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13/08/2018 18:02 CEST | Aktualisiert 15/08/2018 02:38 CEST

An den Taxifahrer von Sonntagnacht, der nur gebrochen Deutsch spricht

"Ihre Geste hat mich zutiefst gerührt."

Getty Images

Als ich am Sonntagabend um 23 Uhr am Busbahnhof in München ankam, lagen meine Nerven blank.

Drei Stunden lang war ich im Fernbus zwischen meinem Handgepäck und dem zurück gelehnten Sitz meines Vordermannes eingequetscht gewesen. Es gab mehrere Missverständnisse wegen der Sitzplatzreservierungen, das WLAN ging nicht und schlafen konnte ich leider auch nicht. Ich war schrecklich müde und wollte so schnell wie möglich ins Bett.

Also beschloss ich, ein Taxi zu nehmen.  

Beim Taxifahren ist mir oft unwohl

Richtig wohl ist mir nie dabei, wenn ich alleine in ein Taxi steige. Ich denke viele junge Frauen können sich etwas Schöneres vorstellen, als nachts alleine zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen.  

Eine Bekannte sagte neulich sogar, dass sie sich nie auf den Beifahrersitz setze, wenn sie allein Taxi fahre – aus Angst vor einem Übergriff.

Ich nannte dem Fahrer meine Adresse; er wiederholte sie noch einmal in gebrochenem Deutsch – vermutlich, um sicherzugehen, dass er mich richtig verstanden hatte. Den Rest der Fahrt haben wir uns angeschwiegen.

Obwohl ich völlig erschöpft und schon im Halbschlaf war, war ich fast ein bisschen enttäuscht darüber. Denn in der Zeit, die ich nun in München wohne, habe ich mich an den Smalltalk mit den hiesigen Taxifahrern gewöhnt – ja, ich habe ihn schätzen gelernt.

Normalerweise wollen die Taxifahrer wissen, woher ich an diesem Abend gekommen bin, was ich beruflich mache, oder ob ich das Wetter zurzeit auch so schrecklich finde. Die meisten erzählen dann auch etwas aus ihrem Leben.

Da war der junge Deutschtürke, der eigentlich Grafik-Designer ist und sich als Taxifahrer etwas dazu verdient, um sich seine Traumreise nach Japan leisten zu können.

Der Mann aus Afghanistan, der mich vom Feiern heimgebracht hat und mir erzählte, dass er sich in Diskotheken immer so blöd vorkommt, weil er nicht tanzen kann und deshalb lieber in Bars geht.

Der zweifache Vater aus der Türkei, der immer die Nachtschicht fährt, damit er so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern verbringen kann.

Und der gebürtige Iraner, der selbst viele Jahre als Journalist gearbeitet hat und in Deutschland aufgrund der Sprachbarriere einen anderen Job annehmen musste.

Diese Männer und ihre Geschichten sind mir im Gedächtnis geblieben, vielleicht auch deshalb, weil man heutzutage eher selten mit Fremden ins Gespräch kommt.

Die meisten Menschen meiden den direkten Kontakt und starren viel lieber in ihr Smartphone, oder hören Musik anstatt sich mental auf eine flüchtige Begegnung einzulassen.

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Ich ging Richtung Haustüre, als ich eine Stimme hinter mir hörte

Tatsächlich dauerte die Taxifahrt am Sonntagabend keine zehn Minuten: Die Straßen waren frei und nur eine einzige Ampel auf unserem Weg war rot.

Als wir vor meiner Wohnung hielten, wusste ich kein bisschen mehr über den Mann, der mich nach Hause gebracht hatte, als zu Beginn der Taxifahrt – und er auch nicht über mich.

“Vielleicht interessiert er sich nicht für seine Fahrgäste”, dachte ich und drückte dem Mann den Fahrpreis plus Trinkgeld in die Hand.

Schließlich liegt es im Ermessen eines jeden Taxifahrers, ob er sich mit seinem Fahrgast unterhalten möchte. Für manche geht es vielleicht schlicht und einfach um eine Transaktion: Sie fahren, ich bezahle und in dem Moment, in dem die Autotüre ins Schloss fällt, endet unser Verhältnis.

Ich stieg aus dem Auto und ließ mir meine Tasche aus dem Kofferraum geben. Wieder verlor der Mann kein Wort. Ich wünschte ihm eine gute Nacht und ging in Richtung Haustüre, als ich eine Stimme hinter mir hörte:

Soll ich noch warten, bis du drin bist?”

Die Frage des Taxifahrers traf mich vollkommen unverhofft.

In einer Zeit, in der mich selbst vermeintlich gute Kumpels nicht mal bis zum Taxi bringen, obwohl ich sichtlich angetrunken bin, in der man als Frau immer mehr das Gefühl bekommt, dass die eigene Sicherheit eben auch in der eigenen Verantwortung liegt, ist diese Frage finde ich alles andere als selbstverständlich.

Es hat mich zutiefst gerührt, dass der Mann sich um mein Wohlergehen gesorgt hat. Dass er überhaupt soweit mitgedacht hat, dass ich mich auf dem Heimweg unwohl fühlen könnte.

Seine Geste, so klein und simpel sie auch war, hat einem blöden Abend zu einem schönen Ende verholfen. 

Deshalb will ich dir, lieber Taxifahrer, an dieser Stelle eigentlich nur Eines sagen: Danke und hoffentlich bis bald.