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24/09/2018 12:56 CEST | Aktualisiert 24/09/2018 14:50 CEST

An den Mann, der meinte, für eine Ausländerin sei ich ganz nett

Menschen unterteilen oft in "gute" und "böse" Ausländer.

fancy.yan via Getty Images
"Wer nicht deutsch aussieht, scheint oft nicht zu diesem Land zu gehören." 

Letztens habe ich am Hauseingang einem älteren Mann mit Rollator die Tür aufgehalten, wie man das halt so macht. Der Mann bedankte sich herzlich – und fügte dann allerdings hinzu: “Sie sind ja ganz nett – für eine Ausländerin.”

Man muss dazu sagen: Ich komme ursprünglich aus China und bin vor fast 20 Jahren mit meiner Familie nach Deutschland gekommen. Ich bin hier zur Schule gegangen, arbeite hier, spreche fließend Deutsch – aber natürlich sehe ich nicht “biodeutsch” aus.

Die Begegnung mit dem alten Mann machte mich deshalb stutzig und zugleich sehr traurig: Ich wollte einfach nur nett sein und ihm etwas Gutes tun. Doch sein Kommentar hatte einen rassistischen Unterton.

Und das hat die eigentlich schöne Situation überschattet und mir wieder einmal bewusst gemacht, dass viele Menschen hierzulande mich lediglich als Ausländerin wahrnehmen, nicht als ganz normalen Mitmenschen.

Überraschung: Es gibt auch nette Ausländer

Ich weiß, dass der Mann es wahrscheinlich nicht böse meinte und mir eigentlich ein Kompliment machen wollte. Vielleicht hat er schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht – das weiß ich natürlich nicht und will ihm nichts unterstellen. Deswegen habe ich auch keinen Konflikt mit ihm gesucht und bin einfach weitergegangen.

Dennoch tun solche Kommentare weh – als wäre es eine Überraschung, dass Ausländer auch mal nett sein können. 

Deswegen möchte ich allen Menschen, die meinen, solche “Komplimente” seien in Ordnung, folgende Botschaft senden: Es ist nicht okay, so etwas zu sagen.

Ich möchte aufgrund meiner Ethnie nicht nur als “die Ausländerin” wahrgenommen werden – sondern als Mensch.

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Wer nicht deutsch aussieht, scheint oft nicht zu diesem Land zu gehören

Obwohl ich schon seit so langer Zeit hier lebe und sowohl die chinesische als auch die deutsche Kultur als die meinen betrachte, scheinen mir Menschen immer wieder deutlich machen zu wollen: Du bist keine von uns. Deutschland ist nicht dein Land. Du siehst nicht Deutsch aus

Regelmäßig werde ich mit positivem Rassismus konfrontiert. Hin und wieder sprechen mich Menschen darauf an, ob ich gut kochen könne, weil ich Chinesin bin, oder ob ich deswegen ständig chinesisch esse. Oder dass ich bestimmte landestypische Zutaten wie Ingwer besonders mögen müsse. 

Das sind natürlich keine direkten Beleidigungen, aber ich spüre einfach, wie manche Menschen mich aufgrund meines Aussehens in eine bestimmte Schublade stecken.

“Du bist eine ‘gute’ Ausländerin”

Manchmal sind die Kommentare auch direkt beleidigend. Besonders traurig ist es, wenn Menschen in meiner Gegenwart über Ausländer schimpfen und dabei vergessen, dass auch ich eine bin.

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Ich hatte zum Beispiel einmal eine Diskussion mit einem Bekannten über Flüchtlinge. Er vertrat die Meinung, dass man Ausländer eigentlich des Landes verweisen müsste. Ich fühlte mich natürlich auf den Schlips getreten und sah die Notwendigkeit, ihn daran zu erinnern: Auch ich komme ursprünglich nicht aus Deutschland. Sollte ich deswegen das Land verlassen?

“Nein, du doch nicht”, sagte mein Bekannter. “Du bist eine gute Ausländerin.”

Er war überrascht, dass ich mich von seiner Meinung angegriffen fühlte – denn er meine doch nur die “bösen” Ausländer. Dass er mit seiner Verallgemeinerung ganze Gruppen von ursprünglich nicht-deutschen Mitbürgern beleidigen könnte, auch mich, war ihm nicht bewusst. 

Seine Unbedarftheit ändert allerdings nichts an meiner Sichtweise: Wir sollten über andere Menschen, Ausländer oder Deutsche, keine pauschalen Urteile fällen.

Immerhin konnte ich mit dem Bekannten über seine Meinung sprechen. Am Ende entschuldigte er sich für seine Aussagen. 

Nicht nur China ist “mein Land”

Auch werde ich immerzu auf die Politik Chinas angesprochen und nahezu dafür verantwortlich gemacht, was “mein Land” schon wieder angestellt hat. “Mein Land” unterstände einem korrupten Regime. “Mein Land” beachte die Menschenrechte nicht. 

Dabei vergessen die Leute, dass “mein Land” auch Deutschland ist. Dass ich nicht einmal jedes Detail der chinesischen Politik kenne, weil ich nun einmal hier in Deutschland lebe. Dass ich aufgrund meiner Herkunft die chinesische Regierung nicht vertrete und auch nicht gegen Menschenrechte bin.

China ist ein anderes Land mit einem anderen politischen System und anderen Sitten, für die ich nicht stellvertretend stehe. Wer nur aufgrund meiner Herkunft etwas Gegenteiliges glaubt, nervt nicht nur, sondern beleidigt mich auch.

Manchmal vergesse ich, dass ich eine Chinesin in Deutschland bin

Für viele Menschen ist es schwer verständlich, dass ich zwei Kulturen in mir vereine – und zwar so sehr, dass ich manchmal einfach vergesse, eine Chinesin in Deutschland zu sein. Für mich spielt die Herkunft keine Rolle, denn der Mensch selbst mit all seinen Interessen steht im Vordergrund.

Dass manche Menschen das nicht so sehen, überrascht mich immer wieder und gibt mir das Gefühl, nicht vollständig akzeptiert zu sein. 

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Ich kann verstehen, dass gerade Menschen älterer Generationen vielleicht in keinem so internationalen Umfeld aufgewachsen sind. Dass ihnen in den Medien viele negative Informationen über Ausländer zugetragen werden, dass sie deswegen misstrauisch oder gar ängstlich sind.

Der Mensch selbst sollte im Vordergrund stehen – nicht seine Herkunft

Dennoch bin ich der festen Überzeugung: Es gibt nun einmal überall gute und schlechte Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft. Der Mensch und sein Verhalten sollten im Vordergrund stehen, nicht sein Aussehen, seine Kultur, sein Alter oder sein Geschlecht. 

Deswegen ist meine Botschaft an euch: Sprecht mit den Menschen, wenn ihr hört, dass sie sich rassistisch äußern – selbst wenn sie es eigentlich gut meinen. Erklärt ihnen ruhig, wenn sie vielleicht unbeabsichtigt jemanden beleidigen. Manchmal verstehen die Leute nicht, dass sie gerade die Gefühle anderer verletzen, weil sie zu Unrecht verallgemeinern. 

Und wenn ich jemandem von euch mal die Tür aufhalten sollte: Sagt doch einfach nur nett “Danke” – das genügt schon.  

(jg)