POLITIK
03/04/2018 20:41 CEST | Aktualisiert 01/10/2018 11:22 CEST

Anabel Schunke ist eine der wichtigsten Figuren der neurechten Szene: Wir waren mit ihr feiern

"Ich besetze die Themen eines alten weißen Mannes."

Maik Woll PhotoArt
Anabel Schunke zählt zu den Influencern der neurechten Szene.

“Diesen Leuten überlasse ich ganz sicher nicht mein Land!”, sagt Anabel Schunke in die Kamera.

Die Hände mit den langen, dunkel lackierten Fingernägeln fuchteln in der Luft herum, die knallrot geschminkten Lippen verziehen sich wütend. Selbst die hellblonden Haare schwingen hin und her, als wären sie kampfbereit.  

“Diesen inkompetenten Vollidioten von der SPD, von Chebli über Heiko Maas über Martin Schulz und diesen ganzen Widerlingen, denen überlasse ich sicher nicht mein Land. Genauso wenig wie Angela Merkel. 

Kurzes hysterisches Lachen. 
 

“Und ich überlasse mein Land – und das ist das Allerwichtigste für mich – ganz sicher nicht irgendwelchen islamischen Migranten, die die Freiheit eines liberalen Rechtsstaates nicht zu schätzen wissen. Gegen all diese Gefahren kämpfe ich bis zum Letzten.”

► Anabel Schunke ist 29 Jahre alt und gehört derzeit zu den wichtigsten Influencern der neurechten Szene in Deutschland. Auf Facebook hat sie mehr als 56.000 Abonnenten.

► Hinzu kommen mehr als 6.000 Abonnenten auf Youtube, 15.600 Follower auf Twitter und die Leser ihrer Artikel, die sie hauptsächlich für die einflussreichen rechtskonservativen Online-Magazine “Tichy’s Einblick” und “Die Achse des Guten” schreibt. Auch für die HuffPost hat sie noch bis November 2016 Texte als Bloggerin verfasst.

► Ihre Youtube-Videos, und damit auch die Zitate oben, hören und sehen teilweise mehr als hunderttausend Menschen. In rechten Kreisen ist Schunke ein Star. Kein Wunder – denn sie entspricht so gar nicht dem Klischee des deutschen Wutbürgers. 

Ich bin wie ein Autounfall. Ich bin eine junge Frau, die einigermaßen brauchbar aussieht, aber die Themen eines alten weißen Mannes besetzt. Anabel Schunke

“Ich bin wie ein Autounfall”, sagt sie zu mir. Also etwas, das es eigentlich nicht geben sollte, wo aber alle automatisch hinsehen. “Ich bin eine junge Frau, die einigermaßen brauchbar aussieht, aber die Themen eines alten weißen Mannes besetzt.”

Aber was treibt eine junge Frau dazu, vor zehntausenden Zuschauern Politiker zu beschimpfen und gegen Flüchtlinge zu hetzen? Vor allem, wenn sie bis vor zwei Jahren eher links tickte und die Bürger im sächsischen Freital anklagte – weil sie Flüchtlinge “schäbig” behandelten. 2014 kandidierte Schunke sogar für die Linke in Goslar.

Warum wechselt ein Mensch so plötzlich die politischen Seiten? Und: Wie viel davon ist echt, wie viel nur eine Show?

All diese Fragen will ich beantworten, als ich an einem Samstagabend bei Freunden von Anabel Schunke auf dem Sofa sitze. In wenigen Stunden werden wir in der niedersächsischen Kleinstadt Goslar feiern gehen.

Es war nicht meine Idee. Ich hatte vorgeschlagen, sie bei einem ihrer Hobbys zu begleiten, sie hat feiern gehen vorgeschlagen.

Jetzt komme ich da nicht mehr raus.

Wir feiern wie Freundinnen 

“Saufeeeen, morgens, mittags, abends, ich will saufeeen”, dröhnt es wenig später aus den Lautsprechern der “Nachtschicht”, einem Club in Goslar. Anabel und ich tanzen nebeneinander. Sie trägt eine Cappie auf ihren blonden Haaren, Hose und Sneakers und lacht. Sie könnte ebenso gut eine Freundin von mir sein.  

HuffPost / Amelie Graen
Anabel Schunke im Club "Nachtschicht" 

Ein etwa 45-jähriger Mann tanzt so ungelenk an einer Stange im schummrigen Disco-Licht, dass ich befürchte, er könnte jede Sekunde auf uns fallen. Wenigstens zieht er sich dabei nicht aus.

Jeder, der Ingo heißt, bekommt heute Abend freien Eintritt in der Nachtschicht. Anscheinend heißen viele Männer in Goslar Ingo, denn der Club ist sehr gut besucht. In einem der Räume sehen die Fenster wie bunte Bleiglas-Kirchenfenster aus, von der Decke baumeln Disco-Kugeln.

“Ich gehe an die Bar, ei, was seh ich da, der Tresen voller Frauen und alle im BH, saufeeen…”

Anabel verzieht das Gesicht. “Das ist eigentlich gar nicht meine Musik hier”, beteuert sie. Am liebsten höre sie Black Music. Sie sei auch noch nie in ihrem Leben betrunken gewesen. Sie hasse es, die Kontrolle zu verlieren.

Das merke ich auch an diesem Abend. Keine Sekunde würde sie sich gehen lassen, beim Tanzen mal nicht lächeln, gar gähnen oder etwas Ungeschicktes tun. Alles ist genau geplant, nichts dem Zufall überlassen.

Selbstvermarktung finde ich blöd. Anabel Schunke

Immer wieder drückt sie ihren Freunden auf der Tanzfläche ihr Smartphone in die Hand. Sie sollen Videos von ihr beim Tanzen drehen. Ist die Handy-Kamera auf sie gerichtet, tanzt Anabel mit besonders viel Elan einen ihrer Freunde an, strahlt, lacht, wirft die Haare zurück. Erst wenige Minuten vor Abfahrt hat sie die noch einmal nachgelockt.

Es ist wie eine kleine Show-Einlage. Anschließend reißt sie das Smartphone wieder an sich, postet das Video und überprüft im Minutentakt, wer von ihren Followern es sich bereits angesehen hat.

“Selbstvermarktung finde ich blöd”, hat Anabel mir noch vor Abfahrt gesagt. Da sitzen wir gerade in der Küche ihrer Freunde und warten, dass die Tiefkühlpizza fertig wird.

Bei ihren Live-Videos sei ja auch immer viel improvisiert, sagt sie und es klingt wie eine Entschuldigung. So als wüsste sie ganz genau, dass sie oft maßlos übertreibt und fast so, als sei ihr das nun ein kleines bisschen peinlich – dass sie zum Kampf aufruft, zum Beispiel.

Ein Zitat erkennt Anabel Schunke nicht als ihr eigenes 

Ich muss zugeben: Im Gespräch mit mir ist sie angenehmer, als ich gedacht hätte. Sie ist freundlicher als die zynische, hasserfüllte Anabel Schunke, die ihre Facebook-Seite betreibt und netter als die rechtspopulistische Youtube-Anabel.

Ich habe das Gefühl, dass sie beim Pizzaessen in der Wohnung ihrer Freunde gerade lieber über etwas anderes mit mir sprechen würde. Vielleicht über den Nagellack oder den Lippenstift, den wir beide tragen. Hauptsache nicht über so unangenehme hetzerische Dinge, die sie irgendwann mal geschrieben oder gesagt hat.

 

An manche Sätze kann sie sich nicht einmal erinnern. Als ich ihr ein flüchtlingsfreundliches Zitat aus ihrem Text “Liebe Menschen in Freital” vorlese, erkennt sie es nicht als ihr eigenes. Seltsam finde ich, bei einem Text, auf den sie schon viele Journalisten angesprochen haben.

Sie lasse sich nicht einordnen, sagt sie ein bisschen stolz. Schon als Kind habe sie mit Barbies und Autos gespielt. Heute trägt sie eine Cappie auf den sorgfältig gestylten Haaren. Inszenierung liegt ihr offensichtlich. Auch der Abend kommt mir inszeniert vor, selbst ihre Freunde.

Ich bin nicht der Sachsen-Ronny, der keinen Kontakt zu Ausländern hat. Anabel Schunke

Ihr Freundeskreis an diesem Abend ist fast zu perfekt durchmischt, um an einen Zufall zu glauben: Neben dem netten hetereosexuellen Pärchen, bei dem wir zuhause sind, ist unter anderem auch ein schwules Pärchen, ein tätowierter Burger-Brater und ein junger Mann mit Migrationshintergrund zu Besuch.  

Anabel betont, dass sie ihr ganzes Leben Freunde mit Migrationshintergrund gehabt habe. Sie habe auch muslimische Freunde, die ihre Kritik am Islam – etwa wenn Frauen in der Öffentlichkeit Kopftücher tragen – verstehen und sogar teilen würden.

Tatsächlich gibt es viele Muslima, nicht nur in Deutschland, die beispielsweise das Tragen eines Kopftuches als Unterdrückung betrachten.

“Ich bin nicht der Sachsen-Ronny, der keinen Kontakt zu Ausländern hat”, erklärt sie lachend. 

Ich glaube ihr. Als ich den jungen Mann mit Migrationshintergrund in einem unbeobachteten Moment frage, woher er Anabel kennt, zuckt er mit den Schultern. “Ich kenne sie erst seit heute”, sagt er. Es stellt sich heraus, dass einer von Anabels Freunden ihm gesagt habe, er solle doch auch kommen.

Anabels “Freund” weiß gar nicht, was sie macht 

Ich frage ihn, ob er weiß, was Anabel so im Internet von sich gibt. “Ich weiß nur, dass sie etwas mit Berichten macht”, erwidert er und ich denke: Ist vielleicht auch besser so.  

Vor allem, als er mir erzählt, dass seine Mutter mit 21 Jahren aus Sri Lanka eingewandert sei.

Anabel betont mir gegenüber, für wie schwierig sie die Integration von Ausländern in Deutschland halte. Dabei bezieht sie sich vor allem auf Flüchtlinge aus islamischen Ländern, beruft sich aber auch auf einen Psychiater, der gesagt habe, dass die Sozialisation mit 12, spätestens mit 20 abgeschlossen sei.

Die Mutter ihres Freundes kam zwar nicht aus einem islamischen Land, hatte aber ebenfalls eine völlig andere Kultur. Und: Sie sprach kein Wort Deutsch, als sie mit 21 Jahren nach Deutschland kam. Den Spross ihrer dennoch gelungenen Integration hat Anabel gerade ohne es zu wissen neben sich auf dem Sofa sitzen.

Auf meinem Smartphone scrolle ich mich kurz durch ihre Facebook-Seite. Anabel war mal wieder fleißig am Posten. Alle Schreckensmeldungen des Tages, in die ein Migrant verwickelt war, finden sich wie immer zuverlässig auf ihrer Seite.

Ich bin keine, die erzieht. Anabel Schunke

► “Ich bin keine, die erzieht. Ich bin niemand, der anderen permanent Links schickt und sagt: Guck dir das mal an, wie schlimm”, behauptet sie in einem Youtube-Video. “Da habe ich gar kein Bedürfnis. Ich dränge das niemandem auf. “

Doch genau das tut sie auf ihrer Facebookseite. Jeden Tag. Fast stündlich. Horrormeldungen, nur hier und da unterbrochen von einem Model-Foto. Es soll ja niemand vergessen, wer da schreibt.  

“Wenn ich mich nur über deine Facebookseite informieren würde, würde ich vielleicht wirklich Angst bekommen”, erzähle ich ihr.

“Ich habe vor ganz anderen Sachen Angst”, erwidert sie und lacht mit bitterem Unterton. 

Seitdem eine Gruppe Männer, hauptsächlich Araber und Schwarzafrikaner, deutsche Frauen mitten auf der Domplatte in Köln begrapschten und teilweise vergewaltigten, habe sie Angst. Und nicht nur sie: Auch Statistiken belegen, dass Frauen sich seit dieser Nacht unsicherer in Deutschland fühlen.

Doch die Frage ist, wie Menschen mit dieser Angst umgehen. Versuchen sie, diese zu verstehen und, auch dadurch, zu bekämpfen – oder instrumentalisieren sie die Angst für ihre Zwecke.

Köln, Silvester, das war Ende 2015, also genau zu der Zeit, als Schunkes Posts und Texte immer rechter wurden.

Sie selbst will von einem plötzlichen Rechtsruck nichts wissen. Sie sei jahrelang Mitglied der Jungen Union gewesen, schon 2010 habe sie mit vielen Thesen von Thilo Sarrazin sympathisiert, sagt sie. Vor allem aber “nach Köln 15” sei sie “Realist” geworden.

Mit dem Pfefferspray auf der Flucht vor Araber-Clans 

Sofort nach den Vorfällen auf der Domplatte machte sie ihren Waffenschein. Sie habe außerdem immer ein Pfefferspray bei sich, das aussehe wie ein Lippenstift, erzählt sie mir. Dadurch würde es bei Taschenkontrollen niemandem auffallen. Sie rüstet sich wortwörtlich für einen Krieg.

In Braunschweig oder Wolfenbüttel sei sie mittlerweile auf der Flucht, sagt sie. Vor Araber-Clans.

“Eine Freundin und ich wollten auf ein Konzert in Wolfenbüttel. Ich habe sie am Bahnhof abgeholt. Direkt kam eine Gruppe Schwarzafrikaner auf sie zu, die sie angemacht haben”, erzählt Anabel.

In der gleichen Zeit habe sie selbst im Auto gesessen und sei von ungefähr fünf Männern, “die arabisch aussahen”, umringt worden.

“Die haben in die Scheibe rein geguckt. Ich war richtig froh, dass mein Auto abgeschlossen war. Meine Freundin kämpfte sich durch, riss die Tür auf, wir sind dann abgebraust”, beendet sie die Geschichte, die sie für einen Beweis für die Grausamkeit von Arabern und Schwarzafrikanern im Allgemeinen zu halten scheint. Sie tut fast so, als sei jeder von ihnen eine Gefahr.

Dass das nicht so ist, betonen Experten und Polizisten seit Jahren. Erst im Februar kam eine ausführliche Untersuchung der Flüchtlingskriminalität in Niedersachsen zu dem Ergebnis, dass Flüchtlingskriminalität vor allem andere Flüchtlinge trifft. 

Langsam frage ich mich, ob es Anabel vielleicht doch ernst ist mit ihren Aussagen und sie ganz einfach an einer verzerrten Wahrnehmung leidet. Aber wie viel davon Show, und wie viel davon echt ist, versuche ich immer noch herauszufinden.

Im Playstation-Spiel ist sie das böse Cowgirl

Sie liebe Crime-Serien, erzählt sie ihren Freunden, als wir vor dem Feiern bei ihr auf dem Sofa Playstation spielen – ein Wissensquiz, in dem die fiktive Anabel ein böse schauendes Cowgirl ist.

Es kommt mir fast so vor, als würde Anabel zu mir sehen, ob ich auch zuhöre, als sie detailreich von ihren Lieblings-Serien erzählt. Offensichtlich gefällt sie sich gerade in der Rolle des kaltblütigen Cowgirls mit Waffenschein, das sich in der Freizeit gerne Crime-Storys ansieht und Ego-Shooter auf der Konsole zockt.

Es ist ein Bild, das sie ganz offensichtlich besetzen will: das hübsche, etwas kaltblütige Model mit der Waffe in der Hand, das den dummen Menschen da draußen mal erklärt, wie die Welt wirklich läuft. 

Das Ehrlichste am ganzen Konzept Anabel Schunke ist vielleicht ihr Facebook-Banner.

Ein unbewusstes Eingeständnis

“I’m not like most girls. Most girls”, steht da. Der Spruch bezieht sich auf junge Frauen, die so gerne sagen, sie seien anders als die anderen – und indem sie das sagen, doch genauso wie alle anderen auch sind.

 Ein unbewusstes Eingeständnis also? 

Denn als ich mit Anabel Schunke Playstation spiele, Pizza esse und feiern gehe, stelle ich vor allem eines fest: Hinter den wilden Parolen auf Youtube und dem zynischen Model auf Facebook, das Horrormeldungen verbreitet, ist sie vor allem eines: eine ziemlich normale junge Frau.

Eine junge Frau, die nicht gewöhnlich, sondern so gerne etwas Besonderes sein möchte. Und die sich Aufmerksamkeit von anderen Menschen wünscht. Wie, seien wir ehrlich, fast jeder Mensch.

“Diesen Leuten überlasse ich ganz sicher nicht mein Land!”

Ich sehe mir erneut Anabel Schunkes Video an. Jeder Satz, jedes Wort aus ihrem Mund klingt falsch. Ob sie wirklich dahinter steht – egal. Ob sie dafür gehasst wird – egal.

Wenig später wird sie wohl selbst vergessen haben, was sie in dem Video gesagt hat. Aber sie wird sich vermutlich die Aufrufe ansehen.

Und sich freuen.

(mf)