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05/04/2018 19:23 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 08:29 CEST

Pfarrer wollte "Selbstmörder" nicht beerdigen – und der Zugführer, der ihn überfuhr, verlangt Schmerzensgeld von dessen Eltern

Nein, ich mache dem Zugführer natürlich keinen Vorwurf. Auch wenn stimmt, was etwa in der Legal Tribune (online vom 27.07.2011 ) dazu einmal zu lesen war:

Ein Selbstmord ist für die Angehörigen fast immer tragisch. Dass ein Lokführer die ohnehin gebrochenen Hinterbliebenen in Anspruch nehmen will für Schäden, die er durch den Selbstmord ihres geliebten Menschen erlitten hat, ist kein gewöhnlicher Vorgang. Sicherlich neigt man im ersten Augenblick dazu, solche Ersatzansprüche zu verneinen.

Ebenso gilt aber sicherlich auch (wie ebenfalls dort zu lesen):

Rechtlich gesehen ist das Gegenteil richtig. Entkleidet man den Sachverhalt von seinen emotional berührenden Begleitumständen, erweist sich der Schadensersatzanspruch des Lokomotivführers, der den Zug fuhr, welchen der Selbstmörder als seine Todesursache ausgesucht hat, als einer aus unerlaubter Handlung. Ist derjenige, der sie begangen hat, verstorben, kann man sich an seine Erben wenden. Nichts anderes tut der Lokführer, wenn er die Angehörigen des Suizidenten in Anspruch nimmt.

Das sahen auch schon viele Gerichte so- auch wenn meistens zumindest sehr umstritten ist, inwieweit überhaupt von “Zurechnungsfähigkeit” (und somit “Schuldfähigkeit”) die Rede sein kann. Bei ganz klarem Bewusstsein ist man ja kaum fähig sich vor einen Zug zu werfen. Andererseits beschreibt in dem genannten Artikel auch Prof. Dr. Roland Schimmel , Rechtsanwalt und lehrend an der Fachhochschule Frankfurt am Main, dass man hier wirklich auch nicht vorschnell moralisch urteilen sollte:

Auch das moralische Entsetzen relativiert sich, wenn man die unerfreuliche Situation betrachtet, in die der Lokomotivführer bei einem Selbstmord auf den Gleisen gerät. Gegen den eigenen Willen einen Menschen zu töten, weil die physikalischen Gesetze bei einem fahrenden Zug nichts anderes zulassen, ist sicher eine Erfahrung, die geeignet ist, Traumata zu verursachen.

Es ist empirisch erwiesen, dass diese bei vielen betroffenen Lokomotivführern mindestens zu sofortiger und kurzzeitiger Dienstunfähigkeit führen, nicht selten sogar zu wochen- oder monatelanger Behandlungsbedürftigkeit. Fast zwangsläufig entstehen damit handfest messbare Verdienstausfallschäden wie der regelmäßige Arbeitslohn sowie erwartbare Schichtzulagen. Im schlimmsten Fall kann der traumatisierte Bahnangestellte dauerhaft nicht mehr arbeiten. Je nach Lebensalter und Erfolgsaussichten einer Umschulung im Einzelfall drohen also enorme Ausfallsummen. Hinzu tritt der Ersatz für die immateriellen Schäden; für Schlaflosigkeit, Alpträume und das Ungemach längerer medizinischer Behandlung fällt leicht ein vierstelliger Betrag an – wenn auch, wie immer, abhängig von den Umständen des Einzelfalls.

Und auch etwa die FAZ (vom 19. 9. 2011) berichtete in dem Artikel

NACH SUIZID EINES JUGENDLICHEN: Lokführer erhält Schmerzensgeld von Eltern

  • “Der Lokführer forderte Schmerzensgeld von den Eltern, nachdem deren Sohn sich vor seinen Zug geworfen hatte. Nun haben sich die Parteien auf einen außergerichtlichen Vergleich geeinigt. Die als Erben belangten Eltern des 20-Jährigen hätten sich zu einer Geldzahlung an den Lokführer bereiterklärt”

Der Lokführer hatte die Erben des Toten auf Zahlung von 15 000 Euro Schmerzensgeld verklagt. Er leide unter Alpträumen und starken Kopfschmerzen, hatte sein Anwalt die Klage begründet. Der Vergleich könnte sich auf ähnliche Fälle auswirken.

Lokführer verzichten meist auf Schmerzensgeld

Heißt es auch in diesem Artikel. Und: “Nach Kenntnis des Frankfurter Anwalts Andreas Wirz ist bisher kaum ein Lokführer gegen Angehörige von Selbstmördern vor Gericht gezogen - oft wegen moralischer Bedenken. Aus juristischer Sicht könnten Erben aber durchaus für das Verhalten des Verstorbenen verantwortlich gemacht werden”.

Aus bereits genannten Gründen hätten Sie

sicherlich aber auch das Recht dazu- auch oft moralisch

So etwa im Fall eines mir bekannten 30 jährigen Mannes, der sich vor einen Zug warf, getötet wurde dadurch.

Letztlich als Folge davon, dass ihn sein Vater in jüngeren Jahren würgte. Nur die gerufene Polizei konnte sein Leben retten. Das versetzte ihn fortan in große seelische Nöte. Der Vater wollte dann nach dem Suizid sogar noch unbedingt das ( bescheidene) Erbe des Sohnes haben, um den er sich zuvor nie wirklich kümmerte (!). Damit wäre er - man erbt ja auch nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten - in der Tat aber auch Erbe der Schadensersatzansprüche des Zugführers geworden, der diese in dem Fall (über einen Anwalt) auch stellte.

Der Vater wohnt auch in einem großen Haus. Also alles klar, die Welt ist gerecht und der Mann muss sein Haus verkaufen, den Zugführer damit Schadensersatz und Schmerzensgeld zahlen, gerechtfertigter weise?

Leider nein.

Dieser Mann kann angeblich keinen Cent zahlen. Übrigens auch nicht für die Beerdigung (!).

Er ist Rentner, hat deshalb (vermeintlich) kein Geld ....

Für die Beerdigung kam nun die Mutter - auch nicht reiche Rentnerin - alleine auf. Diese muss nun wohl auch das Erbe des geliebten Sohnes ausschlagen, um nicht auch noch Schadensersatz und Schmerzensgeld an den Zugführer zahlen zu müssen. Was wirklich auch nur noch absurd gewesen wäre- sie hatte Jahre lang um ihren Sohn gekämpft, der an starken Depressionen litt, war mit ihm bei unzähligen Ärzten und hatte sich um therapeutische Hilfe bemüht. Die aber kaum oder nur zu wenig oder zu spät zu bekommen war “dank” eines bekanntlich unsäglichen deutschen “Gesundheitssystems”. Die nun zutiefst trauert und selbst sehr hilfsbedürftig ist.

Sicherlich zumindest nicht weniger als der Zugführer. Beide haben sicherlich Hilfe verdient. Aber bitte nicht auf Kosten der Falschen, sondern der - bzw. hier dem - Richtigen. Das würden wohl sicher auch Sie, lieber Zugführer, so sehen. Auch wenn Sie sich natürlich darum nicht kümmern müssen sollten. Aber zuständige Stellen und Behörden schon. Und auch Verantwortliche (Politiker) endlich um ein besseres Gesundheitssystem (und Bildungssystem, Pflegesituation und vieles mehr) in Deutschland,- damit auch verhindert werden kann, dass es überhaupt soweit kommt, dass sich so viele Menschen selbst töten . Zumal:

Zahl der Selbstmorde wird deutlich unterschätzt

- das berichtete unter anderem auch bereits die “Welt” vom 22.06.2012 Die Zahl der Menschen, die sich selbst töten, wird nach Meinung von Wissenschaftlern weltweit demnach deutlich unterschätzt. Bei weiblichen Jugendlichen sei dies inzwischen häufigste Todesursache, bei männlichen Jugendlichen stehe Selbstmord an dritter Stelle hinter Verkehrsunfällen und Gewaltverbrechen, fanden Wissenschaftler aus mehreren Ländern demnach heraus.

Knapp eine Million Suizide pro Jahr,

Ein Lokführer überfährt im Schnitt drei Menschen

 

Offizielle Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO gehen demnach davon aus, dass sich weltweit fast eine Million Menschen pro Jahr das Leben nehmen. Und jeder davon ist ja einer zuviel, zumal unzählige betroffene Angehörige (oder eben auch Zugführer und deren Angehörige) die Zahl der Opfer nochmals vervielfachen.

Und das Thema wird künftig eher ein noch größeres werden. Zumal beispielsweise in der Sendung “ Markus Lanz” vom 29. März 2018 darüber berichtet wurde, dass viele Menschen auch so im Pflege- “Notstand” in Deutschland leiden, dass sie sich das nicht weiter antun wollen und sich selbst das Leben nehmen, zumindest etwa durch das sogenannte “Sterbefasten”. Dies ist auch eine brutale Anklage der deutschen Politik, denn etwa in Norwegen kommt ein Pfleger auf etwa 6 zu Pflegende, in der deutschen Praxis ist das Verhältnis oft etwa 1: 60.

Mit anderer Politik wäre auch in Deutschland zweifellos möglich viele Leben zu retten, immenses Leid (auch für Angehörige) zu vermeiden!

Dass über all dies nur wenig berichtet wird dient also sicherlich auch dem “Status Quo” von absolut unguten politischen Verhältnissen, weshalb dies auch nicht weiter tabuisiert werden sollte, sondern viel mehr diskutiert. Es nehmen sich ja nicht so viele Menschen als “Nachahmer” das Leben, sondern weil sie als unter anderem alte oder psychisch kranke Menschen in der Gesellschaft zu wenig Hilfe und Anerkennung finden!

Und dagegen sollten unter anderem ja auch die Kirchen und deren Vertreter mehr tun, anstatt den Opfern schlechter Politik auch noch Vorwürfe zu machen und sogar die “letzte Ehre” zu verweigern!

Die Süddeutsche Zeitung berichtete auch schon einmal (am 1. 7. 2014), dass sich jährlich in Deutschland etwa tausend Menschen vor einen Zug werfen, so wie 2009 auch Robert Enke. Weiter heißt es dort: “Über jedes kleine Detail führt die Deutsche Bahn AG genau Buch. Sie weiß auch, dass ein Lokführer in seinem Berufsleben im Schnitt drei Menschen überfährt. Bahnintern wird der Schienensuizid als Personenunfall (PU) geführt. Dazu zählen aber auch Unfälle, die eine andere Ursache haben, wie etwa verbotenes Betreten der Gleise”.

Gut, dass es wenigstens Menschen gibt wie den Pfarrer auf der Beerdigung des oben genannten jungen Mannes, der Suizid beging (während ein anderer Pfarrer erst gar nicht “Selbstmörder” die letzte Ehre geben wollte - solche Kirchenvertreter haben sicher verdient, dass ihre Kirche immer leerer wird, zumal ja auch in vielen kirchlichen Pflegeeinrichtungen viel Ungutes passiert!). Er sprach ganz klar die Schuld des Vaters an und sprach herzliches Beileid nur den anderen Angehörigen aus . Ebenso wie dem Zugführer ...

Auch für Menschen mit Suizid- Gedanken (bzw. deren Angehörige und Freunde) guter erster Ansprechpartner: Die www.telefonseelsorge.de/ auch per E- Mail, Chat (auch anonym möglich) oder der kostenlosen Hotline0800-1110111 oder 0800-1110222.