POLITIK
28/06/2018 13:46 CEST | Aktualisiert 28/06/2018 14:16 CEST

An die Untergangspropheten, die Deutschland jetzt abschreiben

Deutschland ist mehr als WM-Aus, Merkelkrise und Dieselskandal.

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Wer am Tag nach dem deutschen WM-Aus in die Seele der Nation schaut, sieht viele dunkle Wolken. Er sieht Trauer, Resignation und auch Wut, die sich zu einer Untergangsstimmung verdichten.

Dazu scheint auf den ersten Blick zu passen, dass Angela Merkels Kanzlerschaft schon in ein paar Tagen an ein jähes Ende kommen könnte. Und Deutschland in eine Regierungskrise schlittert, die es so nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht gab: Die Volksparteien in Trümmern, die Populisten im Aufwind.

Hinzu kommt, dass auch das Aushängeschild der deutschen Wirtschaft schwer angeschlagen ist: Die Autoindustrie produziert inzwischen genauso zuverlässig Skandale, wie wie früher zuverlässige Autos.

Löw hat dem deutschen Fußball den Spaß zurückgegeben

Siegen ist nicht mehr selbstverständlich: Nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft, nicht mehr für das “Made in Germany” der deutschen Autoindustrie und auch nicht mehr für den freien Westen, als dessen Anführerin Angela Merkel so oft bezeichnet wurde. Und auch für die Kanzlerin selbst. Wenn sie führt, folgen nicht mehr automatisch alle nach. Nicht in der eigenen Partei, nicht in Europa.

Für Untergangsszenarien aber ist es zu früh.

Zuerst zum Fußball: Die deutsche Nationalmannschaft hat zuerst mit Jürgen Klinsmann und dann Joachim Löw nach mehr als einem Jahrzehnt Jammer- und Rumpelfußball die Schönheit, die Freude und den Spaß auf den Platz zurückgebracht.

Die Schönheit einer ausgefeilten Taktik, aber auch die Leidenschaft und Freude, diese Taktik auf den Platz zu bringen. Das Ergebnis: Fußball, der Spaß machte.

Der deutsche Fußball war auf einmal modern, er hat ein Land stolz gemacht. Nicht nur, weil die Mannschaft erfolgreich war - das war ohnehin die Erwartung -, sondern weil sie diesen Erfolg noch zu einer Augenweide machte.

Und auch weil Klinsmann und Löw verstanden, die neue Schönheit mit den sogenannten deutschen Tugenden zu verschmelzen. Der blutende Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014 wurde zum Sinnbild dafür.

Cool Germany war geboren

Vielleicht lässt es sich auf diese Formel bringen: In den langen und quälenden Jahren vor Klinsmann und Löw ähnelte der deutsche Fußballer dem berühmten Klischee des deutschen Touris, der in weißen Tennissocken und Sandalen durch italienische Innenstädte trottet - am besten noch oberkörperfrei.

Irgendwie akzeptierten und respektierten alle diesen Deutschen, weil er immer ein paar Euro mehr in der Tasche hatte als alle anderen und ganz nette Autos baute.

Mit Klinsi und Jogi trug der Deutsche auf einmal Maßanzug, er war weltläufig und sexy. Er hatte Sinn für Ästhetik. Cool Germany war geboren, samt seiner Hauptstadt, die auf einmal die begehrteste und hippste Metropole der Welt war.

All das, ihr lieben Untergangspropheten, ist nicht mit einem Vorrundenaus weg.

Hinter Klinsi und Löw wird der deutsche Fußball schwer zurück können. Das liegt allein an der in ihrer Zeit verbesserten Jugendarbeit im Fußball und am spielerischen und taktischen Niveau, das die Bundesliga inzwischen erreicht hat.

Der nächste Bundestrainer wird keine Akzeptanz für Rumpelfußball à la Völler, Vogts und Ribeck finden. Deutschland ist in dieser Hinsicht mittlerweile auf einem Niveau mit Brasilien.

Angela Merkel hat das Land modernisiert

Was Klinsi und Jogi für den deutschen Fußball ist, ist Angela Merkel für die Politik.

Was Gerhard Schröder mit seinem historischen rot-grünem Projekt begonnen hatte, führte Angela Merkel fort. Sie modernisierte ihre eigene Partei, aber auch Deutschland.

Sie startete die Energiewende, schaffte die Wehrpflicht ab, stieß die Ehe für alle an - auch wenn sie selbst dagegen stimmte - und schließlich ließ in der Flüchtlingskrise die Grenze offen.

Sicher: Die Energiewende stottert derzeit, die Bundeswehr ist eher auf dem Niveau einer Feierabend-Armee statt eines Nato-Mitglieds und die Flüchtlingspolitik Merkels ist heftig unter Beschuss geraten; vor allem in Merkels eigenen Reihen.

Aber auch hier stimmt, was für den Fußball gilt: Hinter diese Projekte und Entscheidungen können Deutschland und die Deutschen schlecht zurück – sie sind quasi unumkehrbar.

Die Energieversorgung in Deutschland ändert sich langsam aber sicher. An manchen Tagen decken die erneuerbaren Energiequellen den gesamten Strombedarf Deutschlands.

Die Abschaffung der Wehrpflicht hat die Grenze dessen verschoben, was der Staat darf: Eben nicht mehr einfach so in die Lebensplanung junger Menschen eingreifen. Schwer vorstellbar, dass es je wieder durchsetzbar wird, einen großen Teil der jungen Männer und Frauen zu einem Zwangsdienst an der Waffe zu verpflichten.

► Die Ehe für alle und die Flüchtlingspolitik stehen für ein liberales, weltoffenes, freundliches Deutschland, das nicht über Nacht verschwinden wird. Auch nicht, wenn Merkel nicht mehr Kanzlerin ist und die Feinde dieses Gesellschaftsmodells noch stark daran rütteln. 

Deutschland ist ein Soft-Power-Gigant

Immer noch befürworten drei Viertel der Deutschen eine europäische Lösung im Streit über den Umgang mit Flüchtlingen und Asylbewerbern zwischen CDU und CSU und unterstützen damit Merkels Weg. 

Sagen wir es so: Deutschland im Jahr 2018 ist ein Soft-Power-Gigant – auch dank Angela Merkel. Und auch der fußballerischen Leistungen der deutschen Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren.

Das ist das Vermächtnis von Joachim Löw und Angela Merkel und das wird bleiben.

Hinzu kommt die Hard Power, die Deutschland immer noch hat. Vor allem ist das die starke Wirtschaft, die von einem Wachstumsrekord zum nächsten eilt und die Deutschland weltweit mehr politischen Einfluss sichert, als es 10 Atombomben könnten.

Zu dieser Hard Power zählt auch die deutsche Autoindustrie.

Sicher: Sie hat ungefähr alles falsch gemacht in Bezug auf den Diesel, was man falsch machen kann und massiv an Vertrauen eingebüßt. Aber wer auf die Produktpaletten der kommenden Jahre blickt, der sieht: Die Konzerne haben verstanden. Die deutschen Hersteller planen eine massive Elektro-Offensive mit Milliardeninvestitionen.

Und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass sie genau die Erwartungen erfüllen werden, die Kunden weltweit an Autos aus Deutschland haben: Sie werden das qualitativ Beste sein, was es auf dem Markt gibt.

Die Untergangspropheten mögen in diesen Tagen frohlocken. Ihre Freude wird aber nur von kurzer Dauer sein.