie liebe“) aber nicht die grundsätzliche Stoßrichtung. Gerade indem er sie als hilflose Körper zeigt, gibt der Film den jungen Menschen ihre Würde zurück. Nachdem sie Breivik buchstäblich zu Opfern für seine verquere Weltsicht machen wollte und sie als Zahlen in der Statistik verschwunden sind, bekommen sie wieder ein Gesicht.

Terrorfilm statt Film über Terror

Bei Greengrass‘ „22. Juli“ wird gegen den Überlebenden ein Denkmal gesetzt. Dabei verzettelt sich der Film aber in der Vielzahl der Figuren, trotz der Überlänge. Eine Serie wäre bei dieser Herangehensweise passender gewesen, viele interessante Nebenfiguren, die einen eigenen Film hätten tragen können, fallen hintenüber. Der Bruder des verletzt überlebenden, realen Protagonisten Viljar Hanssen zum Beispiel, der unter der Aufmerksamkeit für den Bruder leidet. Oder das in Viljar verliebt Mädchen mit Migrationsgeschichte, das ihre Schwester verlor und sich jetzt um andere Überlebende kümmert. Mehr Mut zur Verdichtung hätte dem Film gutgetan.

Bei der Behandlung des Täters selbst klaffen die Filme stark auseinander. In „22. Juli“ wird Breivik als gestörtes Muttersöhnchen psychologisiert, man bekommt fast Mitleid mit dem Monster, keine erleichternde Schadenfreude, die aber auch unangemessen wär. Immerhin wird er hier entmystifiziert wird, während er bei „Utoya“ als geisterhafte Silhouette präsent war und sein Name nie genannt wurde. Durch seinen auf Verstehen und Vereinen abzielenden Versuch wirkt „22. Juli“ aber etwas zu versöhnlich.

Ganz anders „Utoya“: Beim Zuschauer entsteht ein Gefühl von Grauen, Angst und Wut, dass man nur als Terror bezeichnen kann. Eine Katharsis gibt es aber nicht. Und dass ist auch gut so. Die Wunde muss offen bleiben.

Das ist nach sieben Jahre wichtiger denn je. Am Schluss schlägt bei „Utoya“ eine Texttafel den Bogen ins Heute, zum weltweiten Erstarken des Rechtspopulismus. Es gibt heute mehr Sympathisanten denn je für Breivik , die vielleicht nicht zu den Waffen greifen würden, wie seine Mutter bei „22. Juli“ aber sagen könnten, dass er aber auch mit seiner Kritik an Multikulturalismus und scheinabrer Überfremdung doch auch recht hat. Gerade der umstrittene „Utoya“ zeigt nachdrücklich, dass durch den globalen Rechtsruck nicht nur abstrakte westliche Ideale in Gefahr sind, sondern Menschen mit Hoffnungen und Zielen.