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15/05/2018 12:19 CEST | Aktualisiert 17/05/2018 12:06 CEST

Andere Studenten wohnen in WGs – ich in einer Seniorenresidenz

Nach sieben Monaten nehme ich die Generation 60 plus anders wahr.

Tertanium / Student in Residence
Marit Meinhold mit Bewohnern des Tertianium.

Ich studiere seit sechs Jahren in Konstanz. Der Wohnraum in der Stadt ist knapp und wie die meisten Studenten habe auch ich in einer WG gelebt. Seit einigen Monaten hat sich das aber geändert.

Zufällig bin ich an der Uni auf ein Plakat gestoßen, mit dem ein Aufruf gestartet wurde, um einen Mitbewohner zu finden.

Das Ungewöhnliche: Darunter war auch die Seniorenresidenz Tertianum. Sie suchte zu besonderen Bedingungen: Wohnen mitten in der Altstadt von Konstanz. Statt Miete zu zahlen, soll der oder die Studentin Zeit mit den Bewohnern verbringen.

Ich war erst skeptisch, aber dann vor allem neugierig und dachte, warum nicht: Ich bewerbe mich. Was dann begann, hat meinem Leben eine unerwartete Wendung gegeben.

Ich habe mich mit meinem Lebenslauf und ersten Ideen, was ich mit den Senioren machen will, beworben. Die Jury hat mich als beste Kandidatin ausgewählt und zum 1. Oktober bin ich eingezogen – und es hätte mir nichts Besseres passieren können.

Meine Vorstellungen waren weit von der Realität entfernt

Wie bei jedem Neuanfang standen viele Fragezeichen im Raum. Meine Vorstellungen von einer Seniorenresidenz sind weit entfernt von der Realität hier im Haus. Ich wohne in einer eigenen Wohnung wie alle anderen Bewohner auch.

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Es gibt zwar ein gemeinsames Restaurant, aber auch jede Menge Angebote, von Kulturveranstaltungen und Sprachkursen bis zu Ausflügen. Im Schnitt sind die Bewohner 81 Jahre alt – also 56 Jahre älter wie ich. Aber alle führen wir hier ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben.

Da musste ich erstmal meinen Platz finden und feststellen, was eine wirkliche Bereicherung für die Bewohner sein könnte. Nach sieben Monaten erinnere ich mich an die damals wichtigste Frage für mich: Wie lerne ich 100 Personen kennen und sie alle mich?

Einige der Bewohner sind sehr technikaffin – das war eines dieser Klischees, die ich über Bord geworfen habe.

Dafür bin ich auf die Bewohner zugegangen, habe Aktivitäten vorgeschlagen, die eine Nische im umfangreichen Programm des Tertianum sind. Zum Beispiel gemeinsames Kochen, auf den Wochenmarkt gehen, adventliches Singen, Basteln, Nordic Walking, gemeinsam zur Uni gehen und Gasthörer sein oder – passend zu unserer Region – eine gemeinsame Weinprobe.

Das Generationenprojekt “Student in Residence”

Das Projekt verbindet den akuten Bedarf an Wohnraum in der Universitätsstadt Konstanz – 82.000 Einwohner und 17.000 Studenten – mit einem einmaligen Generationenprojekt.

Seit Oktober 2017 wohnt die 25-jährige Studentin Marit Meinhold für ein Jahr kostenfrei in einer Stadthaus-Wohnung des Tertianum Konstanz inklusive 5-Sterne-Service.

Im Gegenzug zahlt sie mit einer Währung, die heute so viel mehr wert ist als Geld: Zeit. Dafür hat sie ein Programm entwickelt, wie sie gemeinsam mit den Bewohnern Zeit verbringt. 20 Stunden im Monat neben ihrem Lehramts-Studium. 

Weitere Informationen gibt es hier.

Schnell war klar, was die Senioren am meisten interessierte: das Internet und Technik wie Smartphones und Tablets. Es gibt einige, die bisher kaum Berührung damit haben und andere, die schon Profis sind.

Tertanium / Student in Residence
Techniksprechstunde mit Marit

Aber alle sind neugierig. So habe ich eine Techniksprechstunde und Einzelberatung aus der Anwenderperspektive angeboten – mit großem Erfolg.

Ich musste Klischees über Bord werfen

Einige Bewohnern überraschten mich wirklich. Ein Ehepaar hat mir erzählt, was sie mit einem Tablet machen und erklärten mir ihr Soundsystem – sie haben seit den Anfängen der Firma bei IBM gearbeitet.

Jemand anderes hat mich einmal um Hilfe gebeten, weil er ein neues Betriebssystem auf seinen Computer aufspielen wollte. Einige meiner Mitbewohner sind sehr technikaffin, mehr als ich – das war eines dieser Klischees, die ich über Bord geworfen habe.

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Ein anderes Ergebnis meiner Befragung war, dass die Bewohner sich gern mehr mit meiner Generation austauschen möchten und so ging es mir auch.

Ich habe Englisch, Französisch und Geschichte studiert. Durch unseren Austausch merkte ich schnell, dass die Senioren genauso vielfältige Interessen haben wie ich und den jüngeren Generationen durchaus etwas zu sagen haben.

Lässt man sich darauf ein, ihnen zuzuhören, dann kann man einem Stück gelebter Geschichte begegnen – realer als in jeder Ausstellung und mit der Möglichkeit, direkt Fragen zu stellen.

Uns verbindet das echte Interesse füreinander und die Lust am Gespräch.

Ich unternehme inzwischen spontaner etwas mit den Bewohnern und es sind nicht mehr nur Techniksprechstunden oder Vorträge. Wir essen oft gemeinsam zu Mittag, wobei ich mich jedes Mal woanders hinsetze und mich über den Austausch freue.

Wir unterhalten uns im kleineren Kreis oder  trinken auch mal einen Kaffee zusammen, dann holt mein Gegenüber ein Fotoalben heraus und erzählt aus einem ereignisreichen Leben.

Erwachsene auf Augenhöhe – nicht wie Großeltern und Enkel

Durch diese Begegnungen ist Vertrauen zwischen uns gewachsen. Wir genießen die gemeinsame Zeit und tauschen uns auf Augenhöhe aus – also als Erwachsene, die im gleichen Gebäude leben. Nicht als Großeltern und Enkel.

Es ist immer ein Austausch zwischen zwei Generationen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, Geschichten, Blickwinkeln und Bedürfnissen. Aber uns verbindet das echte Interesse füreinander und die Lust am Gespräch.

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Vom ersten Moment des Projektes “Student in Residence” war ich Gesprächsthema der Bewohner. Und durch den intensiven Austausch und die vielen Gespräche habe ich dazu beigetragen, dass sich die Bewohner untereinander noch besser vernetzen.

Sie profitieren vom Austausch mit mir – und umgekehrt

Meine Mitbewohner haben nicht nur viel zu sagen, sondern sind auch sehr an meinem Leben und meinen Herausforderungen interessiert.

Sie wollen genau wissen, was ich mache und was mich beschäftigt. Sie erkundigen sich nach meinem Freund oder meiner Familie oder senden mir ein spannendes Jobangebot.

Ich wachse und profitiere sehr von den Lebenserfahrungen meiner Mitbewohner. Entscheidungen, die man im Leben treffen muss, sind auch ein Thema zwischen uns. Wie, warum und welchen Einfluss sie auf ein ganzes Leben haben.

Es ist beeindruckend zu erfahren, wie die Bewohner es geschafft haben, trotz Rückschläge ein zufriedenes Leben zu führen.

Wie zum Beispiel eine Bewohnerin, die eigentlich studieren wollte, deren Familie das aber nicht finanzieren konnte. Also entschied sie, nicht zu studieren, weil sie nicht wollte, dass sich ihre Eltern verschulden. Trotzdem blickt sie heute sehr zufrieden auf den Verlauf ihres Lebens.

Eine andere Frau hat mir erzählt, dass sie sehr früh geheiratet hat. Und da es damals die Pille noch nicht gab, war es für sie das normalste auf der Welt, sowohl schwanger als auch später mit Kind weiterzuarbeiten. 

Beide Beispiele sind nur Auszüge aus interessanten Gesprächen, die ich führe. Einige sind für meine Generation ungewöhnlich, aber helfen mir, Dinge zu relativieren. Es ist aber vor allem beeindruckend zu erfahren, wie die Bewohner es geschafft haben, trotz Rückschlägen ein zufriedenes Leben zu führen.

Wenn ich Ende September nach einem Jahr ausziehe, nehme ich die Erfahrungen aus diesem Austausch in meinen nächsten Lebensabschnitt mit. In einer Seniorenresidenz zu wohnen hat mein Leben bereichert.

Wir müssen alle öfter unsere Perspektive wechseln

Ich kann es jedem empfehlen, der sich gern mit Menschen austauscht und bereit ist, seinen Perspektive zu verändern. Es ist etwas ganz anderes als in einer WG zu wohnen, denn hier leben verschiedene Generationen miteinander.

Ich möchte den Kontakt zu meinen Mitbewohnern im Tertianum aufrechterhalten und mich auch weiterhin gesellschaftlich engagieren. Denn ich habe gelernt, dass Generationenaustausch nicht mit Wohltätigkeit gleichzusetzen ist. Stattdessen hat der Austausch nicht nur das Leben der Bewohner bereichert, sondern auch meines.

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Nach sieben Monaten nehme ich die Generation 60 plus anders wahr. So sind aus den Unsichtbaren jetzt Menschen mit interessanten Erfahrungen und Leben geworden.

Senioren sollten in unserer Gesellschaft weniger isoliert und bewusster in den Alltag integriert werden. Durch mehr Austausch zwischen den Generationen verändert sich im besten Fall der Blickwinkel vieler, sodass es wieder normaler wird, aufeinander zuzugehen und generationenübergreifend zu denken – und die Perspektiven anderer einzunehmen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Uschi Jonas.